Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund haben sieben Athletinnen und Athleten erstmals in der Aktivenklasse ganz oben auf dem Podest gestanden. Die meisten von ihnen sind neue Gesichter, andere waren schon mehrfach nah an ihrem ersten nationalen Titel. Wir stellen die neuen Meisterinnen und Meister vor, heute Kugelstoßer Georg Harpf (LG Stadtwerke München).
Georg Harpf
LG Stadtwerke München
Bestleistung:
Kugelstoßen: 19,31 m (2026); Halle: 20,46 m (2026)
Erfolge:
Bronze U20-WM 2024
Vierter U20-EM 2023
Silber U18-EM 2022
Deutscher Hallenmeister 2026
Bei internationalen Nachwuchsmeisterschaften stehen DLV-Kugelstoßer regelmäßig auf dem Podest. Mit ihren ersten 20-Meter-Weiten mit der Männerkugel haben im vergangenen Jahr zwei von ihnen den nächsten Schritt in Richtung internationaler Spitze gemacht: Der schon dreimalige Deutsche Meister Eric Maihöfer und der zweimalige U23-Europameister Tizian Lauria (beide VfL Sindelfingen). Im zurückliegenden Winter ist mit Georg Harpf (LG Stadtwerke München) ein weiterer Hoffnungsträger in diesen Bereich vorgestoßen. Er ist auch im kommenden Jahr noch in der U23 startberechtigt.
Der 20-Jährige hat eine Hallensaison auf neuem Niveau abgeliefert. Gleich sechs Wettkämpfe nacheinander beendete der Münchner mit einer neuen Bestleistung. Höhepunkt war die Hallen-DM in Dortmund. Dort holte sich der Aufsteiger sein erstes nationales Gold in der Männerklasse und bewies mit einer satten Steigerung auf 20,46 Meter, dass auch größere Leistungssprünge in ihm stecken.
An diese Weite möchte der angehende Polizist im Sommer anknüpfen und sich mit der EM in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August) für seine erste internationale Meisterschaft im Erwachsenenbereich qualifizieren. Hinter seiner Entwicklung steckt vor allem kontinuierliches und verletzungsfreies Training sowie zunehmende Routine in seiner Ausbildung bei der bayerischen Landespolizei.
Wurzeln in Ingolstadt
Georg Harpf ist in Ingolstadt aufgewachsen. Als Grundschüler begann er mit dem Leichtathletik-Training. „Ich habe mich einfach gern bewegt und war viel mit meinen Freunden draußen“, erzählt der heutige Leistungssportler. Im Kindertraining beim MTV 1881 Ingolstadt wurde eine breite Grundlage geschaffen. „Laufen, sprinten, springen, werfen: Mir hat alles Spaß gemacht. Wegen meiner körperlichen Voraussetzungen kristallisierten sich dabei die Wurfdisziplinen als meine Stärke heraus.“
Als U16-Athlet unter der Anleitung von Tim Madalinski gehörte der Nachwuchsathlet zu den Besten seines Jahrgangs in Deutschland. In der M15 erzielte der schon damals großgewachsene Athlet beispielsweise 17,01 Meter mit der Vier-Kilo-Kugel und belegte damit den zweiten Platz der DLV-Jahresbestenliste. Auch im Diskuswerfen brachten ihn 51,80 Meter mit der Ein-Kilo-Scheibe in die Top Ten.
In der Coronazeit gehörte Georg Harpf zu den wenigen Athleten, die durch ihren Kaderstatus die Trainingsanlagen weiter nutzen durften. Zur Seite stand ihm dabei der Ingolstädter Wurftrainer Vincent Igl. Zum Stützpunkt-Training fuhr das junge Talent schon regelmäßig nach München. Bei seiner ersten Teilnahme bei Deutschen Jugendmeisterschaften in der U18 im Jahr 2021 kam er mit 16,67 Metern (Fünf-Kilo-Kugel) auf den vierten Platz.
Wechsel nach München, internationale Nachwuchsmedaillen
Als die Versetzung von Tim Madalinski einen Umbruch beim MTV 1881 Ingolstadt auslöste, entschloss sich Georg Harpf ebenfalls für einen Standortwechsel. Er zog ins Haus der Athleten nach München, wechselte auf die berufliche Oberschule Oberschleißheim und zur LG Stadtwerke München. „Um meine leistungssportlichen Ziele weiter zu verfolgen, war das ein logischer Schritt und keine große Sache für mich“, erzählt der Kugelstoßer. „Ich kannte die Trainingsgruppe schon aus gemeinsamen Trainingslagern und habe mich mit allen gut verstanden. Außerdem war ich nicht so weit weg von zu Hause.“ Andreas Bücheler übernahm die Betreuung.
