Er hat Charakter, Humor und vor allem eines: Kampfgeist. Im Rahmen der „Tage der Überflieger“ in Essen hat Hochspringer Mateusz Przybylko (TSV Bayer 04 Leverkusen) am Samstag sein Karriereende bekannt gegeben. Im Interview der Woche spricht der 34-Jährige über seine Entscheidung, sich aus dem Leistungssport zu verabschieden und blickt noch einmal auf seine einzigartige Sportlerkarriere mit dem EM-Sieg 2018 in Berlin als Höhepunkt zurück.
Mateusz Przybylko, es ist offiziell: Vergangenen Samstag haben Sie bei den „Tagen der Überflieger“ in Essen Ihr Karriereende als Hochspringer bekanntgegeben. Wie haben Sie das emotionale Wochenende erlebt?
Mateusz Przybylko:
Es war ziemlich hart. Auch weil ich nochmal meinen Trainer Hans-Jürgen Thomaskamp gesehen habe und die Möglichkeit hatte, ein paar Bilder und Emotionen der letzten Jahre aufzunehmen. Das war schon nicht einfach, muss ich sagen.
Vergangenes Jahr standen Sie auf dem Kennedyplatz in der Essener Innenstadt noch selbst am Anlauf und sind mit 2,23 Metern Zweiter geworden. Wieso haben Sie sich diese Bühne für die offizielle Verkündung Ihres Abschieds aus dem Leistungssport ausgesucht?
Mateusz Przybylko:
Vor ein paar Monaten, als ich noch aktiv war, hatte mich der Essener Meetingchef Tim Husel gefragt, ob ich noch ein Jahr weiter mache mit dem Hochsprung und ob ich wieder mit dabei sein möchte. Da habe ich zu ihm gesagt, dass ich mich nochmal melde – je nachdem, wie ich mich fühle und was mein Körper noch so hergibt. Und dann habe ich ihm später geschrieben, dass ich jetzt aufhören werde und das gerne auch öffentlich machen würde. Da meinte er zu mir, dass er sich gern was Schönes ausdenken wolle, damit ich nochmal gefeiert werde und bei den „Tagen der Überflieger“ einen gebührenden Abschied bekomme. Und dann hat er sich das so ein bisschen ausgedacht.
Ihren letzten Wettkampf haben Sie Anfang Februar in Leverkusen bestritten. Wann war für Sie der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie die Spikes an den Nagel hängen? Wann haben Sie sich gesagt: Jetzt ist die Sportkarriere vorbei.
Mateusz Przybylko:
Das war in einem Gespräch mit einem guten Freund von mir, als es darum ging, ob ich noch weitermachen soll. Da meinte er zu mir: „Matze, geh' noch einmal in dich und frage dich: Was war damals immer dein Ziel, dein Traum?“ Dann habe ich gesagt, dass ich immer eine internationale Medaille gewinnen, bei Olympischen Spielen teilnehmen und Deutscher Meister werden wollte. Ich war mehrfacher Deutscher Meister. Ich habe zwei internationale Medaillen gewonnen. Ich war 2016 und 2021 zweimal bei den Olympischen Spielen. Und ich habe zweimal versucht, den Deutschen Rekord anzugreifen. Das hat natürlich nicht geklappt. Das wäre auch noch schön gewesen. Dann habe ich mir gesagt: Ja, da hat er schon recht. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte. Warum soll ich mich jetzt noch einmal so anstrengen, um am Ende vielleicht noch einmal 2,25 Meter auszupacken? Eine Höhe, die mich nicht mehr nach vorn bringt und die mich nicht mehr glücklich machen würde. Dann habe ich mich vor den Spiegel gestellt und mit mir selbst gesprochen: „Komm Matze, das reicht. 16, 17 Jahre lang hast du Leistungssport gemacht. Da kannst du auch irgendwann mal ein bisschen das Leben danach genießen. That's it, das war's.
Hatten Sie dennoch eine mögliche Sommersaison vorbereitet oder fiel die Entscheidung bereits im Winter?
