Bei der Team-WM der Geher in Brasilia hat Geher Leo Köpp (LG Nord Berlin) mit Rang vier im Halbmarathon (1:27:50 h) bei extremen Bedingungen ein absolutes Weltklasseergebnis abgeliefert. Im Interview der Woche spricht der 27-Jährige über das spezielle Rennen, seine hohen Zielen, sein Engagement in der Sportpolitik und warum sich bei ihm Hochleistungssport und wissenschaftliche Arbeit optimal ergänzen.
Leo Köpp, knapp zehn Tage sind nun seit der Team-WM der Geher in Brasilia vergangen. Haben Sie sich in der Zeit gut von den Halbmarathon-Strapazen bei brütender Hitze erholen können?
Leo Köpp:
Ja, ich habe mich ziemlich gut erholt. Der Sonnenbrand wirkt allerdings noch nach. Ich hatte noch nie so einen schlimmen Sonnenbrand in meinem ganzen Leben. Ich wusste gar nicht, dass ein Sonnenbrand bluten kann.
War die Hitze so extrem in Brasilia?
Leo Köpp:
Die Hitze war normal für ein Hitzerennen. Wir hatten ja schon viele Hitzerennen, die WM Tokio war im September das letzte richtig heiße. Aber was hier so schlimm war und was ich krass unterschätzt habe, war nicht die Hitze, sondern die Strahlung.
Wie hat sich die ausgewirkt?
Leo Köpp:
Die Kombination aus mehr als 1.000 Metern Höhe, tropischer Sonne und einer Wettkampfstrecke komplett ohne Schatten hat uns allen die Haut zerstört. Von Kopf bis Fuß, nicht nur die typischen Stellen wie Nacken oder Schultern. Beine, Arme, Gesicht – alles war betroffen.
In Brasilia sind Sie auf Platz vier im Halbmarathon gegangen, bei der angesprochenen WM in Tokio auf Platz elf. Liegen Ihnen Hitzerennen?
Leo Köpp:
Es ist immer hart, so ein Hitzerennen. Tokio vergangenes Jahr war wie durch die Hölle zu gehen. In Brasilia war es intensiver, auch wenn es sich nicht so angefühlt hat. Denn wir waren viel langsamer. Doch die Einbrüche der Konkurrenten schienen mir noch extremer. Wie bei anderen Hitzewettkämpfen wäre ich ohne den Bundestrainer Alexander Fromm, den Mannschaftsarzt Enrico Zessin und den Physiotherapeuten Andre Kirschner wahrscheinlich nicht ins Ziel gekommen.
Wie ordnen Sie Ihre Leistung mit Rang vier ein?
Leo Köpp:
Ich war 14 Sekunden hinter der Medaille – und dabei habe ich mich locker und gut gefühlt, physiologisch total im Rahmen. Mein Hitzemanagement war drei Kilometer vor Schluss, als der Antritt der Medaillenkandidaten kam, noch super. Auch bis ins Ziel. Grundsätzlich hätte ich die Geschwindigkeit vorn mitgehen können. Allerdings hatte ich schon zwei Verwarnungen, und wir sind nun mal eine technische Disziplin. Die Entscheidungen des Kampfgerichts akzeptiere ich. Im Wettkampf gab es eine klare Risikoabwägung: Ich habe mich entschieden, keinen Endspurt zu machen, sondern den Japaner, mit dem ich um Platz vier gekämpft habe, durch konstantes Tempo abzuhängen – und nicht in einem klassischen Endspurt. Die Medaille, obwohl ich mich fit dafür gefühlt hätte, habe ich nicht angegriffen. Rückblickend – auch nach Gesprächen mit meinem Heimtrainer André Höhne und dem Bundestrainer – war das definitiv die richtige Entscheidung. Mit zwei roten Anträgen und als internationaler „No-Name-Athlet“ wäre das Risiko zu groß gewesen, den dritten Antrag zu kassieren.
Hatten Sie sich im Vorfeld eine solche Top-Platzierung zugetraut?
Leo Köpp:
Meine Zielstellung für jeden Wettkampf lautet: gewinnen. Das muss so sein. Wenn sich eine Chance auftut und ich dann erst überlege, ob ich sie nutze, ist es zu spät. Das heißt aber nicht, dass ich meine Strategie darauf ausrichte. Mental bin ich aber so eingestellt, jede Chance zu nutzen. Mein Heimtrainer war überhaupt nicht überrascht – weder 2025 vom elften Platz in Tokio noch jetzt vom vierten Platz. Ich war dieses Mal auch nicht überrascht, weil ich wusste, was ich draufhatte. Ich hatte hart trainiert. Ich habe vergangenes Jahr viel riskiert, als ich von Berlin nach Frankfurt gezogen bin. Das Investment hat mich vorerst zurückgeworfen, aber jetzt trägt es langsam Früchte. Das erklärt, warum ich in Tokio überrascht war und hier nicht.
