| Interview

Katharina Maisch: „19 Meter sind immer ein Befreiungsschlag“

© Chara Savvidou
Mit einem Favoritensieg bei den Halleschen Werfertagen ist Kugelstoßerin Katharina Maisch am Samstag erfolgreich in die Saison eingestiegen. Die 28-Jährige übertraf zum fünften Mal in ihrer Karriere die 19-Meter-Marke. Was ihr die 19,03 Meter bedeuten, wohin es in diesem Sommer noch gehen soll und was die Tücken der Drehstoßtechnik sind, verrät die Athletin vom LV 90 Erzgebirge im Interview der Woche.
Jane Sichting

Katharina Maisch, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem erfolgreichen Saisoneinstieg und dem Sieg bei den Halleschen Werfertagen.

Katharina Maisch:
Dankeschön.

Sie haben direkt im ersten Wettkampf die 19 Meter übertroffen. Wie zufrieden sind Sie selbst mit dem Wettkampf?

Katharina Maisch:
Ich bin auf jeden Fall zufrieden. Es war ein Schritt in die richtige Richtung und zeigt, dass das Training anschlägt. Zwar geht es im Training sogar noch ein bisschen weiter, aber ich denke, da habe ich noch ein bisschen Zeit, um mich zu steigern.

Ihr bester Stoß ist Ihnen am Samstag in Halle im zweiten Versuch gelungen, die letzten drei Versuche waren hingegen ungültig. Wollten Sie dann einfach zu viel oder lässt sich das eher auf die noch fehlende Wettkampf-Routine zurückführen?

Katharina Maisch:
Wohl beides. Wir haben versucht, einen weiteren Schritt zu machen. Das ist auch gelungen – die drei Versuche waren alle weit, aber leider auch ungültig. Mein Trainer sagt immer: Lieber weit und ungültig, als ungültig und nicht weit. Man soll im letzten Versuch eigentlich alles riskieren. Ich denke, wenn die Wettkampf-Routine kommt, dann stoße ich auch konstanter. In Halle war ich noch ziemlich aufgeregt vor dem ersten Stoß, weil es der erste Wettkampf war und es wieder losgeht.

Sind Sie trotz so vieler Jahre Leistungssport noch immer aufgeregt vor Wettkämpfen?

Katharina Maisch:
Ja, wirklich. Gerade bei dem ersten Wettkampf in der Sommer- und in der Hallensaison. Man weiß zwar, wo man steht, aber man weiß nicht, ob man das bei Wettkämpfen auch abliefern kann. Da bin ich schon noch aufgeregt.

Kommen wir auf die 19 Meter zurück. Auch im vergangenen Jahr sind Sie mit einer Weite über 19 Meter in die Sommersaison eingestiegen und konnten diese 19,10 Meter im Verlauf bis auf Ihre Bestweite von 19,25 Metern steigern. Haben Sie für dieses Jahr eine bestimmte Weite im Kopf oder schauen Sie lieber von Wettkampf zu Wettkampf, um jeweils das Beste herauszuholen?

Katharina Maisch:
Ich habe so eine Weite im Kopf, aber ich gucke auf jeden Fall von Wettkampf zu Wettkampf. Eine Weite öffentlich als Ziel preisgeben, das möchte ich aber nicht. Sonst bin ich dann enttäuscht, wenn ich es nicht schaffe.

Obwohl die Saison noch jung ist, haben Sie nicht nur bereits die EM-Norm erfüllt, sondern führen aktuell auch die DLV-Jahresbestenliste an. Wird die EM in Birmingham Ihr Saisonhöhepunkt sein?

Katharina Maisch:
Auf jeden Fall. Aber man muss sich dafür auch erst einmal qualifizieren. Die Kugelstoß-Konkurrenz in Deutschland ist nicht ohne. Trotzdem denke ich, dass ich jetzt schon mal ein erstes Ausrufezeichen gesetzt habe. Wenngleich es der erste Wettkampf war und in der Saison noch so viel kommt. Man kann sich da auf jeden Fall nie sicher sein.

Bei den Europameisterschaften 2022 waren Sie Achte. Vorausgesetzt, dass Sie sich qualifizieren: Haben Sie schon ein konkretes Ziel für die diesjährige EM?