Mateusz Przybylko:
Das war schon im Winter. Ich hatte zu meinem Trainer Hans-Jörg Thomaskamp gesagt, dass er mir zwei bis drei Monate geben soll und ich mich bei ihm melde. Und dass er sich nicht bei mir melden soll, weil ich ein bisschen Zeit für mich brauche. Hans-Jörg war immer an meiner Seite und hat mir auch immer so ein bisschen die Entscheidungen abgenommen. Darum habe ich gesagt, dass er mich dieses Mal bitte allein lassen soll. Hans-Jörg war für mich mehr als nur ein Trainer, ich habe ihn mehr gesehen als meinen eigenen Vater. Irgendwann habe ich ihn angerufen und gesagt, dass wir uns mal in der Halle zusammensetzen und ein bisschen darüber sprechen sollen. Am Ende habe ich zu ihm gesagt, dass ich fertig bin mit dem Leistungssport. Ich bin zufrieden. Und ich werde es auch irgendwann öffentlich machen – sich nicht zu verabschieden, wäre blöd gewesen.
Holen Sie aktuell Dinge nach, auf die Sie jahrelang zugunsten des Leistungssports verzichtet haben?
Mateusz Przybylko:
Ja, ich genieße gerade das Leben, muss ich sagen. Ich hole schon ein bisschen nach, was ich nachholen wollte. Wenn ich aufhöre, möchte ich wieder ein bisschen jung sein. Ich mach zum Beispiel viele spontane Trips – auch mit dem Motorrad oder zusammen mit meinen Eltern.
Vor jedem Ende steht ein Anfang: Wie sind Sie damals überhaupt zur Leichtathletik gekommen und was hat Sie insbesondere am Hochsprung so begeistert? Anders als Ihre Brüder, die sich wie Ihr Vater für den Fußball entschieden haben, sind Sie wie Ihre Mutter in die Leichtathletik gegangen.
Mateusz Przybylko:
Als Kind habe ich zusammen mit meinen Brüdern mit Fußball angefangen und bei Bielefeld gespielt. Aber ich war nicht so wie meine Brüder. Auf dem Fußballfeld war ich eher der Träumer und bin auch nicht immer dem Ball hinterhergelaufen. Ich glaube, ich hatte auch nicht so ein Gefühl wie meine Brüder. Deswegen wurde ich dann irgendwann aus dem Verein genommen. Und dann meinte meine Mama, ob mir vielleicht Leichtathletik gefallen könnte? Dann hat sie mich immer mitgenommen und ich war sofort verliebt in die Leichtathletik. Es hat Spaß gemacht und es war abwechslungsreich. Auch wenn ich alles ausprobiert habe, hat mir der Hochsprung am meisten Spaß gemacht. Mit 15 Jahren war ich in Nordrhein-Westfalen schon relativ gut und wusste, dass ich für meine Weiterentwicklung zu einem größeren Verein gehen muss. Mit 17 Jahren bin ich dann nach Leverkusen gezogen und habe den Schritt gewagt, Leistungssport zu machen.
Was sich auszahlen sollte. Bekannt sind Sie nicht nur für Ihre Erfolge und Ihren starken Charakter, sondern auch für Ihre recht eigenwillige Technik. Worin lagen Ihre Stärken als Hochspringer – haben Sie etwa von einer hohen Anlaufgeschwindigkeit oder einem kräftigen Sprungfuß profitiert?
Mateusz Przybylko:
Ja, Kamikaze-Matze, ich weiß (lacht). Ich war immer ein Kämpfer. Ich habe nie aufgegeben, auch wenn ich verletzt war. Trotz der Verletzung bin ich immer gesprungen. Egal, wie hoch es war, ich habe immer Vollgas gegeben. Voll drauf zu, Fuß hinhalten und einfach abspringen. Das war es.
Wie ist es Ihnen als doch recht chaotischer und sehr emotionaler Charakter gelungen, in diesen absoluten Fokus zu kommen, den es beim Hochsprung braucht?
