Thilo Traue sorgte am Freitag beim 28. Internationalen Leichtathletik-Meeting „Anhalt 2026“ für Staunen, als er seinen Hausrekord über 400 Meter auf 45,29 Sekunden steigerte. Die direkte EM-Norm verpasste der Münchner nur um vier Hundertstel. Dafür hakte er die DLV-Bestätigungsnorm über die Stadionrunde ab. Angesichts dieses enormen Leistungssprungs könnte sich sein Traum von einem internationalen Start schon in diesem Sommer erfüllen.
Dieses Rennen in Dessau wird Thilo Traue (LG Stadtwerke München) nicht so schnell vergessen. In zweiten Zeitlauf über 400 Meter startete der 26-Jährige auf Bahn fünf. Auf der Außenbahn lief der schnelle Südafrikaner Gardeo Isaacs, der auf den ersten Metern das Tempo vorgab. Das kam dem Mindener sehr zugute: „Da konnte ich mich gut hinterhängen.“
In der Kurve vor der Zielgerade lief er mutig und mit Selbstvertrauen. So saugte er sich immer mehr an den führenden Südafrikaner heran. Im Zielsprint sorgte Thilo Traue für eine der größten Überraschungen an diesem Abend: Er setzte sich hauchdünn durch und verbesserte seine persönliche Bestzeit auf sensationelle 45,29 Sekunden. Seine Reaktion im Ziel fiel dementsprechend aus: Das schwarze Trikot zog er aus und pfefferte es auf den grünen Rasen des Dessauer Stadions. Anschließend hallte ein lauter „Ja“-Schrei durch das weite Rund des Stadions. Seinen Emotionen ließ er dabei freien Lauf.
Mit diesem Rennen setzte Thilo Traue seinen Aufwärtstrend weiter fort. Zum Saisonstart in Regensburg hatte er erstmals überhaupt die 46 Sekunden unterboten. In der Universitätsstadt durfte er über 45,79 Sekunden jubeln. „Vor Regensburg stand meine Bestzeit bei 47,04 Sekunden“, erklärte der Langsprinter. Anschließend kam er bei einem Wettkampf in Ingolstadt mit 46,65 Sekunden nicht an seine neue Bestzeit heran. „Ich bin da bei 15 Grad und Regen gelaufen. Aber es war ganz gut, mal wieder runterzukommen. Wenn immer alles klappt, dann glaubt man es dann selbst nicht mehr.“
„Wie in einem Traum“
Und dann kam Dessau: 45,29 Sekunden! Eine Zeit, mit der er um vier Hundertstel die direkte Norm für die Europameisterschaften in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August) verpasste – aber unter der vom DLV geforderten Bestätigungsnorm von 45,45 Sekunden blieb. „Ich kann die Zeit selbst nicht glauben und bin einfach nur sprachlos. Es fühlt sich gerade alles an wie in einem Traum“, gestand er nach seinem schnellen Auftritt. Für ihn habe sich das Rennen schon sehr gut angefühlt. Aber inwieweit sich da noch die fehlenden Hundertstel für die direkte EM-Norm rauskitzeln lassen, ist nicht so einfach zu beantworten. „Ich glaube, wir kommen so langsam dahin, wo es leistungstechnisch aufhört.“
Nach seinem rasanten Auftritt in Dessau startete er nur einen Tag später beim Midsommar Meeting in Berlin, wo er in 46,35 Sekunden langsamer unterwegs war. Doch nicht nur über die Stadionrunde glänzte Thilo Traue zuletzt mit absoluten Spitzenzeiten. Auch über die Hälfte der Distanz stürmte er in die deutsche Top 10 vor. In Weinheim blieb er erstmals überhaupt unter 21 Sekunden, er verbesserte seinen persönlichen Hausrekord auf 20,92 Sekunden.
Alles neu und aufregend
Doch wie lässt sich dieser Leistungssprung in diesem Sommer erklären? „Ich habe auch meinen Trainer gefragt, wie das jetzt auf einmal sein kann. Er war selbst ratlos.“ Mit ein wenig Abstand zeigte sich Thilo Traue reflektierter und versuchte für sich selbst eine Erklärung zu finden. „Ich meine, die Trainingsleistungen sind da. Man ist jedes Jahr immer besser geworden. Die Jahre vorher hatte es immer daran gelegen, dass ich es nicht auf die Bahn bringen konnte, weil der Kopf irgendwie nicht mitgemacht hat und ich teilweise einfach zu aufgeregt war.“
Dazu kommt, dass er erst seit drei Jahren aktiv im Leistungssport dabei ist. Viele andere Athleten können da auf eine deutlich längere Laufbahn zurückblicken. „Vieles ist für mich jetzt auch neu und irgendwie alles aufregend.“ Ein Einsatz in der deutschen 4x400-Meter-Staffel war bisher sein Traum. „Da arbeite ich mich jetzt Stück für Stück heran.“
Sein großes Ziel ist ein Start bei den Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles. Der Traum vom internationalen Start könnte sich für ihn schon eher erfüllen. „Wir gehen jetzt ein paar Wochen in den Aufbau. Danach ist der Fokus auf die Deutschen Meisterschaften und hoffentlich die EM gerichtet. Schauen wir mal“, blickt der Aufsteiger voraus. Bei den nationalen Titelkämpfen in Bochum-Wattenscheid (24. bis 26. Juli) ist Thilo Traue angesichts seiner Vorleistungen nicht mehr nur ein Final-Kandidat. Dafür hat er sich mit seiner Spitzenzeit von 45,29 Sekunden kometenhaft in die deutsche Spitze gearbeitet – und das Feuer soll auf seinem weiteren Weg noch lange nicht erlöschen.