Geht man mit einer anderen Taktik in ein solches Rennen als in ein Rennen bei zehn Grad und Nieselregen?
Leo Köpp:
Ja, definitiv. Nieselregen ist optimal für uns Geher – da kann man auch schnelle Zeiten erzielen. In Brasilia war klar, dass es bei Höhe und Hitze kein schnelles Rennen wird. Und bei der WM geht es immer um die Platzierung, da will ich ein möglichst gutes Ergebnis für mein Land erzielen. Die Zeit ist da zweitrangig. André Höhne hat mir mit auf den Weg gegeben, dass ich „den Bus nach vorn nicht verpassen darf“. Das bedeutet: defensiv angehen, aber immer mit direktem Kontakt zur Spitzengruppe. Wir hatten mehr als 80 Starter. Das Gerangel war groß, und viele Konkurrenten sind abrupt eingebrochen. Ich musste ausweichen und gleichzeitig beschleunigen, weil vorn das Tempo erhöht wurde. In solchen Situationen bekommt man schnell Verwarnungen, weil man umständlich ausweicht, beschleunigt, ausschert und den Blicken der Kampfrichter besonders ausgesetzt ist. Ohne den strategischen Hinweis meines Heimtrainers hätte ich den Anschluss verloren.
André Höhne lebt ebenfalls in Frankfurt, allerdings in Frankfurt/Oder. Sie in Frankfurt/Main. Wie läuft diese „Fernbetreuung“ zwischen Ihnen ab?
Leo Köpp:
Wir haben viele Jahre zusammen in Präsenz trainiert. Er kennt mich in- und auswendig, und ich verstehe auch seine Art des Coachings sehr gut. Wenn ich einen Trainingsauftrag bekomme, weiß ich genau, was damit gemeint ist. Und wenn ich ihm Feedback gebe, kann er das präzise einordnen. Kommunikativ treffen wir fast immer ins Schwarze. Das macht dieses Ferntraining möglich – auch wenn ich es jüngeren Athletinnen und Athleten niemals empfehlen würde. Für uns funktioniert es, und ich bin extrem dankbar dafür.
Anders als Ihre Geher-Kollegen Christopher Linke und Johannes Frenzl starten Sie nicht für Eintracht Frankfurt, sondern weiterhin für die LG Nord Berlin …
Leo Köpp:
… das stimmt. Und dafür bin ich sehr dankbar. Die LG Nord Berlin ist mein größter Förderer, der OSP Berlin weiterhin mein Olympiastützpunkt. Nur den Bundesstützpunkt habe ich gewechselt, als leistungssportliches Gehen am BSP Berlin nicht mehr ermöglicht wurde.
Sie haben von guten Trainingsergebnissen vor Brasilia gesprochen. Welches waren die Schlüsseleinheiten, bei denen es besonders gut lief?
Leo Köpp:
Zum Beispiel hat mein Trainer im Januar mein 500-Meter-Programm umgestellt. Früher bin ich 500-Meter-Intervalle in Wettkampfgeschwindigkeit gegangen mit normaler Gehpause. Jetzt ist die Pause selbst 500 Meter lang, aber im reduzierten Gehtempo im GA1-Bereich. Damit ist die Einheit insgesamt länger geworden. Bei bis zu 25 Wiederholungen kommen so mit Warmup 29 Kilometer zusammen. Und das bei einem Tempo von 3:55 bis 4:05 Minuten pro Kilometer im Höhentraining auf 2.000 Meter. Das hat mir gezeigt: Da geht richtig was.
Vom Training zum Material: Die Carbonschuhe haben den Laufsport revolutioniert. Welchen Einfluss haben diese beim Gehen?
Leo Köpp:
Im Gehen, scheint mir, werden wir dadurch nicht schneller. Die Geschwindigkeit selbst erhöht sich nicht, aber es fällt leichter, die hohe Geschwindigkeit zu halten. Anfangs haben die Schuhe sich bei mir überhaupt nicht gut angefühlt. Bei der WM in Tokio bin ich als Letzter in der Weltspitze noch ohne Carbonschuhe gegangen. Mein Ziel ist es, die Umstellung der Schuhe bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles erfolgreich zu meistern. Ein Puzzleteil dabei ist dabei ein spezielles Athletik- und Koordinationsprogramm, das mir Axel Noack vom OSP Berlin geschrieben hat. Als ehemaliger Weltrekordler im Gehen und Trainingswissenschaftler schätze ich seine Expertise sehr.
Vor Los Angeles 2028 steht zunächst in diesem Sommer die EM in Birmingham an. Wie sieht Ihr Weg Richtung EM aus?
Leo Köpp:
Mein Schwerpunkt ist immer, bei der Nationalmannschaft zu liefern – das ist mir in den vergangenen Jahren sehr gut gelungen. Das möchte ich fortführen. Vor der EM steht noch ein Höhentrainingslager in St. Moritz an. Ein wichtiger Wettkampf auf dem Weg nach Birmingham ist der in Poděbrady am 8. Mai. Außerdem plane ich wieder einige Starts über 10 Kilometer. Die Strecke ist bei Weitem nicht so belastend wie ein Halbmarathon.
