| Neue Meisterin

Nele Weßel – Geduld, Vertrauen und harte Arbeit zahlen sich aus

© Theo Kiefner
Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund haben sieben Athletinnen und Athleten erstmals in der Aktivenklasse ganz oben gestanden. Die meisten von ihnen sind neue Gesichter, andere waren schon mehrfach nah an ihrem ersten nationalen Titel. Wir stellen die neuen Meisterinnen und Meister vor, heute Mittelstrecklerin Nele Weßel (Königsteiner LV).
Jan-Henner Reitze

Nele Weßel
Königsteiner LV

Bestleistungen:

1.500 Meter: 4:03,57 min (2025)
3.000 Meter: 9:01,35 min (Halle; 2026)

Erfolge:

Siebte World University Games 2023 (1.500 m)
Vierte Cross-EM 2022 (Mixed-Staffel)
Deutsche Hallenmeisterin 2026 (3.000 m)

Sturz, krankheitsbedingt nicht ganz fit oder um wenige Tausendstel auf Rang zwei verwiesen: In den vergangenen Jahren ist Nele Weßel bei Deutschen Meisterschaften mehrfach als Titelanwärterin ins Rennen gegangen, stand am Ende aber nie ganz oben auf dem Podest. In diesem Winter hat die 26-Jährige diesen „Fluch“, wie sie selbst sagt, gebrochen. Bei der Hallen-DM in Dortmund spurtete die Mittelstrecklerin souverän und mit Bestzeit (9:01,35 min) zu Gold über 3.000 Meter.

Nicht nur was einen Sieg bei nationalen Meisterschaften angeht, auch insgesamt in ihrer sportlichen Karriere musste die hessische Landespolizistin lernen, geduldig zu sein. Trotz zwischenzeitlicher Rückschläge und Zweifel blieb die Überzeugung erhalten, es eines Tages an die Spitze schaffen zu können.

In der Frankfurter Trainingsgruppe von Georg Schmidt hat sich die Athletin vom Königsteiner LV in den vergangenen Jahren über 1.500 Meter kontinuierlich verbessert und mit der Teilnahme bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen den Anschluss an die internationale Klasse geschafft. Ihr Leistungsniveau möchte die gebürtige Berlinerin in den kommenden Jahren weiter ausbauen und mit mehr Erfahrung in internationalen Rennen eine noch bessere Rolle spielen.

Am Anfang geht alles wie von selbst

In der Leichtathletik-Welt war Nele Weßel schon in frühester Kindheit unterwegs. Ihre Mutter Kathrin, geb. Ullrich, Olympia-Vierte und langjährige Deutsche Rekordhalterin über 10.000 Meter, setzte bis zum fünften Lebensjahr ihrer Tochter ihre Karriere im Marathon fort. Mit Ehemann, Vater und Trainer André, ebenfalls ehemaliger Langstreckenläufer, war die junge Familie entsprechend viel unterwegs, ob in Trainingslagern oder bei Wettkämpfen.

Ohne dass ihre Eltern das forcierten, begeisterte sich Nele Weßel auch für Sport. „Ich war immer traurig, wenn ich an einem Schultag keinen Sportunterricht hatte“, erinnert sie sich an die Grundschulzeit. So begann sie im Alter von neun Jahren zweimal in der Woche mit der Kinderleichtathletik beim SV Preußen Berlin. Ihr Talent zeigte sich schnell. In ihren ersten Wettkämpfen war die junge Athletin ihren Konkurrentinnen meist ein Stück voraus. „Mir hat das alles so viel Spaß gemacht, dass ich im Alter von zwölf Jahren auf die Sportschule in Berlin gewechselt bin.“

Ganz klassisch standen unter Trainer Günter Roick zuerst alle Disziplinen auf dem Trainingsplan. Auf Landesebene sammelte die Schülerin Titel und auch national ging es sofort ganz nach oben. In den Jahren 2013 und 2014 gewann die damalige U16-Athletin jeweils den DM-Titel bei den Deutschen Meisterschaften im Blockmehrkampf Lauf. Außerdem belegte sie DM-Platz zwei bei den Einzelmeisterschaften über 300 Meter (40,28 sec) in der W15. Das es bis zum ersten nationalen Einzel-Gold noch zwölf Jahre dauern sollte, war damals noch nicht absehbar.

