Kontrolliert in alte Sphären – mit der EM-Norm im ersten Wettkampf ist Thomas Röhler (LC Jena) erfolgreich in die Saison gestartet. Im Interview der Woche spricht der Olympiasieger von 2016 über das neu formierte Team in Jena, seine Ziele für den Sommer und warum ein gesunder Körper und Stabilität wichtiger sind als das Messen von Trainingsweiten.
Thomas Röhler, herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem erfolgreichen Saisoneinstieg beim „Kip-Keino-Classic“-Meeting in Nairobi.
Thomas Röhler:
Vielen Dank.
Mit 83,33 Metern haben Sie so weit geworfen wie seit fast sieben Jahren nicht mehr. Und das zu einem solch frühen Zeitpunkt in der Saison. Wie haben Sie den Wettkampf erlebt und wie schätzen Sie das Ergebnis ein?
Thomas Röhler:
Dass mir die Weite früh in der Saison gelungen ist, rein vom Kalender her, dem stimme ich definitiv zu. Das habe ich trainingsmäßig auch genau so eingesteuert. Das heißt, dass ich in dem Wettkampf erst das siebte oder achte Mal aus dem langen Anlauf geworfen habe. Ich habe mir da auch die normale Zeit gelassen und den Wettkampf nicht gemacht, um etwa Punkte zu sammeln oder besonders früh dran zu sein. Ich habe die Saison normal vorbereitet – eher für Ende Mai und Juni. Dementsprechend werte ich das Ergebnis noch positiver. Zugleich muss ich sagen, dass ich die Euphorie von außen, die ich mit der Weite ausgelöst habe, gar nicht so stark teile. Ich hatte mir schon ein bisschen gedacht, dass so etwas passieren könnte, auch wenn es jetzt doch ein bisschen größer ausgefallen ist. Für mich ist es gut, dass ich persönlich den Wettkampf relativ normal einschätze und auch zufrieden mit dem Ergebnis bin.
Sie waren bereits in den vergangenen Jahren bei dem Meeting dabei. Warum haben Sie sich wieder für einen Start in Kenias Hauptstadt entschieden?
Thomas Röhler:
Weil es ein feiner Wettkampf ist, der früh in der Saison liegt und bei dem es auch sicher warm ist. Die letzten Jahre ist so gut wie kein Wind gewesen. Wenn du so eine lange Reise machst, willst du gute Wurfbedingungen haben und zum Beispiel keinen störenden Seitenwind. Das hat die letzten Jahre gut gepasst. Zudem wollte ich gleich für den Beginn ein gutes Starterfeld haben. Einfach damit der Kopf weiß, dass der Winter beendet ist und jetzt die Saison startet. Das hat ebenfalls wieder gut funktioniert. Und nicht zuletzt haben solche Meetings auch etwas mit Beziehungen zu tun. Wenn du da zweimal warst, Interviews gegeben hast und wie ich seit Olympia 2016 eine sehr gute Beziehung zu Julius Yego [kenianischer Speerwerfer und Weltmeister von 2015; Anm.d.Red.] hast, dann trägt das alles mit dazu bei, warum ich jetzt das dritte Mal in Kenia war. Ich bin auch schon wieder eingeladen für das nächste Jahr. Mal schauen, wie wir damit umgehen – irgendwie ist es zur Startroutine geworden und im Hinblick auf die Weltrangliste ist es auch ein hochwertiger Wettkampf.
Waren Sie zuvor unter der kenianischen Sonne auch im Trainingslager oder war der Flug nach Nairobi eine reine Wettkampfreise?
Thomas Röhler:
Nein, ich bin nur für den Wettkampf dorthin geflogen. Und sogar noch einen halben Tag länger geblieben, um an der Athleten-Safari teilzunehmen. Das war beim letzten Mal schon ganz nett und die Flüge nach Deutschland gehen ohnehin sehr spät am Abend, sodass eine frühere Rückreise gar nicht möglich gewesen wäre.
Haben Sie den kompletten Winter in Jena verbracht und sich auf die Saison vorbereitet oder gab es dennoch ein Trainingslager im Warmen?