Sie sind 27 Jahre alt und Hochleistungssportler mit zwei Olympia.Teilnahmen, haben aber auch schon zwei Studiengänge erfolgreich abgeschlossen. Jura an der Humboldt-Universität in Berlin und im Anschluss ein Master of Law in Berkeley. Außerdem lehren und forschen Sie an zwei Universitäten. Wie vereinen Sie diese beiden Welten?
Leo Köpp:
Ich bin Forscher an der Uni Frankfurt, finanziert über eine Drittmittelstelle der Professor-Roland-Wolf-Stiftung. Gleichzeitig lehre ich an der Humboldt-Universität in Berlin im Öffentlichen Recht. Aber dieses Semester nehme ich mir eine Auszeit von der Lehre, um mich auf meine Promotion, mein Training und die Sportpolitik zu konzentrieren. Die Forschung ist in der Geisteswissenschaft zum Glück flexibel. Ich muss nicht im Labor stehen, sondern kann mit meinen Büchern arbeiten. So habe ich im Trainingslager in Südafrika und auch in Brasilia an meiner Dissertation geschrieben. Die Kombination aus intellektueller und körperlicher Belastung tut mir gut. Im Training denke ich über meine Forschung nach, und in der Forschung profitiere ich von der Energie und dem Durchhaltevermögen aus dem Sport. Im Wettkampf trainiere ich Konzentration und einen kühlen Kopf unter maximaler Belastung – das hilft mir auch juristisch und politisch. Die drei Bereiche ergänzen sich hervorragend.
In welchem juristischen Bereich möchten Sie später arbeiten?
Leo Köpp:
In der Forschung. Ich finde es bereichernd, mit Menschen aus aller Welt über spannende Themen zu sprechen. Die Forschung erlaubt mir Selbstbestimmtheit und Kreativität. Ich entwickle eigene Ideen, suche Forschungsfragen, diskutiere mit Kolleg:innen – ähnlich wie im Sport, wo ich mit meinem Trainer zusammenarbeite, aber selbst viel Verantwortung trage.
Wie schon angerissen sind Sie in der Sportpolitik aktiv, unter anderem im Präsidium von „Athleten Deutschland“ und in der DOSB-Athletenkommission. Was treibt Sie dabei an?
Leo Köpp:
Für mich stehen die Interessen der Athlet:innen im Mittelpunkt. Die Themen sind vielfältig, aber das Grundprinzip bleibt: Wir vertreten diejenigen, die den Sport überhaupt erst möglich machen. Ihretwegen mache ich das. Bei „Athleten Deutschland“ haben wir Mitglieder aus allen Sportarten – olympisch, paralympisch, deaflympisch [Anm. d. Red.: gehörlose oder schwerhörige Sportler:innen] und auch nicht-olympisch, etwa aus den World Games. Und wir versuchen, sie durch verschiedene Services zu stärken. Dazu zählen mentale Unterstützung und die Anlaufstelle ,Anlauf gegen Gewalt'. Außerdem bieten wir rechtliche und steuerliche Beratung, ein Fallmanagement sowie Unterstützung für Athlet:innenvertretungen in den Sportfachbereichen.
Welches sind die wichtigsten Themen, die dort gerade diskutiert werden?
Leo Köpp:
Wenn ich die drei wichtigsten Themen nenne, steht das Sportfördergesetz ganz oben. Nach meiner Rückkehr aus Brasilia bin ich direkt in den Bundestag gehumpelt und habe dazu verschiedene Gespräche geführt. Wir wollen als Athlet:innen den Zug nicht verpassen und unsere Perspektive einbringen. Das zweite Thema ist die deutsche Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele. Wir befürworten das sehr. Olympische und Paralympische Spiele sind für uns Athlet:innen das Größte. Auch World Games in Deutschland auszutragen, wäre ein riesiges Ereignis für die Athlet:innen dieser Sportarten. Aber: Es darf nicht dazu führen, dass strukturelle Verbesserungen und Bedarfe der Athlet:innen in Vergessenheit geraten. Das ist uns extrem wichtig. Zudem ist mir als Leichtathlet als dritter Schwerpunkt die Sportpolitik von World Athletics gegenüber unseren trans- und inter-geschlechtlichen Kolleg:innen besonders wichtig. Verpflichtende Blutabnahmen und Genanalysen waren zur WM vergangenes Jahr ein extrem invasiver, massenhafter Eingriff, mit dem die Verbände und weltweit über die Hälfte der Leistungssportler:innen von World Athletics überrumpelt wurden, ohne dass die Betroffenen einbezogen wurden und die Frage demokratisch diskutiert wurde.
Foto: Leo Köpp (Mitte) während des Hitzerennens bei der WM 2025 in Tokio. Als Elfter war er zwei Plätze vor Europameister Perseus Karlström (re.) im Ziel.