Erste internationale Starts über 400 Meter Hürden

Denn erstmal lief alles weiter wie von selbst. Mit dem Aufstieg in die U18 entschied Nele Weßel, sich auf die 400 Meter Hürden zu konzentrieren. „Auch wenn ich gut im Laufen war, wollte ich unbedingt etwas anderes machen als meine Eltern. Denn ich wurde immer gefragt, wann ich in ihre Fußstapfen trete“, erzählt die heutige Mittelstrecklerin. Und der Plan ging anfangs auf.

Mit Trainer Bernd Knobloch an ihrer Seite qualifizierte sich die Nachwuchsathletin 2016 für die U18-EM in Tiflis (Georgien) sowie 2017 für die U20-EM in Grosseto (Italien) und erreichte dort jeweils das Halbfinale. Bei Deutschen Jugendmeisterschaften stand sie mehrfach auf dem Podest, aber nie ganz oben. Außerdem erreichte die damalige U20-Athletin auch schon das DM-Finale der Frauenklasse und wurde dort Sechste. 

Zeiten um 60 Sekunden konnte die damals 16-Jährige konstant abrufen. Ein größerer Leistungssprung passierte in den drei Jahren der 400-Meter-Hürden-Karriere aber nicht. „Alle haben sich im Sprint verbessert, bei mir ging es nicht so richtig voran“, erinnert sie sich. Deshalb fiel der Entschluss, doch zu schauen, wohin sie ihre „Ausdauergene“ führen können. Mit der Vorbereitung auf das zweite U20-Jahr rückten die 800 Meter in den Mittelpunkt des Trainings. Die Betreuung übernahm der frühere Spitzen-Geher André Höhne, damit verbunden war auch ein Vereinswechsel zum SCC Berlin.

Umstieg zuerst erfolgreich, dann problematisch

Auch auf der neuen Strecke gingen die Erfolge erst einmal nahtlos weiter. Die Bestzeit von 2:06,69 Minuten reichte zwar knapp nicht für die Qualifikation zur U20-WM in Tampere (Finnland). Die erste 800-Meter-Saison brachte aber die nächsten Medaillen bei Deutschen Meisterschaften der U20 und U23 sowie den Finaleinzug bei der Hallen-DM in der Frauenklasse. 

Nach der Hallensaison 2019 inklusive Bestzeit (2:05,83 min) und Rang vier bei der Hallen-DM der Frauen folgte eine Phase mit Verletzungen. Ermüdungsbruch im Fuß, Vorstufe eines Ermüdungsbruches in der Hüfte, Krankheiten mit Antibiotikaeinnahm: Der Körper spielte eineinhalb Jahre lang nicht mehr mit. Wettkämpfe waren nicht möglich. Das Ganze spielte sich auch noch in der Coronazeit ab. „Ich habe den deutlich größeren Trainingsumfang nicht vertragen, nachdem ich als 400-Meter-Hürden-Läuferin vorher höchstens 30 Kilometer pro Woche gemacht habe“, erinnert sich Nele Weßel, die ein Betriebswirtschaftsstudium aufgenommen hatte. „Außerdem habe ich die Verletzungen verschleppt, zu lange weitergemacht oder zu früh wieder angefangen. Ich war nicht geduldig genug.“

Resultat waren der Verlust des Kaderstatus im Jahr 2021 und die Frage, ob es mit dem Leistungssport überhaupt weitergehen konnte. Wegen fehlender Finanzierung von Trainingslagern war ein Verbleib in der Berliner Gruppe nicht möglich. Eine Option war ein Wechsel nach Frankfurt in die Gruppe von Georg Schmidt, verbunden mit einem Studium bei der hessischen Landespolizei inklusive Zugehörigkeit im Förderprogramm für den Spitzensport.

„Die Entscheidung ist am Küchentisch zu Hause bei meinen Eltern gefallen, wo ich immer noch gewohnt habe“, blickt sie zurück. Die Frage, ob sie weiterhin Leistungssport betreiben möchte, beantwortete Nele Weßel mit ja. Damit war die Sache klar, inklusive Unterstützung der Familie und Rückkehrmöglichkeit, sollte es in der neuen Stadt nicht passen. 

Mit Wechsel nach Frankfurt beginnt kontinuierliche Entwicklung

Der Neuanfang war eine große Umstellung inklusive erster eigener Wohnung und nicht alles verlief reibungslos. Aber vor allem Trainer Georg Schmidt schaffte es, nicht nur die Leistungsfähigkeit von Nele Weßel wieder zu wecken, sondern auch ihren Glauben an sich selbst als Athletin. „Georg hat zu mir gesagt, dass wird durch das Studium bei der Polizei viereinhalb Jahre Zeit haben, meine Leistung aufzubauen.“ Das brachte der damals 22-Jährigen Ruhe und die gemeinsame Trainingsarbeit konnte beginnen. Mit den 1.500 Metern wurde die Spezialstrecke noch ein Stück länger.

