| Interview

Jacqueline Otchere: „Ich springe erst seit zwei Wochen wieder“

Die deutsche Stabhochspringerin Jacqueline Otchere jubelt. © Torben Flatemersch
Beim Indoor-Meeting Dortmund hat Jacqueline Otchere (MTG Mannheim) am Sonntag mit einer blitzsauberen Serie und neuem Meetingrekord von 4,60 Metern überrascht. Im Interview spricht die Stabhochspringerin über ihr schwieriges Jahr 2025, ihre Liebe zur Leichtathletik und Ziele für die kommenden Jahre.
Redaktion

Jacqueline Otchere, herzlichen Glückwunsch zur Hallen-Bestleistung sowie dem Sieg mit Meetingrekord beim Indoor Meeting Dortmund mit 4,60 Metern. Wie haben Sie den Wettkampf am Sonntag erlebt?

Jacqueline Otchere:
Vielen Dank. Der Wettkampf war total schön. Die Stimmung war von Anfang an toll, und ich habe mich sehr gefreut, dass ich vor heimischem Publikum springen durfte. Da es in Deutschland nur wenig Stabhochsprung-Wettkämpfe für Frauen gibt, war es umso schöner, in Dortmund zu springen. Auch weil ich wusste, dass dort in drei Wochen die Deutschen Meisterschaften sind. Es hat am Sonntag von Anfang an gut funktioniert und schon das Einspringen war super. Alle Höhen im ersten Versuch zu springen, ist immer sehr entspannt, da man nicht mehr in den zweiten oder dritten Versuch muss. Es war ein rundum schöner Wettkampf.

Bei Ihrem Saisoneinstieg in Karlsruhe sind Sie 4,20 Meter gesprungen. Nun haben Sie einschließlich der 4,60 Meter eine blitzsaubere Serie gezeigt. Hatte sich dieses Leistungsvermögen bereits im Training angedeutet?

Jacqueline Otchere:
Nein, überhaupt nicht. Nachdem ich im Januar nochmal einen Reha-Block hatte und erst Ende Januar wieder zurück nach Mannheim gekommen bin, springe ich erst seit zwei Wochen wieder. Auch hatte ich in der letzten Januarwoche zum ersten Mal seit einem Monat wieder einen Stab in der Hand. Im Training war alles noch entspannt und mit kontrolliertem Speed, wir haben alles in Turnschuhen gemacht. Selbst in Karlsruhe bin ich noch ohne Spikes gesprungen. Deswegen wusste ich nicht, wo ich stehe. Dass in Karlsruhe die 4,20 Meter gefallen sind, war super. Mein Trainer meinte, dass er schon dort gesehen hat, dass ich gut in Form bin, weil ich sehr hoch über 4,20 Meter geflogen bin. Er war sich sicher, dass mit der richtigen Stabhärte und der passenden Griffhöhe noch mehr gehen könnte. Dass die 4,60 Meter schon jetzt am Wochenende gefallen sind, das hat sich im Training so aber nicht abgezeichnet.

Wie viele Stäbe haben Sie in einem Wettkampf mit dabei? Und wann wechseln Sie die Stäbe?

Jacqueline Otchere:
Meist habe ich neun bis zehn Stäbe dabei. Wann ich wechsle, das ist schwierig zu sagen – am ehesten, wenn der Abstand schon bei 80 oder 70 Zentimetern ist oder wenn ich zu schnell in die Latte reinrausche.

Nach dem Sprung über 4,60 Meter hatten Sie den Wettkampf in Dortmund vorzeitig beendet. Was hat Sie dazu bewogen?

Jacqueline Otchere:
Weil ich noch nicht voll im Training bin, sind wir noch sehr bedacht mit der Belastung. Bisher habe ich nicht einmal einen vollen Sprint gemacht. Deswegen waren schon die 4,20 Meter in Karlsruhe super, da dies die Norm für die Hallen-DM ist. Das Ziel für Dortmund waren dann 4,55 Meter, die Kader-Norm. In einem nächsten Step wären dann 4,60 Meter gekommen, die Bestätigungsnorm für die Hallen-WM.

Sie hatten bereits über Reha und Trainingsrückstand gesprochen. Nehmen Sie uns einmal mit in die vergangenen Wochen…

Jacqueline Otchere:
... Wochen ist untertrieben, eigentlich sind es Monate. Ich hatte im Sommer einen Bienenstich, der ziemlich schlecht verlaufen ist – inklusive Krankenhausaufenthalt. Ich konnte mein Bein nicht mehr bewegen. Da gab es auch Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob ich mein Bein überhaupt wieder bewegen und wieder Sport machen kann. Das hat sich sehr lange hingezogen, erst im Dezember wurde es etwas besser. Im Januar hatte ich nochmal diesen Reha-Block eingebaut und erst dann ging es wieder mit dem Laufen los. 2025 war ein sehr schwieriges Jahr, in dem ich kaum bis gar keinen Stab in der Hand hatte.

Was für ein Rückschlag. Zumal Sie davor auch schon verletzt waren.

Jacqueline Otchere:
Ja, genau. Ich hatte mich im Winter 2024 im Turntraining verletzt. Deswegen musste ich da schon die Hallenstarts absagen. Als es dann langsam bergauf ging im April oder Mai und ich wieder laufen konnte, hatte ich im Juni dann den Bienenstich. Dass es so lange dauert, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte gehofft, dass ich bei den Deutschen Meisterschaften in Dresden springen kann, aber das war ganz weit weg.