Das war der Startschuss für den nächsten Leistungsschritt, der zu nationalen Titeln in den Nachwuchsklassen und internationalen Starts, inklusive Medaillen, führte. Im zweiten U18-Jahr fiel mit der Fünf-Kilo-Kugel die 20-Meter-Marke (PB: 20,66 m). Der erste Start im Nationaltrikot bei der U18-EM in Jerusalem (Israel) endete mit Silber (20,16 m). Im ersten U20-Jahr ging es mit Rang vier bei der U20-EM (19,17 m), die ebenfalls in Jerusalem ausgetragen wurde, erfolgreich weiter.
Gleichzeitig schloss der Nachwuchskugelstoßer seine Schullaufbahn ab und wurde in die Spitzensportförderung der bayerischen Landespolizei aufgenommen. Dort ist inzwischen der dritte Ausbildungsabschnitt abgeschlossen. Alle fanden in den Wintermonaten statt. Im Frühjahr und Sommer folgt jeweils eine Freistellung für den Sport.
U20 endet mit WM-Medaille
Die kontinuierliche Leistungsentwicklung setzte sich auch nach dem Wechsel von der Schule zur Ausbildung bei der Polizei fort. Im zweiten U20-Jahr flog auch die Sechs-Kilo-Kugel regelmäßig über die 20-Meter-Marke. Neben den Titeln bei der Jugend-DM drinnen und draußen war Bronze bei der U20-WM in Lima (Peru; 20,28 m) der Höhepunkt des Jahres 2024.
„Groß Gedanken darum, dass ich auch auf internationaler Ebene gestartet bin, habe ich mir nicht gemacht. Ich habe fokussiert trainiert und der Fortschritt kam automatisch. Es war aber natürlich eine große, weitere Motivation, dass ich internationale Medaillen gewonnen habe.“
U23 beginnt ohne EM-Teilnahme
Der Übergang in die U23 war im vergangenen Jahr mit starker nationaler Konkurrenz verbunden. In einer knappen Entscheidung reichte es nicht für einen Startplatz bei der U23-EM in Bergen (Norwegen), obwohl der Münchner (18,96 m) die Norm (18,60 m) mit der Männerkugel erfüllt hatte. Tizian Lauria (20,09 m), Philipp Thomas (SV Halle; 19,08 m) und Lasse Schulz (TV Plieningen; 18,98 m), die in Bergen die Plätze eins, vier und sechs erreichten, hatten zum Nominierungszeitpunkt größere Weiten stehen.
Obwohl er das Nachsehen hatte, sieht Georg Harpf diese Situation im Rückblick positiv. „Ich habe diese Anspannung genossen. Bei jedem Wettkampf, kam es darauf an, abzuliefern. Wir haben uns gegenseitig gepusht.“ Nach der Nominierungsentscheidung war die Saison keineswegs beendet. Es folgten die ersten 19-Meter-Weiten mit dem 7,26-Kilo-Gerät und Bronze bei der DM in Dresden (19,12 m).
Hallensaison aus einem Guss soll gelungener Sommer folgen
Auf dieses Niveau konnte der 20-Jährige im zurückliegenden Wintertraining aufbauen. Zugute kam ihm dabei, dass im dritten Ausbildungswinter bei der Landespolizei zwei Trainingseinheiten pro Woche mehr möglich waren. „Außerdem habe ich mich mehr an meinen Tagesrhythmus gewöhnt, so konnte ich im Training noch konzentrierter sein. Der Alltag hat mich weniger gestresst. So ist mir alles gefühlt etwas leichter gefallen.“
Von größeren Verletzungen ist Georg Harpf bisher verschont geblieben. Darin sieht er ein großes Plus, das seine kontinuierliche Entwicklung mit ermöglicht hat. „Dahinter steckt mein Trainer, der dafür sorgt, dass ich keine großen Schwächen habe. Wenn Probleme aufgetreten sind, haben wir immer frühzeitig reagiert. Mittlerweile kann ich auch gut einschätzen, wie mein Körper reagiert.“
So kam es zu der starken Hallensaison bis hin zum ersten 20-Meter-Stoß mit der Männerkugel bei der Hallen-DM, der gleich bis auf 20,46 Meter flog. Drei Wochen später beim EA-Wurf-Cup in Nikosia auf Zypern war die Form dann nicht mehr so stark wie in der Hallensaison. Immerhin reichte es zu 19,31 Metern und damit einer neuen Freiluft-Bestleistung. Danach gönnte sich der Drehstoßer eine kurze Auszeit von einer Woche, um dann neue Grundlagen für den bevorstehenden Sommer zu legen.
