Mit Blick auf die Podestplatzierungen bei der diesjährigen Hallen-DM zeichnete sich ein kleiner Trend im deutschen Sprintlager der Frauen ab: Alle drei Erstplatzierten über 60 Meter sind nicht älter als 22 Jahre. Eine von ihnen ist Sina Kammerschmitt. Mit beständigen Top-Zeiten überzeugte die Mannheimerin im Winter bei all ihren Rennen und will den Schwung mit auf die 100 Meter im Stadion nehmen.
Der Start in die Sommersaison steht kurz bevor. Unter der Sonne Südafrikas bereitet sich auch Sina Kammerschmitt (MTG Mannheim) seit einigen Tagen darauf vor. Gemeinsam mit ihren Staffelkolleginnen und -kollegen aus der Nationalmannschaft befindet sie sich im DLV-Trainingslager, um den Feinschliff für die Anfang Mai stattfindenden World Relays in Botswana vorzunehmen, saubere Wechsel zu üben und im Team zusammenzuwachsen.
Ihr Ziel dabei ist klar: ein fester Platz in der deutschen Sprintstaffel sowohl bei den Frauen als auch im noch jungen Mixed-Format. Von Letzterem verspricht sie sich noch mehr Spannung, da die Reihenfolge der beteiligten Läuferinnen und Läufer angepasst wurde und nun jeweils ein Mann auf den Positionen eins und drei und jeweils eine Frau auf den Positionen zwei und vier gesetzt sind. Aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeiten bergen die Wechsel nicht nur ein erhöhtes Risiko, sondern sind noch mehr abhängig von einem eingespielten Teamgefühl und Vertrauen ineinander.
Dass Sina Kammerschmitt überhaupt zu den Kandidatinnen für den Einsatz bei der Staffel-WM zählt, verdankt die 22-Jährige nicht nur ihrer aufsteigenden Form im vergangenen Jahr, sondern vor allem auch der zurückliegenden Hallensaison. In dieser steigerte sie sich nicht nur von Rennen zu Rennen mit insgesamt vier neuen Bestzeiten, sondern stellte ihr Leistungsvermögen auch bei der Hallen-DM unter Beweis und gewann in 7,21 Sekunden Silber. Nur eine Hundertstelsekunde fehlte ihr zur Hallen-WM-Norm, drei Hundertstel zur Deutschen Hallenmeisterin Philina Schwartz (19; Berlin Athletics). Bronze ging in Dortmund mit neuer Bestzeit an die 21-jährige Jolina Ernst (TV Wattenscheid 01; 7,24 sec).
Nach lockeren Vorläufen im Finale den Turbo gezündet
Gestartet war Sina Kammerschmitt in die Hallensaison 2026 mit einer Bestzeit von 7,39 Sekunden. Bereits beim Erfurt Indoor Meeting jubelte sie über starke 7,26 Sekunden und wusste spätestens nach dem Vorlauf und Halbfinale in Dortmund, dass auch eine DM-Medaille möglich ist. „Obwohl ich dort noch relativ entspannt gelaufen bin, hatte ich am Ende 7,29 und 7,28 Sekunden stehen. Das hat mir gezeigt, dass ich einer guten Form bin und eine gewisse Last von mir genommen“, erinnert sie sich. Beflügelt von der Stimmung in der Helmut-Körnig-Halle konnte sie im Finale nicht nur das Top-Resultat aus Erfurt bestätigen, sondern sich ein weiteres Mal verbessern.
Wenngleich anschließend beim ISTAF Indoor in Berlin „nur“ zweimal 7,33 Sekunden für sie in die Ergebnislisten eingingen, blickt sie auch auf ihren Saisonabschluss unter dem Hallendach zufrieden zurück. „Leider hatte ich meinen Start dort nicht so gut getroffen. Dennoch war es eine wertvolle Erfahrung – zum einen angesichts der internationalen Konkurrenz und zum anderen, weil ich nach dem Wettkampf auch Autogramme schreiben durfte. Das ist für mich noch recht neu“, sagt sie.
