| Interview der Woche

Marlene Meier: „WM-Finale, zwei Bestzeiten – da kann man nicht meckern!“

© Torben Flatemersch
Hürdensprinterin Marlene Meier (TSV Bayer 04 Leverkusen) hat am Wochenende in Torun mit Platz sieben sowie Bestzeiten im Halbfinale (7,91 sec) und Finale (7,90 sec) eine perfekte Hallen-WM hingelegt. Im Interview der Woche spricht die 24-Jährige über die Stimmung in Torun, ihre neue Position in der Weltspitze und quälende 15 Minuten auf einem Sitzsack.
Martin Neumann

Marlene Meier, Sie mussten nach dem Hallen-WM-Halbfinale als Zeitschnellste in Torun für knapp 15 Minuten auf dem „Hot Seat“, einem Sitzsack, Platz nehmen. Wie hat sich der „heiße Stuhl“ angefühlt?

Marlene Meier:
Als Sitzsack war der Hot Seat sehr gemütlich, als Hot Seat nicht. Man will da einfach nicht sitzen und zwei unfassbar schnelle Rennen abwarten, von denen man abhängig ist. Ich habe die ganze Zeit nur gehofft, dass es für das Finale reicht und habe es die ganze Zeit wie ein Mantra in meinem Kopf aufgesagt. Zum Glück hat es am Ende gereicht.

Ihre WM in Zahlen könnte 112 lauten – also quasi schnell wie die Feuerwehr: erste WM, erstes Finale, zwei Bestzeiten. Hätten Sie mit diesen Zahlen vor der WM gerechnet?

Marlene Meier:
Ja, das stimmt. Die erste Ziffer hatte ich ja abgehakt, als ich ins Flugzeug nach Torun gestiegen bin. Mit dem Finale hatte ich ehrlicherweise auch etwas geliebäugelt, da ich genau auf Platz acht der Meldeliste lag. Damit war das Finale für mich erreichbar – wenn es auch ein absolutes Traumziel war. Mit Bestzeiten kann man tatsächlich weniger planen, auch wenn die Form vor der WM im Training sehr gut war. Ich wollte das Beste herausholen und schauen, wozu es dann reicht. Zusammengefasst gesagt: Nein, mit dem ersten WM-Finale beim ersten WM-Start und zwei Bestzeiten habe ich nicht gerechnet,

Wie haben Sie die knappe Stunde zwischen Halbfinale und Finale erlebt?

Marlene Meier:
Das sind wir ja von den Meetings gewöhnt, so war es keine große Umstellung, man kann auf Routinen zurückgreifen. Ich habe mich einfach gefreut, noch ein drittes Mal starten zu dürfen. Natürlich habe ich mich auch mit Bundestrainer Sebastian Bayer zwischen den Rennen abgestimmt, welche Punkte im Finale besonders wichtig sind und wie das Warmup aussieht. Danach habe ich noch ein paar Notizen in meinem „Race-Tagebuch“ gemacht zum Halbfinale gemacht und was ich mir für das Finale vornehme. Schön war, dass noch so viele Personen aus dem deutschen Team vor Ort waren und mich unterstützt haben.

Im Finale war auch Polens Hürdenheldin Pia Skrzyszowska mit dabei? War die Stimmung in der Halle dadurch besonders?

Marlene Meier:
Absolut. Alle acht Athletinnen wurden mit Applaus begrüßt, aber bei Pia war die Stimmung natürlich frenetisch. Da hat die ganze Halle geschrien. Das war beeindruckend, da hat man Gänsehaut bekommen. So wie immer, wenn Favoriten aus Polen vorgestellt wurden.

Sie sind zweimal Bestzeit gelaufen. Haben Sie gespürt, dass solche Zeiten nach einer langen Hallensaison in Ihren Beinen stecken?

Marlene Meier:
Definitiv ja. Schon bei der Hallen-DM in Dortmund habe ich ja mit 7,92 Sekunden meine Bestzeit eingestellt. Aber es war ganz und gar nicht das perfekte Rennen. Der Start war nicht optimal, die Abstände auch nicht. Anders als 2025 in Berlin: Da haben sich die 7,92 Sekunden wie das perfekte Rennen angefühlt. So wusste ich nach Dortmund: Es ist noch mehr drin als 7,92 Sekunden. Gern wäre ich unter 7,90 Sekunden gelaufen, aber bei zwei Bestzeiten und dem WM-Finale kann man nicht meckern.

Was lief in den Rennen besonders gut?

Marlene Meier:
Dass ich konsequent geblieben bin, von vorn bis hinten. Kein Zögern, kein verhaltenes Anlaufen, den Oberkörper nach vorn gebracht.