Mateusz Przybylko:
Das verdanke ich vor allem meinem Trainer Hans-Jörg. Er hat mich immer ein bisschen geerdet und gesagt: „Hör zu, beruhige dich jetzt, komm jetzt mal runter, sammle dich“. Ich war immer sehr emotional, das haben auch die meisten mitbekommen. Deswegen bin ich sehr dankbar dafür, dass Hans-Jörg meist an meiner Seite war. Wenn ich nicht mehr weiterwusste und durcheinander war, dann hat er es geschafft, mich zu beruhigen. Zudem hatten wir damals angefangen, mit Sportpsychologen zusammenzuarbeiten, um ein paar Techniken zu lernen, wie ich mich sammeln kann, wenn es bei Wettkämpfen mal wieder etwas chaotisch wurde. Das hat mir dann vor allem geholfen, wenn Hans-Jörg bei Wettkämpfen nicht mit dabei sein konnte.
Gab es für Sie den berühmten „Magic Moment“ in Ihrer Karriere?
Mateusz Przybylko:
Der Magic Moment war für mich das erste Mal, als ich 2,30 Meter gesprungen bin. Das war 2015 in Weinheim und kam vollkommen unerwartet. Es war meine WM-Norm bei den Männern. Die 2,30 Meter sind im Hochsprung eine Schallmauer und die konnte ich damals durchbrechen. Danach gab es noch einige weitere Wettkämpfe, die besonders schön waren – etwa in Bottrop, als ich zum ersten Mal 2,35 Meter gesprungen bin. Der schönste Moment, den ich niemals vergessen werde, war natürlich Berlin, die EM 2018. Das war grandios.
Bei der Heim-EM haben Sie nicht nur Gold gewonnen, sondern hatten auch jede Höhe im ersten Versuch überquert ...
Mateusz Przybylko:
... ja, auch in der Quali. Das wissen die meisten gar nicht. Berlin 2018 war einfach der Hammer, das war wirklich ein Traum. Als wäre es gestern gewesen. Das werde ich niemals vergessen. Ich erinnere mich noch an jeden einzelnen Sprung bei der EM.
Weniger optimal lief es bei Olympischen Spielen für Sie. In Rio sind Sie in der Qualifikation ausgeschieden, in Tokio gesundheitlich angeschlagen ebenso. Im Jahr vor Paris 2024 hatten Sieeinen Mittelfußbruch. Haben Sie dennoch an dem Glauben festgehalten, es nach Paris zu schaffen?
Mateusz Przybylko:
Ja, wir haben natürlich alles versucht. Ich wurde zweimal am Fuß operiert. Beim ersten Mal habe ich eine Schraube eingesetzt bekommen, das war aber noch nicht ausreichend bei dieser hohen Belastung. Dann wurde ich ein Jahr danach nochmal operiert. Da habe ich eine Platte drauf bekommen und nochmal zwei Schrauben extra. Das hat den Fuß natürlich stabilisiert. Aber dann hatte ich wenig Training, wenig Routine. So war es schwer, wieder an meine Top-Leistung anzuknüpfen. Das war sehr schade. Ich habe geglaubt, dass ich es geschafft hätte. Nichtsdestotrotz bin ich zufrieden. Ich bin ein Kämpfer. Bei der EM in Rom 2024 war ich dann sogar mit angebrochenem Fuß dabei und bin trotzdem ins Finale gesprungen. In diesem konnte ich dann aber nicht mehr teilnehmen, weil die Schmerzen zu groß waren. Das war das erste Mal, dass ich aufgrund der Schmerzen nicht mehr auftreten konnte und sie nicht einfach ausblenden konnte.
Das stimmt, oftmals sind Sie trotz Verletzungen oder dickem Fuß bei Wettkämpfen angetreten – einige Male auch bei Deutschen Meisterschaften.
