Vor einem Jahr noch war Sabastian Sawe Kenias neuester Shooting-Star über die Marathon-Distanz. In Valencia triumphierte er 2024 mit 2:02:05 Stunden beim Debüt, dann gewann er auch den hochkarätigen London-Marathon mit 2:02:27. Zwölf Monate später trug sich Sabastian Sawe in London in die Marathon-Geschichtsbücher ein. Mit 1:59:30 Stunden durchbrach er als erster Läufer in einem regulären Rennen eine Zeit-Barriere, die vielleicht die bedeutendste ist, die es im Laufsport gibt.
Sabastian Sawe war ein Spätstarter. Dass er den Weg in die Weltspitze finden konnte, hing auch mit einer Portion Glück und einem Zufall zusammen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in dem Dorf Cheukta, das nicht weit weg von der Stadt Eldoret im kenianischen Hochland liegt, gelang es Sabastian Sawe lange Zeit nicht, sich eine Karriere als Läufer aufzubauen. „Ich hatte schon in der Grundschule angefangen zu laufen und lief später auch in der Oberschule, aber ich war zunächst nicht sehr erfolgreich. Ich brauchte viel Geduld und Ausdauer“, sagte Sabastian Sawe in einem Interview gegenüber dem internationalen Leichtathletik-Verband World Athletics.
2017 siedelte er nach Iten um, in die auf 2.400 Metern Höhe gelegene Hochburg des kenianischen Laufsports. Doch niemand entdeckte sein großes Talent. Sein Onkel Abraham Chepkirwok – einst ein 800-Meter-Läufer der noch heute den Landesrekord von Uganda hält –, vermittelte ihn über einen Dritt-Kontakt zum italienischen Coach Claudio Berardelli, der in Kapsabet das Trainingslager der Athleten-Management-Gruppe von Gianni Demadonna leitet. Doch auch in der neuen Gruppe lief längst nicht alles nach Plan, als Mittelstreckenläufer blieben die Erfolge aus.
Ein Zufall half Sabastian Sawe schließlich auf die richtige Spur: Bei einem Meeting in Kakamega verspätete er sich und schaffte es nicht rechtzeitig zum 800-Meter-Start. So trat er stattdessen über 5.000 Meter an – und gewann, obwohl er weder Zeit für ein Aufwärmprogramm noch einen taktischen Plan für das Rennen hatte.
Als Tempomacher in die Weltklasse
Beim Sevilla-Halbmarathon 2022 begann die internationale Karriere von Sabastian Sawe mit einer Sensation. Eigentlich war er als Tempomacher gemeldet und sollte nach zehn Kilometern aussteigen. Doch der Kenianer lief durch und gewann das Rennen mit einer Weltjahresbestzeit von 59:02 Minuten. Weitere starke Leistungen folgten über die Halbmarathon-Distanz. 2023 gewann Sabastian Sawe auch den WM-Titel über diese Strecke. Verteidigen will er den Titel im September aber nicht, da er sich jetzt vollkommen auf den Marathon konzentriert.
Sein Weltrekord in London war in mehr als nur einer Hinsicht bemerkenswert. Die erste reguläre Zeit unter zwei Stunden – ein Meilenstein für die längste olympische Lauf-Distanz. Und eine Leistung, die in diesem Rennen gleich zwei Athleten erbrachten: Der Äthiopier Yomif Kejelcha legte die Strecke bei seinem Debüt in 1:59:41 Stunden zurück. Und auch der drittplatzierte Jacob Kiplimo (Uganda) war mit 2:00:28 Stunden schneller als der alte Weltrekord. Bis zwei Kilometer vor dem Ziel beflügelten sich Sawe und Kejelcha gegenseitig, ehe der Kenianer davonzog.
Im Übrigen ist Sabastian Sawe nicht der erste Läufer, der im Marathon unter zwei Stunden geblieben ist. 2019 machte der damalige Weltrekordler Eliud Kipchoge (Kenia) mit seinem Projekt "Breaking2" Schlagzeilen. In Wien (Österreich) kam er damals in einem maßgeschneiderten und daher nicht bestenlistenfähigen Rennen – ohne Konkurrenz und mit wechselnden Tempomachern – nach 1:59:40 Stunden ins Ziel. Selbst diese Marke unterbot Sawe in London um zehn Sekunden.
Rennen in Erinnerung an Kelvin Kiptum
Sabastian Sawe wurde in London nach seinem Triumph angesprochen auf seinen vor gut zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Landsmann Kelvin Kiptum, dessen Weltrekord von 2:00:35 Stunden er in London gebrochen hat. Kiptum schien 2024 auf dem Weg zu sein, als erster Läufer regulär unter zwei Stunden zu rennen. „Es tut mir sehr leid für seine Familie und ich möchte ihnen sagen: Sabastian ist heute im Sinne von Kelvin gelaufen. Ich habe das gemacht und weitergeführt, was er angefangen hatte. Jetzt sind wir bei einer Zeit von unter zwei Stunden“, sagte Sabastian Sawe.
Der Weltrekord in London dürfte aber noch nicht das Limit gewesen sein für Sabastian Sawe. Denn die Strecke an der Themse ist sicherlich nicht so schnell wie zum Beispiel die 42,195 Kilometer durch Berlin, Chicago (USA) oder Valencia (Spanien). Eines dieser drei Herbstrennen könnte eine Option sein für Sabastian Sawe, wenn er versuchen möchte, noch schneller zu laufen als in London.
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