Zusammengefasst beschreibt die Studentin, die im September den Master in Kultur und Wirtschaft angehen wird, ihre Hallensaison als „sehr gut“ und führt ihre starken Ergebnisse vor allem auf die Leichtigkeit und Freude zurück, mit denen sie in die Wettkämpfe gegangen ist. „Ich hatte einfach große Lust darauf, Wettkämpfe zu rennen und viel Spaß dabei. Mein Ziel war es, einfach schnelle Zeiten zu rennen. Das ist mir dann auch ganz gut gelungen“, sagt sie und lacht.
Schritt für Schritt Richtung nationaler Spitze
Anstatt einer plötzlichen Leistungsexplosion ist es bei Sina Kammerschmitt vielmehr eine kontinuierliche Entwicklung in die nationale Sprintspitze. Einst noch in Worms auf einer Aschebahn und auch im Winter immer draußen trainiert, wechselte sie im Herbst 2022 nach Mannheim, wo sie noch immer trainiert – seit der vergangenen Hallensaison bei Markus Triebert.
Anders als es der Standort mit der leistungsstarken Gruppe von Sebastian Bayer vermuten lässt, sind allerdings nicht die Sprinter um den Deutschen Rekordhalter Owen Ansah ihre Trainingspartner, sondern neben Dreispringern wie dem Deutschen Hallenmeister Peter Osazee vor allem schnelle Nachwuchssprinterinnen. „Für mich passt die Konstellation sehr gut. Etwa weil es für mich bei Tempoläufern ein besonderer Anreiz ist, an den Männern dranzubleiben oder mein Block bei Starts einfach ein Stück weit hinter den jüngeren Mädels steht und ich diese dann einholen will“, sagt sie.
Zu ihren bisher größten Erfolgen zählen unter anderem Gold über 100 Meter bei der U18-DM 2019, der Titel bei der U20-DM 2022 sowie international Silber mit der 4x100-Meter-Staffel 2021 bei der U20-EM und Platz vier bei der U20-WM 2022. Zudem lief sie im vergangenen Jahr bei der U23-EM in das Halbfinale über 100 Meter und sagt: „Auch wenn ich davon ein bisschen enttäuscht war, habe ich daraus gelernt, dass ich auch große Meisterschaften mehr genießen muss und nichts verändern sollte, das heißt nicht zu viel zu wollen.“
Die Liebe zur Geschwindigkeit
Für dieses Jahr ist das große Ziel die EM im englischen Birmingham. „Das Hauptziel für die Saison ist es, an die gute Hallensaison anzuknüpfen und einfach schnell zu rennen und dabei Spaß zu haben. Die 100 Meter sind meine Hauptdistanz und ich liebe das Gefühl der Geschwindigkeit. Im Sprint ist kein Platz für Fehler und alles muss zusammenpassen, das macht für mich auch den Reiz daran aus. Konkret möchte ich gern Deutschland international vertreten und dem Team in der Staffel helfen, sich für die Weltmeisterschaften 2027 zu qualifizieren oder Medaillen zu gewinnen – zum Beispiel bei der EM“, sagt Kammerschmitt.
Wenngleich sie vor allem gern auf der Position vier dem Ziel entgegensprintet, hat sie auch auf den drei anderen Positionen über die Stadionrunde schon gute Erfahrungen gemacht und ist überall einsetzbar. Selbst ein Einzelstart bei der EM ist für die 100-Meter-Spezialistin nicht außer Reichweite. Zwar liegt die Direktnorm (11,18 sec) noch deutlich unter der Bestzeit (11,31 sec) der Mannheimerin, dennoch könnte es mit Erfüllung der DLV-Bestätigungsnorm (11,25 sec) sowie einer Top-Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften und einer entsprechend ausreichenden Position im World Ranking reichen. Andernfalls wäre auch eine Medaille bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum ein willkommener Erfolg – 2025 lief Sina Kammerschmitt bereits auf Rang fünf.
Um in einen guten Wettkampfmodus zu kommen, hilft dem Youngster nicht nur ein eigens angelegtes Wettkampfbuch mit allen Abläufen, das ihr bei möglicher Nervosität Sicherheit schenkt, sondern auch gute Musik. Wichtiger als ein bestimmtes Genre ist ihr dabei, dass ihr die Musik eine gute Stimmung vermittelt und sie locker an den Start gehen kann. Denn genau das ist schließlich ihr Erfolgsgeheimnis – unbeschwert und mit Spaß zu neuen Bestzeiten sprinten.