Nach mehr als einem Jahrzehnt in der deutschen Spitze wird Laura Müller (TV Wattenscheid 01) die Sprint-Spikes nicht mehr schnüren. Die 30-Jährige ist im Ziel ihrer Karriere angekommen und blickt auf viele erfolgreiche Jahre zurück.
Große Erfolge, schnelle Zeiten, herbe Rückschläge: Die Karriere von Sprinterin Laura Müller (TV Wattenscheid 01) glich einer Achterbahnfahrt. Nach steilen Bergaufpassagen ging’s regelmäßig bergab. Doch unterkriegen ließ sich die 400-Meter-Spezialistin nicht. Selbst nach einem Achillessehnenriss 2023 kämpfte sich die gebürtige Saarländerin wieder zurück. Doch nun hat die 30-Jährige entschieden, die Sprint-Spikes an den Nagel zu hängen. Ihre mehr als ein Jahrzehnt währende Achterbahnfahrt ist im Ziel angekommen.
„Mir hat zuletzt das richtige Umfeld, die richtige Gruppe gefehlt, um noch einmal anzugreifen“, nennt Laura Müller ihre Beweggründe für das Karriereende. Einen weiteren Anlauf wollte sie nach gut anderthalb Jahrzehnten Leistungssport nicht noch einmal nehmen. „Die Entscheidung ist nicht von heute auf morgen gefallen, es war ein längerer Prozess. Es ist aber die richtige Entscheidung, obwohl ich mir natürlich einen schöneren Abschied gewünscht hätte“, so Laura Müller.
Breites Sprint-Spektrum
Die Saarländerin zählte in den vergangenen Jahren zu den prägenden deutschen Sprinterinnen – und das über 100 Meter (PB: 11,15 sec), 200 Meter (22,65 sec) und 400 Meter (51,69 sec). Dass sie ein Talent für die Stadionrunde hat, zeigte sich bereits in Jugendjahren. In ihrem ersten U20-Jahr spezialisierte sie sich auf die 400 Meter, steigerte sie sich um knapp fünf Sekunden auf 53,40 Sekunden und lief ins Finale der U20-EM 2013. „Ich wurde behutsam aufgebaut und habe vorher eigentlich alle Disziplinen ausprobiert, sogar Hammerwurf. Aber da bin mehr ich geflogen als der Hammer“, erinnert sie sich an die ersten Leichtathletikjahre bei Trainer Franz-Josef Reinhard.
Nach Rang vier bei der U20-WM 2014 (ebenfalls in 53,40 sec) fand sie schnell Anschluss an die nationale Spitze bei den Frauen und zählte zu zahlreichen deutschen 4x400-Meter-Staffeln bei Großereignissen. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio (3:26,02 min) und 2021 in Tokio (3:24,77 min) verpasste das deutsche Quartett jeweils als Neunte nur denkbar knapp das Finale. Anders als 2017 mit WM-Platz sechs und 2016 mit EM-Platz fünf. „Leider habe ich aufgrund einer Norovirusinfektion 2017 in London nicht im Einzel starten können. Das wäre natürlich ein Highlight gewesen“, so die 30-Jährige. Den möglichen dritten Olympiastart 2024 machte der ein Jahr zuvor erlittene Achillessehnenriss zunichte. „Die Zeit war einfach zu knapp, um bis zur DM wieder in Form zu kommen.“ Mitte Juli, zwölf Monate nach der Verletzung lief sie allerdings schon wieder 53,03 Sekunden.
Wechsel nach Wattenscheid
Nach vielen Jahren im Saarland beim LC Rehlingen und SV Go Saar 05 unter Trainer Uli Knapp suchte Laura Müller noch einmal eine neue Herausforderung und schloss sich dem TV Wattenscheid 01 und der Trainingsgruppe von Slawomir Filipowski an. „Sein plötzlicher Tod im Frühjahr 2024 war natürlich ein großer Schock“, so die Sprinterin, die sich im Anschluss erneut neu orientieren musste und sich zwischenzeitlich einer niederländischen Sprintgruppe angeschlossen hatte.
Ging Laura Müller in Top-Form an den Start, konnte sie sich komplett verausgaben. Speziell über 400 Meter. „Das war eine meiner Stärken“, sagt sie. Dazu kam ihre extrem gute Grundschnelligkeit. Die 100-Meter-Bestzeit von 11,15 Sekunden war kein Ausreißer, was sechs Zeiten von 11,30 Sekunden und schneller belegen.
DM-Titel, EM-Finale und Olympia als Highlights
So war die Saarländerin häufig über 200 Meter zu sehen. 2017 wurde sie mit Bestzeit (22,65 sec) Deutsche Meisterin (Foto) und lief 2018 bei der „Heim-EM“ ins Finale. „Diese beiden Rennen sind neben den Olympiastarts meine Karriere-Highlights. Der Sport hat mir so viel gegeben, ich bin mit der Leichtathletik erwachsen geworden“, sagt sie rückblickend. Und sie weiß, dass mit diese Zubringerleistungen mehr möglich gewesen wäre, als „nur“ 51,69 Sekunden über 400 Meter.
Anstatt zurück möchte Laura Müller allerdings lieber nach vorn schauen. Nach dem erfolgreich absolvierten Studium der Wirtschaftspsychologie und der frisch absolvierten Ausbildung zum ganzheitlichen Gesundheitscoach beginnt für sie nun die Karriere nach der Karriere. „Ich werde mir Zeit nehmen, um zu sehen in welche Richtung es geht“, so Laura Müller. Definitiv wird es für die in Bochum lebende Ex-Sprinterin in Zukunft aber weiter zur Leichtathletik gehen. „Auch jetzt und während meiner Verletzung habe ich die Leichtathletik verfolgt, ich bin einfach ein Fan“, so Laura Müller. Ein Fan der genau weiß, dass eine Leichtathletik-Karriere oft einer Achterbahnfahrt gleicht.