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Wie Philina Schwartz die deutsche Sprintszene aufmischt

© Stefan Mayer
Philina Schwartz ist der neue Shootingstar im deutschen Sprint. Letztes Jahr noch U20-Athletin, startet die Berlinerin in ihrer ersten Hallensaison bei den Aktiven richtig durch. Die 19-Jährige pulverisierte ihre Bestzeit über 60 Meter auf 7,17 Sekunden, ist damit deutsche Jahresbeste und erfüllte obendrein noch die Norm für die Hallen-Weltmeisterschaften in Torun (Polen; 20. bis 22. März). Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund gehört sie zu den Top-Favoritinnen über 60 Meter.
Sandra Arm

Hallen-DM 2026 Dortmund

Bevor sich Philina Schwartz am 13. Februar beim Meeting in Erfurt in den Startblock kauert, wird sie vorgestellt. Aber nicht nur mit ihrem Namen, sondern mit dem Zusatz als „deutsche Jahresbeste über 60 Meter“. Ein ungewohntes Gefühl für die erst 19-jährige Berlinerin, die in dieser Hallensaison mit Top-Zeiten mächtig aufhorchen ließ. „Das ist enorm schön, aber ich bin noch so jung. Das habe ich noch nie so erlebt, dass ich so groß angekündigt wurde“, sagt der neue Sprint-Shootingstar lächelnd. Aber damit verbunden ist auch ein enormer Druck vor dem Saisonhöhepunkt, den Deutschen Hallenmeisterschaften am Wochenende in Dortmund. „Die Zuschauer und alle drumherum erwarten etwas von dir, wenn sie hören du bist gerade die Schnellste. Für mich heißt es dann, ruhig bleiben, alles ausblenden und bei mir zu bleiben.“

Philina Schwartz tut in dem Moment das, was sie liebt: sprinten. Und das ziemlich schnell. Beim ihrem Meeting-Debüt in Erfurt konnte sie es selbst kaum glauben, welche Zeit nach dem Finallauf an der Anzeigetafel stand. 7,19 Sekunden leuchteten zunächst dort auf, die Zeit wurde nur wenige Sekunden später noch weiter nach unten korrigiert: auf 7,17 Sekunden. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und kam aus dem Lächeln überhaupt nicht mehr heraus. „So wie die Saison bisher verlaufen ist, das war schon total überraschend für mich. Umso glücklicher bin ich, dass ich meine Bestzeit in Erfurt um eine Hundertstelsekunde verbessern konnte. Über 60 Meter ist das enorm viel. Ich bin einfach glücklich über jede Zeit, die fällt und versuche da irgendwie ruhig zu bleiben im Kopf. Das scheint gut zu funktionieren.“

Plötzlich mittendrin in der Sprintspitze

Es ist die nächste Spitzenzeit, die die junge Berlinerin in dieser Hallensaison auf die Bahn gebracht hat. Kontinuierlich kam in den vergangenen Wochen die Steigerung – von Rennen zu Rennen ließ sie eine Bestzeit nach der nächsten folgen. Bei den Norddeutschen Hallenmeisterschaften in Neubrandenburg (7. Februar) blieb sie erstmals in 7,18 Sekunden unter der Norm (7,20 sec) für die Hallen-Weltmeisterschaften in Torun. „Es fühlt sich alles momentan so unwirklich an. Ich wusste nicht, dass ich zu diesen Zeiten in der Lage bin. Ich bin noch gar nicht so lange in der Leistungssportbubble drin“, verdeutlicht die in Oberhausen geborene und seit fünfeinhalb Jahren in Berlin lebende Athletin ihre Situation.

Vergangenes Jahr war sie noch U20-Athletin, aus der Halle nahm sie 7,36 Sekunden und 11,24 Sekunden über 100 Meter im Freien mit – nur zwölf Monate später sind es 7,17 Sekunden. Eine Erklärung für diesen enormen Leistungssprung hat sie selbst nicht. „Das ist das Überraschende im Leistungssport. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Ich habe gerade eine gute Zeit und bin einfach nur glücklich. Das kann gern so bleiben.“ Philina Schwartz genießt, ist bei sich und hat den absoluten Fokus auf den Moment. Wenngleich in Erfurt im Vorlauf nicht alles rund lief. „Ich hatte im Vorfeld des Rennens nicht so viel erwartet. Für mich war das Meeting ein Bonus, weil auch die deutsche Spitze mit am Start war. Ich habe im Vorlauf beim Start ein bisschen gepennt. Das passiert. Vor dem Finale hieß es dann nur Kopf freimachen.“ Das gelang ihr eindrucksvoll.

