| Interview der Woche

Emma Goretzka & Jakob Kemminer: „Das hätten wir uns nie erträumt“

Portraitbilder der deutschen Sprinter Jakob Kemminer und Emma Goretzka im Nationaltrikot. © DLV
Ein Sprintfeuerwerk hat am Samstag den zweiten Tag der Deutschen U16-/U20-Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid gekrönt. Erst stürmte Emma Goretzka (LAC Berlin) im 100-Meter-Finale der weiblichen U20 nach 11,19 Sekunden ins Ziel, dann egalisierte Jakob Kemminer (LAC Quelle Fürth) im Finale der männlichen U20 in 10,14 Sekunden den Deutschen U20-Rekord. Im Interview sprechen beide über das überwältigende Erlebnis und ihre Vorfreude auf die U20-WM.
Svenja Sapper

Emma Goretzka und Jakob Kemminer, herzlichen Glückwunsch zu Euren Super-Sprints mit 11,19 und 10,14 Sekunden! Ihr wirktet beide schon in den Vorrunden am Samstag bei der U20-DM in Bochum-Wattenscheid unglaublich fokussiert und souverän. Wie habt Ihr den Tag erlebt?

Emma Goretzka:
Ich bin super entspannt in die ersten beiden Läufe reingegangen. Zwischen den Läufen habe ich 20-minütige Powernaps gemacht, viel regeneriert und mit Eisbädern gearbeitet. Nur vor dem Finale war ich nicht sicher, ob ich diesem Druck standhalten kann. Aber ich habe es geschafft! Das kann ich gar nicht glauben.

Jakob Kemminer:
Ich muss sagen, heute Morgen hatte ich Panik! Ich habe mich nicht wirklich gut gefühlt, war sehr nervös. Aber als ich im Stadion war, ging das. Im Halbfinale habe ich mich noch ein bisschen zurückgehalten. Als ich die 10,25 Sekunden gesehen habe, wusste ich: Ich bin mega gut drauf. Im Finale zählte dann nur noch Vollgas, alles reinhauen. Und dann ist das Krasseste passiert, wovon ich je hätte träumen können.

Könnt ihr den Moment beschreiben, als Ihr über die Ziellinie gesprintet seid und die Zeit gesehen habt?

Emma Goretzka:
Unbeschreiblich. Als der Startschuss fiel, habe ich an nichts mehr gedacht und bin einfach nur gerannt. Ich habe die Zeit im Ziel erst gar nicht wahrgenommen, sondern nur, dass ich Deutsche Meisterin geworden bin. Das ist für mich schon ein riesengroßer Erfolg! Aber die Zeit ist einfach nur unglaublich, das hätte ich mir nie erträumt.

Jakob Kemminer:
Unfassbar! Ich kann das noch gar nicht realisieren. Niemals hätte ich das gedacht. Ich möchte für das Rennen einige Widmungen aussprechen. Zum einen möchte ich dem Herrn Jesus Christus danken, dass er mir die Kraft gegeben hat, ein so tolles Rennen zu machen. Zweitens möchte ich meinem Trainer meinen großen Dank aussprechen. Ohne ihn und sein tolles Training wäre das niemals möglich gewesen. Und drittens meinem Cousin und meiner Familie in der Ukraine, die hoffentlich durch dieses Rennen einen Moment des Glückes erfahren durften.

Emma, wie schon in der Hallensaison waren im Finale alle Augen auf Dich und auf Lena Anochili gerichtet. Bei der Jugend-Hallen-DM habt Ihr euch einen Tausendstel-Krimi geliefert, den Lena knapp für sich entschieden hat. Hat Dich die Aussicht auf eine Revanche zusätzlich motiviert?

Emma Goretzka:
Auf jeden Fall! Ich muss sagen: Ich hätte den Sieg niemandem sonst mehr gegönnt als Lena. Aber natürlich wollte ich auch mal den Titel haben. Jetzt war ich mal dran!

Mit euren Zeiten seid Ihr beide in die deutsche Sprintspitze bei den Erwachsenen vorgestoßen. Könnt Ihr schon einordnen, worauf die starken Resultate zurückzuführen sind?

Jakob Kemminer:
Wir haben drei, vier Monate Training ohne eine einzige Verletzung überstanden. Ich habe auch während der Wettkampfsaison gemerkt, dass ich immer besser in Fahrt gekommen bin, vor allem nach Mannheim. Dann haben wir das Training heruntergeschraubt, damit ich für die Jugend-DM in Form komme. Das hat mega gut funktioniert.