Thomas Röhler:
Zusammen mit Julian Weber war ich kurz in den USA. Das war aber weniger ein Trainingslager für mich als für andere. Wir haben da zusammen mit einem befreundeten Coach in den USA zwei Trainingslager für Nachwuchsathleten betreut. Das war eine feine Sache. Ich selbst habe mit meinem Team viel zu Hause gemacht. Auch weil wir im letzten Jahr einiges neu sortieren mussten. Das war der erste Herbst, den wir als neu formiertes, super junges Team in Jena gemeinsam trainieren konnten. Da habe ich mir gesagt, dass ich im Sommer noch genug unterwegs bin und für die Vorbereitung nicht zwingend aus Jena weg muss.
Können Sie uns ein wenig mehr über das neue Team in Jena erzählen?
Thomas Röhler:
Wir haben uns neu aufgestellt und mit Sixten Haak auch einen neuen Trainer gefunden. Sixten war selbst Speerwerfer und hat noch mit mir unter Harro Schwuchow geworfen. Er hat dann sehr früh für sich erkannt, dass er viel mehr Lust auf eine Laufbahn als Lehrer und Trainer hat. Nachdem wir alle die Köpfe zusammengesteckt und überlegt haben, wie wir das machen, ist er jetzt aktuell als Referent da und betreut parallel noch eine zweite Trainingsgruppe im Nachwuchsleistungsbereich. Sixten ist unser offizieller Headcoach und schreibt die Pläne, er macht seinen Job aus meiner Sicht richtig gut. Meine Rolle ist im Team jetzt noch ein Stück weit die des Mentors und Managers. Worauf wir achten, ist, dass wir die Technikeinheiten jede Woche gemeinsam machen. Dann gucke ich auch bei den anderen mal mit hin. Aber mir war es auch wichtig, dass Sixten immer die erste Anlaufstelle für Feedback ist und ich nur ergänze, wenn ich aus der Erfahrung heraus etwas anderes sehe. So haben wir es geschafft, in Jena wieder einen echten Trainer zu etablieren. Im Tagesgeschäft sind wir fünf Leute – unter anderem auch die U20-EM-Teilnehmerin Lena Benne. Ansonsten sind wir ein gut gemischtes Team, in dem alle in Jena studieren.
Kommen wir auf Sie zurück. Mit 83,33 Metern haben Sie direkt im ersten Wettkampf die EM-Norm übertroffen. Ist der Saisonhöhepunkt in Birmingham auch Ihr großes Saisonziel oder liegt der Fokus einzig auf den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles?
Thomas Röhler:
Das große Ziel ist L.A., aber das schließt natürlich solche positiven Vorkommnisse wie die EM nicht aus. Die habe ich schon im Blick und auch schon Lust und Motivation, wieder möglichst erfolgreich für Deutschland an den Start zu gehen. Der Wettkampf in Nairobi hat mich dahingehend zuversichtlich gestimmt, gar nicht wegen der Weite, sondern einfach, wie der Wettbewerb gelaufen ist. Ich bin ihn sehr ruhig und kontrolliert angegangen. Ich wollte überhaupt erst mal eine Weite stehen haben, die war dann auch in Ordnung. Nachdem ich schon beim Einwerfen über 80 Meter geworfen habe, wusste ich, wo ich stehe. Und dann ist auch vieles gut, weil es die anderen Jahre davor einfach genau so nicht war. Das hatte sich auch in den USA schon angedeutet, dass das alles gut funktioniert und der Körper gute Signale sendet. Ich hätte jetzt zwei Tage danach gerne wieder werfen können, das wäre aber kein Problem gewesen – anders als in den Jahren vorher. Wir konnten den kompletten Winter durchziehen, da ist der Körper natürlich ganz anders drauf. Dementsprechend weiß ich, was machbar ist, wenn ich gesund bleibe.
Hat das auch Auswirkungen auf die Wettkampfplanung?