Seit drei Jahren mit Max Schnicke an der Seite

Ihr Erfolg auf der Bahn ist auch der Erfolg ihres Trainers Max Schnicke, zu dem sie vor drei Jahren gewechselt ist. „Das hat schon viel bewirkt. Auch von der Motivation im Training. Das macht schon viel, wenn man mit viel Freude zum Training geht“, erzählt die Kurzsprinterin. Die Vorbereitung auf die neue Saison begann im Herbst an der Ostsee in Zinnowitz. Das Training fand draußen statt. „An die Kälte musste sich der Körper erstmal gewöhnen. Anschließend ging es in Berlin in der Halle weiter. Da hatte ich noch nicht direkt so ein gutes Gefühl gehabt. Es wurde dann immer besser.“ Viel verändert hat das Trainer-Athleten-Gespann nicht. Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die Großes bewirken können. Körperlich habe sie sich verändert. „Wenn man Videos vergleicht, dann sieht jetzt alles harmonischer aus wie ich laufe.“

Die Erfurter Zeit von 7,17 Sekunden war schon mehr als das Optimum. Aber Philina Schwartz zeigt sich offen. „Wenn noch mehr geht, ist es wirklich schön und wenn nicht, dann ist es auch okay.“ Ihr eigentlicher Höhepunkt steht ihr in diesen Tagen bevor. Nämlich die Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund, wo sie angesichts ihrer Vorleistungen zu den Top-Favoritinnen zählt. Doch wie geht sie mit dieser Favoritenrolle um? „Das hat sich stark verändert. Vorher war es noch sehr schwierig für mich, ich konnte damit einfach nicht umgehen. Ich war krass aufgeregt und habe viel in mich reingeredet. Es ist wirklich nicht einfach, aber daran habe ich gut mit meinem Trainer gearbeitet. Das ist ein wichtiger Punkt, das zu können. Ich bin auf einem guten Weg, es scheint gut zu funktionieren.“

Erfurt als Testlauf für die Hallen-DM

Wie gut zeigte sich bereits beim Erfurt Indoor, wo ein Teil der deutsche Spitze wie Rebekka Haase (Sprintteam Wetzlar) oder Sina Mayer (LAZ Zweibrücken) aus der erfolgreichen Bronze-Staffel von den Weltmeisterschaften in Tokio vertreten waren. Für Philina Schwartz der DM-Härtetest. „Für mich war es wichtig in Erfurt zu laufen. Gerade mit der deutschen Spitze, die ich bisher nur flüchtig gesehen habe. Ich bin ein Riesenfan von den Mädels, habe ihnen oft zugeschaut – und jetzt laufe ich mit ihnen. Mein Start war außerdem wichtig, damit meine Nervosität bei der Hallen-DM nicht ganz so doll reinkickt.“

Drei Läufe sind in Dortmund an einem Tag zu absolvieren. Drei Läufe mit absoluter Fokussierung. Festlegen will sie sich nicht. „Ich will einen guten Wettkampf machen. Drei Läufe sind für einen Sprinter schon viel, da muss ich mental wie körperlich erstmal gut durchkommen. Natürlich wäre ich über eine schöne Platzierung glücklich. Schauen wir mal.“

Beim dritten Meeting die Hallen-WM-Norm eingetütet

Bei ihrem Saisonhöhepunkt könnte sogar noch ein wenig mehr rausspringen. Nämlich das Ticket für die Hallen-WM. Die Norm hat sie bereits erfüllt. Sprinten müssten sie dafür auf die Plätze eins oder zwei. Doch das ist alles Bonus. „Das war nicht mein Ziel, die Norm zu erfüllen. Ich wollte einfach nur eine gute Saison laufen und meine Bestleistung steigern. Es ist einfach nur irre, dass ich vor ein paar Jahren noch gestruggelt habe, die DM-Norm zu erreichen. Nach drei Versuchen stand jetzt die WM-Norm. Das ist krass und ein Riesensprung“, blickt sie auf die bisher unglaubliche Saison.

Dass sie durch ihre Spitzenzeiten auch anders wahrgenommen wird, ist ihr durchaus bewusst. An ihrem Berliner Trainingsort in Hohenschönhausen wollen Kinder plötzlich Autogramme. Selbst Erwachsene, die sie von Bildern aus dem Internet wiedererkennen, sprechen sie an. „Das ist ein schönes Gefühl und freut mich.“ Zu ihren Vorbildern gehören Gina Lückenkemper, Rebekka Haase oder Tatjana Pinto. „Mit Tatjana habe ich von früher noch Fanfotos. Jetzt bin ich einfach dabei.“

Berliner feiert ISTAF Indoor Premiere

Ebenfalls dabei die Berlinerin beim ISTAF Indoor Berlin (6. März). Eine Einladung habe sie als junge Athletin bisher immer ausschlagen müssen, weil sie sich mit den Deutschen Jugendmeisterschaften überschnitten hätten. „Jetzt habe ich die Zeit für die Erwachsenen erreicht. Die erneute Einladung hat mich extrem gefreut, und dass ich dann gegen die anderen Topsprinterinnen laufen darf.“

Dass es momentan so glänzend für sie läuft, dürfte auch mit einem Abschluss zu tun haben. Im Dezember beendete sie ihr Fachabitur. „Das Schuljahr habe ich im Jahr davor bereits beendet. Ich musste noch Berufserfahrung sammeln. Das war schon eine Riesenbelastung, aber das ist alles abgeschlossen. So kann ich mich jetzt erstmal voll und ganz auf den Sport konzentrieren“, berichtet sie. Es ist einfach das Hier und Jetzt, das sie genießt – und gern so bleiben dürfte. Speziell bei der Hallen-DM am Wochenende in Dortmund.

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