Katharina Maisch:
Das Ziel ist natürlich, das Finale zu erreichen. Ich will auf jeden Fall besser abschneiden als in München. Das war für mich vor allem eine Europameisterschaft zum Lernen. Da war die Quali noch richtig gut. Und im Finale habe ich dann nervlich versagt. Das war damals auch mit Abstand mein schlechtester Wettkampf in der Saison. Da möchte ich jetzt auf jeden Fall zeigen, dass ich daraus gelernt habe und besser abschneiden werde – wenn ich mich qualifiziere.

Haben Sie denn bewusst daran gearbeitet, mental stärker zu werden und Ihre Nerven unter Kontrolle zu behalten?

Katharina Maisch:
Ja, da arbeite ich mit der DLV-Psychologin Tanja Damaske zusammen. Zwar nicht regelmäßig, aber wenn ich irgendwie Hilfe brauche, dann schreibe ich ihr und sie ist direkt für mich da.

Dass sich die Zusammenarbeit auszahlt, war auch im Winter zu sehen. Auch in der Halle haben Sie 19,02 Meter gestoßen. Fühlt sich solch ein Ergebnis für Sie wie ein kleiner Befreiungsschlag an oder ist es eher eine Bestätigung für das, was Sie täglich im Training leisten und worauf Sie hinarbeiten?

Katharina Maisch:
Ich muss sagen, wenn man die 19 auf der Anzeigetafel sieht, ist das natürlich schon ein Befreiungsschlag. Das stoße ich aktuell einfach noch nicht konstant in jedem Wettkampf. Das war auch im Winter zu sehen – meine Weiten waren da ein Auf und Ab. Deswegen sind die 19 Meter schon immer noch ein Befreiungsschlag. Aber ich hoffe, dass ich das jetzt im Sommer regelmäßig stoßen werde.

Wie kommt es, dass die Weiten im Kugelstoßen teils innerhalb von einem Wettkampf solch große Unterschiede aufweisen? Selbst an der Weltspitze stoßen etablierte Athletinnen und Athleten innerhalb weniger Minuten Weiten von zwei bis drei Metern Differenz...

Katharina Maisch:
Ich glaube, das liegt daran, dass du – vor allem beim Drehstoßen – die Kugel hundertprozentig treffen musst. Wenn das nicht gelingt, dann können die Weiten sehr unterschiedlich sein, das sieht man auch bei den Männern extrem. Die haben im Wettkampf teilweise eine sehr starke Weitenspanne – die schlagen fünfmal vorbei und dann treffen sie einen Versuch und schon fliegt die Kugel einen oder zwei Meter weiter. Das war am Samstag in Halle bei mir auch ganz gut zu sehen. Nachdem ich mit einer tiefen 18 eingestiegen bin, habe ich die Kugel dann gut getroffen und dann ist die über 19 Meter geflogen.

Was sind bei Ihnen noch die größten Knackpunkte bei der Drehstoßtechnik?

Katharina Maisch:
Technisch habe ich mich schon stabilisiert, aber es gibt natürlich auch noch viele Baustellen. Zum Beispiel hinten beim Start, wenn ich die Bewegung beginne. Da reiße ich zu schnell auf anstatt mich schön nach oben wegzudrücken. Durch den Stress im Wettkampf überdrehe ich manchmal noch und verreiße den Stoß so ein bisschen.

War das Techniktraining auch einer der Schwerpunkte im Aufbautraining? Wie sah dieses bei Ihnen nach der langen Hallensaison mit der späten WM im März aus?

Katharina Maisch:
Das war ein bisschen wild. Mein Trainer Sven Lang und ich sind direkt einen Tag nach der Hallen-WM ins Trainingslager geflogen. Der Rest von der Trainingsgruppe war schon in Portugal. Dort hatten wir dann noch eineinhalb Wochen zusammen im Trainingslager in Albufeira. Danach hatte ich eine Woche Pause und war bei meiner Familie in Stuttgart. Und dann haben wir wieder langsam damit begonnen, den Aufbau für den Sommer zu machen. Erst letzte Woche Sonntag sind wir aus dem Trainingslager in Latsch gekommen. Der Fokus lag zunächst auf dem Krafttraining. Dadurch, dass ich in den vergangenen zwei Jahren extrem abgenommen habe, hatte ich auch an Kraft verloren. Da war die Baustelle, einfach wieder ein bisschen Kraft und Gewicht im positiven Sinne zuzunehmen. In Latsch war dann natürlich die Technik dran. Da ging es darum, die Technik zu stabilisieren und Schlüsse zu ziehen.

Welche Rolle spielt das Körpergewicht beim Kugelstoßen? Geht der Trend allgemein eher dahin, athletischer zu sein, vor allem in Bezug auf die Drehstoßtechnik?