Mit der Bestzeit ging es seitdem Stück für Stück nach unten: 4:18,41 Minuten (2021), 4:14,82 Minuten (2022), 4:06,63 Minuten (2023), 4:04,24 Minuten (2024) und 4:03,57 Minuten im vergangenen Sommer. Das ermöglichte auch wieder Starts im Nationaltrikot, zuerst bei der Cross-EM, dann bei den World University Games und schließlich auch bei den jeweiligen Saisonhöhepunkten der EM in Rom (Italien) und den Olympischen Spielen in Paris (Frankreich) 2024 sowie der WM im vergangenen Sommer in Tokio (Japan).

Das Sammeln von Medaillen begann auch bei Deutschen Meisterschaften in der Frauenklasse, in unterschiedlichen Trikots neben dem Königsteiner LV auch Eintracht Frankfurt und dem TV Waldstraße Wiesbaden. Zuerst war die Freude über Edelmetall auf nationaler Ebene groß. Gerade in den vergangenen beiden Jahren kam aber auch Frust dazu, denn jeweils bei der Freiluft-DM trat die Mittelstrecklerin als Gold-Kandidatin über 1.500 Meter an, konnte sich aber nicht durchsetzen. Das änderte sich erst in der zurückliegenden Hallensaison mit dem Sieg über 3.000 Meter.

Ziele: Internationale Wettkampfhärte und Vier-Minuten-Grenze

Was Meisterschaften angeht, war das Glück bisher auch auf internationaler Ebene nicht unbedingt auf der Seite von Nele Weßel. Bei der EM 2024 und der WM 2025 wurde sie jeweils ohne eigenes Verschulden im Vorlauf zu Fall gebracht und bekam deshalb einen Startplatz im Finale zugesprochen. Im Vorlauf ihrer ersten Hallen-WM reagierte die Deutsche Hallenmeisterin im zurückliegenden Winter nicht unmittelbar auf eine Tempoverschärfung und konnte nicht mehr zum Feld aufschließen. Diese Erfahrungen brachten zwei wesentliche Erkenntnisse: Die absolute Weltspitze ist in Reichweite und um auch in international vorne mitmischen zu können, muss noch etwas mehr taktisches Vermögen her. 

Das möchte sich die Athletin vom Königsteiner LV weiter im Training  und durch noch mehr Starts in internationalen Feldern erarbeiten. Die viereinhalb Jahre Studium bei der Landespolizei sind abgeschlossen. Das Leistungsniveau hat sich wie erhofft so entwickelt, dass jetzt eine nahezu komplette Freistellung für den Sport folgt. Gute Voraussetzungen dafür, die Entwicklung fortzusetzen mit Blick auf die EM im Sommer in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August) bis hin zu den Olympischen Spielen 2028.„Ich möchte bei der EM ins Finale laufen, in erster Linie aber meine kontinuierlichen Fortschritte weiter zeigen und mich in internationalen Rennen noch stärker behaupten. Und klar, auch die Vier-Minuten-Grenze ist ein Ziel im Hinterkopf.“ 

Video: Nele Weßel über 3.000 Meter nicht zu stoppen
Video-Interview: Nele Weßel: "Der Fluch ist gebrochen"

Das sagt der DLV-Teamleiter Lauf Werner Klein:

Nele hat sich geduldig über mehrere Jahre an die deutsche Mittelstreckenspitze herangearbeitet. Dieses Ziel hat sie fokussiert und konsequent verfolgt. Mit ihren Teilnahmen an Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften drinnen und draußen sowie einer Europameisterschaft ist sie auch international konkurrenzfähig. Im vergangenen Jahr hat sie sich noch einmal klar verbessert. 

Bei ihrem ersten deutschen Meistertitel hat Nele in diesem Winter bewiesen, dass auch über 3.000 Meter mit ihr zu rechnen ist. Ihr bisheriger Weg von den 400 Meter Hürden über die 800 Meter zu den 1.500 Metern und jetzt auch den 3.000 Metern zeigt, wo es noch hingehen könnte. In diesem Sommer sollen die 1.500 Meter noch im Mittelpunkt stehen. Vor dem Hintergrund ihrer Unterdistanzleistung aus dem vergangenen Jahr und jetzt der Überdistanzleistung in der Halle sind Fortschritte erreichbar. Ich bin gespannt, welche Leistungen der Sommer bringen wird.

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