Emma Goretzka:
Ich habe das für mich perfekte Wettkampf-Training durchgeführt: viel aus der Ruhe gemacht, wenig Belastung, aber dafür schnelle Sachen. Einen großen Anteil hat auch meine tolle Trainingsgruppe bei Lutz Kramer in Berlin mit ganz vielen Athletinnen und Athleten, die viel erreichen wollen und ganz vorn mitlaufen wollen. Das finde ich am wichtigsten. Zum Beispiel Denyo Schluckwerder, der bei der U20-EM 2023 über 200 Meter gestartet ist. Auch 400-Meter-Läuferin Lena Leege war in meiner Trainingsgruppe. Einige andere sind noch nicht ganz oben angekommen, tun aber alles dafür. Mein größter Halt in meiner Gruppe ist Sophie Paul, meine beste Freundin. Sie ist 200-Meter-Sprinterin und tut alles für den Sport. Noch kann sie das nicht ganz auf die Bahn bringen, aber ich bin mir sicher, dass das noch kommt.

Das klingt nach optimalen Bedingungen …

Emma Goretzka:
Definitiv! Außerdem hilft mir, dass meine Ausbildung bei der Polizei zu 100 Prozent auf den Sport abgestimmt ist. Ich bin gerade in der Freiphase und kann mich ganz auf mein Training und meine Wettkämpfe konzentrieren.

Du liegst nun hinter Rebekka Haase und Chelsea Kadiri und sogar knapp vor Gina Lückenkemper auf Platz drei der deutschen Jahresbestenliste der Frauen. Hast Du Vorbilder unter den deutschen Sprinterinnen?

Emma Goretzka:
Ich finde Lisa Mayer sehr toll, sie hat ja leider aufgehört. Aber auch viele andere Sportlerinnen. Sophia Junk inspiriert mich sehr und Gina Lückenkemper natürlich. Daran muss man sich festhalten. Ich würde natürlich super gerne mal mit diesen Weltklasse-Sprinterinnen in der Staffel laufen, das ist mein Traum.

Jakob, Du hast mit 10,14 Sekunden sogar die Norm für die EM Birmingham geknackt. Allerdings finden die Titelkämpfe direkt nach der U20-WM statt. Worauf liegt dein Fokus?

Jakob Kemminer:
Die EM in Birmingham ist kaum möglich, weil die Meisterschaft direkt nach der U20-WM stattfindet. Es ist vielleicht auch noch ein Jahr zu früh. Ich starte in zwei Wochen noch bei den Deutschen Meisterschaften der Aktiven, darauf freue ich mich sehr.

Emma, hast Du noch Wettkämpfe vor der U20-WM geplant?

Emma Goretzka:
Stand jetzt nicht. Es kann sein, dass nach dem starken Rennen heute ein Start bei der DM in zwei Wochen noch eine Option ist, aber bislang war das nicht geplant.

Für die U20-WM habt Ihr mit Euren starken Rennen sicher eine Portion Selbstvertrauen getankt. Was habt Ihr Euch für die Titelkämpfe in Eugene vorgenommen?

Emma Goretzka:
Ich freue mich unglaublich auf die U20-WM. Für mich geht es nicht darum, eine bestimmte Platzierung zu erreichen. Ich will da einfach nur Spaß haben und das Sprinten genießen. Es ist ein Traum, mal im Hayward Field von Eugene zu starten.

Jakob Kemminer:
Ich war ja schon vor zwei Jahren bei der U20-WM in Lima dabei. Jede internationale Meisterschaft hilft, um besser in das Procedere reinzukommen und Erfahrung zu sammeln. Eine Meisterschaft von World Athletics ist noch mal etwas anderes. Ich kann von dieser Erfahrung nur profitieren. Jetzt wird es darum gehen, im Training die richtigen Reize zu setzen, und dann kann es in Eugene wieder schnell werden.

Ihr habt beide auch schon im vergangenen Jahr an der U20-EM teilgenommen, die für Dich, Emma, mit Platz sechs im 100-Meter-Finale erfolgreich verlaufen ist. Jakob, Du hast Silber mit der Staffel gewonnen, warst mit Deinem Abschneiden im Einzel aber nicht zufrieden. Was hast Du daraus gelernt?

Jakob Kemminer:
Ganz einfach: Keine Klassenfahrt mehr vor dem Saisonhöhepunkt! Letztes Jahr war ich zwischen der Jugend-DM und der U20-EM noch auf Abschlussfahrt. Wir hatten ohnehin eine Recovery-Woche geplant und dann habe ich die Klassenfahrt noch mitgenommen. Es war aber mega kalt und ich bin leider krank geworden. Dann war die Form weg.

Mehr: 
U20-DM Bochum-Wattenscheid Tag 2 | Die Entscheidungen im Überblick

U16-/U20-DM Bochum-Wattenscheid 

Teilen
#TrueAthletes – TrueTalk

Hier finden Sie alle Folgen des Podcasts des Deutschen Leichtathletik-Verbandes!

Zum Podcast
Jetzt Downloaden
DM-Tickets