Katharina Maisch:
Ja, das stimmt. Wenngleich es unterschiedliche Typen gibt. Ich zum Beispiel komme mehr über die Geschwindigkeit, nicht über die Kraft. Wenn man mich sieht, bin ich schon eher eine von den dünneren Kugelstoßerinnen. Und ich versuche es einfach mit der Geschwindigkeit, über die Explosivität, die Technik im Ring zu kontrollieren.

Das heißt, dass es nicht die eine Idealtechnik gibt, sondern eher typgerechte Versionen?

Katharina Maisch:
Genau. Beim Drehstoßen hat wirklich jeder so ein bisschen seine eigene Technik. Darum ist es auch schwierig zu sagen, dass, wenn jemand weit stößt, alle nur die Technik von der Person nachmachen müssen. Das ist schon schwer, individuell anzupassen.

Wie zu Beginn gesagt, befinden Sie sich mit Ihrer Technik auf einem guten Weg. Wohin führt dieser bezogen auf die Wettkampfplanung in den kommenden Wochen?

Katharina Maisch:
Dieses Wochenende starte ich in Rehlingen, die Woche drauf folgt am 31. Mai das Goldene Oval in Dresden und dann ist am 7. Juni schon der Heimwettkampf in Gelenau. Das geht jetzt alles so schnell und es sind schon einige Wettkämpfe.

Zuletzt in Halle waren Sie vorab die Favoritin und sind dieser Rolle auch gerecht geworden. Ist Ihnen das lieber als die des Underdogs?

Katharina Maisch:
Ich denke, Underdog ist auf jeden Fall die einfachere Rolle. In Halle hatte ich schon das Ziel, zu gewinnen. Auch weil ich in Halle noch nie gewonnen hatte. Aber da hat es mir auch in die Karten gespielt, dass das erste Diamond-League-Meeting auch an dem Tag stattfand und starke Konkurrentinnen wie Yemisi [Mabry] und Chase Jackson, die sonst immer da sind, nicht am Start waren. So habe ich meine Chance genutzt. Und ja, die Underdog-Rolle ist bei Wettkämpfen auf jeden Fall mehr mein Ding.

Mit Blick auf die internationale Konkurrenz fällt auf, dass diese noch einmal ein bis zwei Meter weiter stößt – die Niederländerin Jessica Schilder zuletzt etwa über 21 Meter. Sind das auch Sphären, in die Sie selbst einmal vordringen wollen?

Katharina Maisch:
Das muss man schon einsortieren. Gerade Yemisi oder Jessica stoßen in Dimensionen, in denen ich einfach noch nicht bin. Aber diese Bereiche sind auf jeden Fall mein Ziel. Die 21 Meter sind eine echte Hausnummer, Respekt. Das ist eine Weite, die ich nie im Leben stoßen werde. Das ist mir auch bewusst. Aber die andere Marke ist auf jeden Fall schon irgendwann das Ziel.

Wie ist das Miteinander innerhalb der internationalen Kugelstoß-Szene?

Katharina Maisch:
Wir haben tatsächlich vergangenes Jahr schon drüber gesprochen, wer die Erste ist, die 21 Meter stößt. Wir freuen uns natürlich auch miteinander. Wir haben so viele Wettkämpfe zusammen, die ganzen Meetings. Wir stoßen auch alle schon so lange – vor allem eine Fanny Roos, eine Jessica Schilder. Mit denen hat man so viele Wettkämpfe. Da freut man sich schon füreinander.

Gehört neben der vertrauten Konkurrenz auch nach wie vor die Musik von Helene Fischer zu Ihrer Wettkampf-Routine?

Katharina Maisch:
Ja, ich höre nach wie vor meine Schlagermusik vor dem Wettkampf. Das holt mich runter und dann bin ich happy (lacht).

Und was ist es abseits des Sports, womit finden Sie Ihren Ausgleich?

Katharina Maisch:
Das ist bei mir die Zeit mit meiner Familie und Freunden. Auch weil ich da einfach nur die Person Kathi Maisch bin und nicht nur die Kugelstoßerin. Die wissen zwar, dass ich Sport mache und verfolgen das auch. Aber da geht es dann fünf Minuten um Sport und der Rest ist einfach die gemeinsame Zeit, die wir miteinander genießen. Und das reicht mir dann auch schon. Meine Family ist echt oft hier. Erst vergangene Woche hat mich mein Bruder besucht.

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