Thomas Röhler:
Ja. In den letzten Jahren war ich es gewohnt, eher eine Art Trainingswettkampfplanung zu absolvieren, die mich mental aktiv hält. Dass ich nicht vergesse, wie Wettkämpfe funktionieren. Das hatte aber immer nur so einen fortführenden Trainingsprozesscharakter. Jetzt haben wir das Ganze eher in eine normale Richtung gedreht. Ich habe sogar mit der Zusage aus Rom wieder einen Fuß in der Diamond League drin – auch wenn ich dafür meine Wettkampfplanung ein Stück weit umstellen musste. Das nächste Mal werde ich am 8. Mai bei einem Wettkampf im tschechischen Domažlice werfen und danach noch mal zwei bis drei Wochen richtig trainieren, um das Ganze langfristig sinnvoll zu gestalten.
Wie bereits von Ihnen angesprochen, verliefen die vergangenen Jahre schwieriger für Sie. Was waren die Gründe dafür, waren Sie immer wieder verletzt?
Thomas Röhler:
Auch wenn es im Zusammenhang mit dem Wettkampf in Nairobi hieß, dass ich nach vielen Jahren Verletzung wieder zurück bin, stimmt das strenggenommen so nicht ganz. Im Jahr 2020 haben wir in Vorbereitung auf die Spiele bewusst ein Pausenjahr eingeschoben. Prinzipiell verletzt war ich dann wirklich nur 2021 im Rücken, was eine langwierige Geschichte war. Weil die Verletzung auch neuronale Auswirkungen hatte, musste ich eigentlich das Stemmen neu lernen. Das war das, was so lange gedauert hat. Speerwerfen ohne Stemmen? Das funktioniert bei Thomas Röhler einfach nicht. Was mich dann noch einmal zurückgeworfen hatte, war Borreliose, die ich mir bei einem Bremsenbiss eingefangen hatte. Das hat noch einmal ein Jahr gekostet. Ansonsten ist eigentlich alles körperlich ganz okay.
Ist das körperlich belastende Stemmen auch einer der Gründe, weshalb das Comeback nach Zwangspausen bei Speerwerfern so lange dauert oder täuscht der Eindruck?
Thomas Röhler:
So kraftvoll und dynamisch das Speerwerfen ist, so fragil ist es stellenweise auch. Im Stemmvorgang haben wir eine Tonne Last – plus/minus 100 Kilo, je nach Körpergewicht des Athleten und je nach Anlaufgeschwindigkeit. Wenn da irgendein Körperteil eine Schutzreaktion annimmt, sind die Technik und das Timing natürlich kaputt. Zum anderen meldet sich auch der Körper, wenn da irgendetwas nicht in Ordnung ist. Das tut dann einfach weh und funktioniert nicht.
Ein Leitsatz von Ihnen ist, dass wenn man Herausforderungen mit Leichtigkeit angeht, das langfristig zu Verbesserungen führt. Wie schwer war es für Sie, diese Leichtigkeit über die vergangenen Jahre zu bewahren?
Thomas Röhler:
Leichtigkeit zu bewahren, das ist alles ein Prozess, auf den man sich einlässt. Ich wusste immer, warum ich es tue, einfach weil mir Speerwerfen Spaß macht. Und weil ich Wettkämpfe mag. Das ist etwas, was mir Freude bereitet. Ich bin nicht der Typ, der immer nur gewinnen will. Ich finde die Sache gut, das Speerwerfen an sich und die Herausforderungen, die es täglich mit sich bringt. Natürlich ist es nicht cool, wenn du anderthalb Jahre mit dem Pezziball verbringst und wenig Speerwerfen kannst. Dann macht die Sache auch stellenweise wenig Freude. Andererseits hast du dann auch einen anderen Antrieb. Du blickst dann auch ein Stück weit auf dein Leben, was natürlich nicht nur aus Speerwerfen besteht. Irgendwann kommt eine Zeit, für die ich auch bei anderen Tätigkeiten gerne einen einigermaßen gesunden Körper hätte. Das heißt, man hat eine große Motivation, dass es dem Körper gut geht.
Umso schöner, dass Sie körperlich fit sind. Wie sieht denn aktuell eine typische Trainingswoche bei Ihnen aus?