Traum vom EM-Start in Birmingham
„In der Freiluftsaison möchte ich bestätigen, was ich in der Halle gezeigt habe, und möglichst noch etwas draufpacken“, sagt der Deutsche Hallenmeister. „Das langfristige Ziel sind die Olympischen Spiele 2028. Auch bei EM und WM bei den Männern möchte ich dabei sein und bestmögliche Leistungen zeigen.“
Für die EM im Sommer sind 20,80 Meter als Direkt-Norm gefordert. Die DLV-Bestätigungsnorm, die ab dem 1. März erfüllt werden kann, steht bei 20,20 Metern. Diese Weite hat der Aufsteiger bei der Hallen-DM schon übertroffen. Der erste Auftritt im Nationaltrikot in der Männerklasse schon in der bevorstehenden Freiluftsaison ist also nicht außer Reichweite.
Video: Georg Harpf feiert mit Bestleistung Kugelstoß-Gold
Video-Interview: Georg Harpf: "Wir jungen Kugelstoßer haben das Potenzial, sehr weit zu stoßen"
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Georg hat eine sehr stabile Hallensaison gezeigt und sich von Wettkampf zu Wettkampf gesteigert. Das Ergebnis in Dortmund war die Konsequenz daraus. Wer als Drehstoßer konstant an der 20-Meter-Marke kratzt, ist mit einem optimalen Versuch in der Lage, einen halben Meter weiter zu stoßen. Dass Georg das bei den Deutschen Hallenmeisterschaften gelungen ist, zeigt auch, dass er die nötige mentale Stärke mitbringt, um Leistung zu zeigen, wenn es darauf ankommt.
Seine Entwicklung hatte sich im vergangenen Jahr schon angedeutet, als seine 19,24 Meter nicht ganz für das standen, was er zu leisten imstande war. Technische Probleme beim Umstieg auf die Männerkugel haben erschwert, dass er sein Potenzial ausschöpft. Eine zusätzliche Motivation könnte auch gewesen sein, dass er die U23-EM verpasst hat. Aus meiner Sicht hat das bei ihm und seinem Trainer Andreas Bücheler dazu geführt, noch etwas akribischer zu arbeiten. Das hat er voll in Leistung umsetzen können. Georg ist noch neu im Männerbereich und könnte die Lücke zur Weltspitze in den nächsten Jahren schließen.
Er ist von seiner Statur ein waschechter Kugelstoßer. Georg ist groß, er hat gute Hebel und bringt die nötige physische Substanz mit. Um sich weiter zu verbessern, kann er sich technisch weiterentwickeln. Der Ansatz ist, die Drehgeschwindigkeit zu erhöhen und schon den Eingang in die Bewegung zügiger zu gestalten. Das ist den beiden schon gut gelungen, der Weg ist aber noch nicht am Ende. Dazu kann die Physis kontinuierlich weiter aufgebaut werden, bestenfalls ohne verletzungsbedingte Ausfälle.
Für diesen Sommer sollten die 20,46 Meter nicht der Maßstab für jeden Wettkampf sein. Ich würde mich freuen, wenn sich Georg im Bereich von 20 Metern stabilisiert, sowie noch einmal die 20,20 Meter und damit die Bestätigungsnorm für die EM übertrifft. Wenn das gelingt, stehen die Chancen für den ersten großen Auftritt bei den Männern gut. Langfristig traue ich Georg auch Direkt-Normen für Großereignisse zu, also Weiten über 20,80 Meter und 21 Meter. Er hat ein klasse Umfeld, mit der Landespolizei Bayern einen guten Partner an seiner Seite und eine starke Trainingsgruppe. Ich hoffe, dass wir 2028 wieder Kugelstoßer bei den Olympischen Spielen haben. Georg könnte einer von ihnen sein.