Mateusz Przybylko:
Ja, ich habe noch so viele Bilder, wo ich nach dem Wettkampf beim Physiotherapeuten war und er fragte, ob ich umgeknickt bin weil mein Fuß komplett blau angelaufen war und überall Flüssigkeit drin war – etwa bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Leipzig. Ich hatte damals zwar auch Schmerzen, aber auch viel Adrenalin im Körper, weil ich unbedingt gewinnen wollte. Das war total ungesund. Aber in dem Moment habe ich das alles vergessen. Da konnte ich alles ausblenden: Schmerzen, andere Reize von außen, die Leute. Man ist dann einfach wie im Traum.
Abgesehen von den Blessuren – was können Sie aus dem Sport fürs Leben mitnehmen?
Mateusz Przybylko:
Niemals aufgeben! Das hilft mir auch gerade beruflich. Da ich nicht mehr bei der Bundeswehr bin, bin ich auf der Suche nach etwas, was zu mir passen könnte. Ich könnte natürlich als Trainer anfangen, aber direkt nach dem Karriereende in der Leichtathletik-Bubble zu bleiben, das will ich nicht. Das möchte ich nur noch als Zuschauer, als Fan. Ich will erst einmal diesen Absprung vom Leistungssport schaffen.
Was sicherlich noch einmal schwieriger ist, weil Sie all die Jahre in ein und demselben Verein geblieben sind und Leverkusen ein zweites Zuhause für Sie war. Wieso war diese Konstanz so wichtig für Sie?
Mateusz Przybylko:
Ich brauchte diese Konstanz, das gleiche Umfeld. Das hat mir Sicherheit gegeben. Als ich mit 17 Jahren in Leverkusen angekommen bin, habe ich sofort gemerkt, wie gut das mit Hans-Jörg passt – er war für mich ein Erfolgstrainer. Ich wusste, dass wenn ich bei ihm bleibe, dann werde ich irgendwann einmal auf jeden Fall ein super Hochspringer. Das hat geklappt. Als ich 2018 Europameister geworden bin, habe ich auch bewusst gesagt, dass ich bei ihm bleibe. Auch wenn es Jahre gab, in denen es nicht so gut funktioniert hat. 2019 war beispielsweise das schlimmste Jahr für mich. Da war ich körperlich viel stärker als 2018. Aber mental hatte ich Schwierigkeiten – und genau da hat mir wieder Hans-Jörg geholfen und wir haben angefangen, mit einem Psychologen zu arbeiten und ein paar neue Dinge ausprobiert.
Nachdem Sie Ihr halbes Leben lang im Leistungssport aktiv waren: Wie halten Sie sich aktuell fit? Hochsprung ist eher keine Sportart, die sich als Hobby eignet...
Mateusz Przybylko:
Neben Sachen wie Fahrradfahren habe ich gerade viel Freude mit Padel-Tennis. Das macht mir so viel Spaß. Ansonsten mache ich zum Beispiel einmal die Woche Athletik-Training mit einer guten Freundin und zu Hause habe ich meine kleinen Gewichte und eine Klimmzugstange. Ich trainiere mit dem eigenen Körpergewicht. Klar trainiere ich weniger, weil ich jetzt gemerkt habe, dass mir das guttut. Ich stehe früh auf und habe keine Schmerzen mehr. Mit 26 Jahren hatte ich Rückenschmerzen und habe gedacht, ich sei Rentner. Und jetzt stehe ich mit 34 Jahren auf und fühle mich wie ein junges Reh (lacht).
Kommen wir zur letzten Frage: In welcher Form bleiben Sie der Leichtathletik künftig verbunden?
Mateusz Przybylko:
Was in der Leichtathletik passiert, das verfolge ich sowieso. Ich schaue auch die ganze Zeit, wie es bei uns im Verein aussieht. Aber auch darüber hinaus – umso schöner waren all die Nachrichten, die ich auch von einstigen Konkurrenten bekommen habe und sie mir das Allerbeste gewünscht haben und sich für die schöne Zeit mit mir bedankt haben. Wir sind alle irgendwie auch eine Familie gewesen.