Thomas Röhler:
Da wir jetzt nicht mehr in der Vorbereitung sind, absolviere ich im Schnitt sieben Einheiten. Im Winter waren es auch mal acht oder neun. Prinzipiell habe ich über die Jahre festgestellt, dass mir auch mal eine längere Einheit gut tut und einen Tag mehr Pause. Einfach, weil die Regeneration sich über die Jahre verändert und ein bisschen länger braucht. Da muss man ganz ehrlich sein, das ist auch okay. Das heißt, dass es hin und wieder auch mal sechs Einheiten sind und die dafür ein bisschen länger. Das Schöne ist, dass es kein angepasstes Training mehr ist und wir mindestens drei- bis viermal mit dem Team trainieren.
Zusammen mit Ihrem früheren Trainer Harro Schwuchow, der vergangenes Jahr verstorben ist, haben Sie teils sehr innovative Trainingsinhalte ausprobiert. Verglichen mit Ihrem heutigen Training: Hat sich in der Trainingsgestaltung etwas verändert?
Thomas Röhler:
Ja, ich glaube an einigen Stellen. Auch wenn Sachen die funktioniert haben, geblieben sind. Zum Beispiel das Slacklinen und die turnerischen Ansätze. Was anders ist und wofür ich auch ein Stück weit dankbar bin, sind die vielen Basis-Sprint-Sprung-Elemente, die wir ins Wintertraining mit übernommen haben. Und dass wir im Krafttraining wieder etwas klassischer unterwegs sind. Hinzu kommt, dass auch einige Ideen, die ich unter Harro als Chef nie umgesetzt habe, endlich ihren Platz gefunden haben und das macht einfach Freude.
Sie bieten auch selbst Coachings an und suchen aktiv den Austausch mit der internationalen Speerwurf-Szene. Was können Sie dabei für sich selbst noch lernen?
Thomas Röhler:
Die erste Speerwurf-Konferenz haben Harro und ich 2013 oder 2014 in Finnland besucht und dabei die klare Maßgabe, dass, wenn wir nichts teilen, dann auch keiner etwas mit uns teilt. Nur im offenen Austausch können alle voneinander lernen. Durch das viele Reisen und den vielen internationalen Austausch muss ich inzwischen sagen, dass ich mir sicher bin, dass wir unseren Blick in Deutschland viel früher hätten erweitern müssen. Erst in diesem Jahr zum Beispiel hatte ich einen sehr spannenden Austausch im Bereich Cricket. Eine Sportart, aus der unter anderem auch der pakistanische Olympiasieger Arshad Nadeem und Rumesh Tharanga Pathirage aus Sri Lanka kommen. Das sind Bereiche, in denen ich mich gerade bewege, wo ich hinhöre, was für mich persönlich einfach spannend ist. Wo wir Dinge mit ins Training nehmen und wo ich einfach spüre, da gibt es auch nach über zehn Jahren Speerwurf noch Sachen im allgemeinen Wurftraining, die ich persönlich noch nicht gemacht habe, nicht gesehen habe oder nicht gedacht habe.
Woran Sie hingegen denken können, sind Ihre Ziele für die laufende Sommersaison. Haben Sie da bestimmte Weiten oder Platzierungen im Kopf oder geht es Ihnen primär darum, körperlich gesund zu bleiben und Stück für Stück an Ihr einstiges Leistungsniveau anzuknüpfen?
Thomas Röhler:
Letzteres nehmen wir so, das passt (lacht). Im Ernst: Den Gedanken an eine bestimmte Weite gab es bei mir vorher nie. Da bleibe ich hart dabei, so funktioniert auch unser Training. Das heißt, dass wir unsere Würfe auch weiterhin nicht im Training messen und stattdessen vermehrt auf Stabilität und Qualität schauen. Ich bin auf einem guten Weg und Stück für Stück können wir auch wieder mehr Risiko gehen. Das habe ich auch in Nairobi schon gespürt. Die letzten drei Versuche habe ich dann wirklich mal ein bisschen mehr riskiert und bin ein bisschen mehr auf Tempo gegangen. Zwar war dann auch die Speerspitze einfach irgendwo, aber genau das muss man üben und wieder machen. Der positive Aspekt ist, dass der Körper sagt: „Ja, ich habe Lust auf das Risiko, ich möchte mehr Tempo.“ Darum heißt es jetzt, gesund zu bleiben und dann funktioniert das auch.
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