Wie sah Ihr Wintertraining angesichts der Vorgeschichte grundsätzlich aus? Hatten Sie trotz der Einschränkungen die Hoffnung, eine Hallensaison machen zu können?

Jacqueline Otchere:
Ja, auf jeden Fall. Ich habe viel für den Oberkörper gemacht, aber stabspezifisch konnte ich nicht viel machen, weil das Bein dabei nach vorne pendeln muss und das nicht möglich war. Deswegen haben wir alles drumherum gebaut. Ich war viel im Kraftraum und wir haben viel im Gehen gemacht, etwa Imitationsübungen. Das war es tatsächlich schon. Gar nicht so viel.

Ihren letzten Hallen-DM-Titel haben Sie 2022 in Leipzig gewonnen. Haben Sie nach dem starken Auftritt am Sonntag auch in Dortmund wieder das Podium im Blick, vielleicht sogar Gold?

Jacqueline Otchere:
Ich freue mich, dass ich überhaupt wieder Deutsche Meisterschaften springen kann in der Halle. Ich finde, das hat immer ein besonderes Flair, da die Zuschauer nah dran sind. Mir machen Hallen-Wettkämpfe großen Spaß. Zwar ist mir bewusst, dass ich jetzt eine der Favoritinnen auf den Titel bin, aber ich gehe entspannt in den Wettkampf rein und lasse alles auf mich zukommen. Weil ich weiß, dass es auch anders laufen kann. Ich bin einfach froh, dass ich springen kann.

Sehen Sie es als Vorteil, die Anlage in der Helmut-Körnig-Halle am Sonntag bereits getestet zu haben?

Jacqueline Otchere:
Ich denke, dass es schon ein kleiner Vorteil ist. Ich kann mit einem guten Gefühl nach Dortmund reisen. Aber es ist ein neuer Wettkampf, ein neuer Tag.

Neben dem Sport absolvieren Sie ein Masterstudium der Umweltwissenschaften. Wie gut gelingt Ihnen diese Doppelbelastung?

Jacqueline Otchere:
Anders als während meines Bachelors, einem Präsenzstudium, ist mein Master ein Fernstudium. Das ist ein bisschen entspannter. Ich merke schon, dass die Belastung nicht mehr so hoch ist. Beim Bachelorstudiengang Biowissenschaften war ich sehr viel im Labor und musste viel stehen. Das habe ich im Training dann gespürt.

Ihr Markenzeichen ist es, Wettkämpfe im kurzen Rock zu springen. Seit wann machen Sie das und wie kam es dazu?

Jacqueline Otchere:
Tatsächlich springe ich schon seit 2018 im Rock. Ich hatte damals bei einem Ausrüster gesehen, dass sie schöne Tennisröcke haben. Die haben mir gefallen. Darum habe ich meinen Trainer gefragt, ob es okay ist, wenn ich im Rock springe. Er meinte, dass wenn es mich beim Anlauf nicht stört und mir gefällt, dann kann ich das machen. Dann habe ich es ein paar Mal im Training ausprobiert und seither mache ich es immer. Mir gefällt es einfach, im Rock zu springen, das ist einfach etwas anderes.

Damit sind Sie selbst im Trubel eines Leichtathletiktages immer gut zu erkennen. Auch bei der Hallen-DM in drei Wochen werden wieder Disziplinen parallel stattfinden. Wird das Ihr nächster Wettkampf sein oder haben Sie noch weitere Wettkämpfe geplant?

Jacqueline Otchere:
Wir planen noch nicht so weit. Ich weiß, dass es eine Woche nach Dortmund noch ein Meeting in Zweibrücken gibt, vielleicht springe ich da noch mal.

Wie sieht es mit Blick auf die Hallen-WM aus, die B-Norm haben Sie bereits erfüllt…

Jacqueline Otchere:
Wenn ich in das Starterfeld reinrutsche, dann werde ich dort auf jeden Fall springen. Aber wir haben das Training bisher nicht darauf ausgerichtet.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Sie im nächsten Wettkampf die Direkt-Norm von 4,70 Meter springen.

Jacqueline Otchere:
Genau, das nächste Mal höre ich nicht bei 4,60 Meter auf. (lacht)

Die Hallen-WM ist nicht der einzige internationale Höhepunkt dieses Jahr, im Sommer wartet noch eine EM. Wie steht es um Ihre langfristigen Ziele?

Jacqueline Otchere:
Langfristig sind die Olympischen Spiele 2028 das Ziel, für dieses Jahr ist es die EM. Aktuell schaue ich von Woche zu Woche. Das Wichtigste ist, dass ich gesund bleibe, beziehungsweise gesund werde. Ich freue mich erstmal auf die Wettkämpfe dieses Jahr. Seit all den Verletzungen in den vergangenen Jahren weiß ich, wie wichtig es ist, gesund zu sein. Da bringt es mir nichts, wenn ich an nächstes oder übernächstes Jahr denke. Ich freue mich von Training zu Training und von Wettkampf zu Wettkampf.

Haben Sie während Ihrer Wettkampfpausen dennoch die Leichtathletik aktiv verfolgt oder es eher vermieden, der Konkurrenz im Wettkampf zuzuschauen?

Jacqueline Otchere:
Ich schaue Leichtathletik sehr gern und habe alles verfolgt. Das gibt mir immer Motivation, weiterzumachen, nicht aufzuhören. Ich freue mich, wenn ich bald wieder mit den Mädels springen kann.

Mehr:
Erfolgreiche Comebacks und Meetingrekorde am laufenden Band in der Helmut-Körnig-Halle

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