Sie standen bereits bei der Hallen-EM 2025 in Apeldoorn in einem großen Finale. Aber Torun war Ihre erste WM. Wie haben Sie diese „ganz große Bühne“ erlebt?

Marlene Meier:
Das Erlebnis war tatsächlich ein ganz anderes. Nicht weil es nun eine WM war und keine EM. Denn: Mein Blickwinkel hat sich verschoben. Vergangenes Jahr bin ich erstmals gegen superkrasse Konkurrenz im Finale gelaufen, da fällt es schwer, sich auf seinen Wettkampf zu fokussieren. Da habe ich mich vor dem Hallen-EM-Finale noch etwas fehl im Callroom gefühlt. Das hat sich mittlerweile geändert, auch durch die vielen Starts bei großen Meetings. Ich gehöre mittlerweile dazu. Ich fühle mich wohl in dieser neuen Position.

An welchen Punkten müssen Sie zusammen mit Ihrem Trainerteam noch besonders arbeiten?

Marlene Meier:
Die Hallen-WM haben meine Trainer und ich noch analysiert. Aber ich gehe davon aus, dass ich weiter am Start und dem Anlauf zur ersten Hürde arbeiten muss. Beides ist in den vergangenen Jahren zwar schon viel besser geworden, doch es gibt immer noch großes Potenzial dabei. Das kann man nicht innerhalb von einem Jahr komplett neugestalten. Man braucht verschiedene Ansätze und Methoden. Sonst fällt man in Stresssituationen schnell in alte Muster. Und natürlich geht es im Sommer dann über zehn Hürden nicht wie in der Halle über fünf. Die technische Konstanz über 100 Meter Hürden ist ebenfalls sehr wichtig.

Gibt es eigentlich eine Hürdensprinterin, an deren Technikbild Sie sich orientieren?

Marlene Meier:
Nicht direkt, aber ich achte zusammen mit den Trainern schon darauf, was die anderen machen. Beispielsweise beim Meeting Mitte Februar in Liévin. Da habe ich das Finale knapp verpasst, anschließend haben wir die Zeit genutzt und geschaut, wie sich die Konkurrenz für so ein Finale vorbereitet. Auch daraus kann man lernen. Von der Technik ist es etwas schwierig, da viele Weltklasseathletinnen deutlich kleiner sind als ich. Sie bewegen sich ganz anders als ich mit meinen längeren Hebeln.

Nach den 60 Metern Hürden in der Halle folgen die 100 Meter Hürden im Freien. Mit welchen Zielen gehen Sie die Sommersaison an?

Marlene Meier:
Zunächst einmal möchte ich mit diesem guten Gefühl aus der Hallensaison auch im Sommer am Start stehen. Dass ich bei mir bin, mein Rennen gestalte. Das ist mir vergangenes Jahr schwergefallen. Mittlerweile funktioniert das schon deutlich besser. Das soll im Sommer zum neuen Standard werden. Genauso wie die verbesserten Fortschritte aus der Startphase. Wenn ich das im Freien umsetzen kann, sollte ich meine Bestzeit ein Stück drücken können.

Sie sprechen Ihre Bestzeit an: Die steht aktuell bei 12,93 Sekunden. Welche Zahlenkombination soll nach der Saison stehen, damit Sie sagen können: Ja, das war ein gutes Jahr!

Marlene Meier:
Eine konkrete Zeit male ich mir nicht aus. In unserem Sport dreht sich so viel um genaue Zeiten, davon nehme ich etwas Abstand. Es geht mehr darum, mit einer guten mentalen Einstellung durch den Wettkampf zu kommen und technische Details umzusetzen. Aber klar: Definitiv will ich meine Hallenzeiten im Freien umsetzen. Dann wird es nach der Hallensaison eine neue Zahlenkombination geben, von der ich mich gern überraschen lasse.

⁠Im Hürdensprint der Frauen herrscht aktuell eine große Dynamik mit vielen schnellen Athletinnen. Wie erleben Sie diese aktuelle Situation?

Marlene Meier:
Die letzte Sommersaison war für mich etwas schwierig, da ich zu Beginn krank war und ich es danach probiert habe, doch noch zur WM nach Tokio zu kommen, was am Ende leider nicht ganz geklappt hat. Ich habe mir alle Runden im Fernsehen angeschaut und dadurch sehr viel Motivation rausgezogen. Meinem Trainer habe ich gesagt: „Da will ich auch hin.“ Diese Einstellung pusht mich in jedem Training.

In zweieinhalb Jahren stehen schon die Olympischen Spiele in Los Angeles an. Welche Rolle spielt diese „größtmögliche sportliche Bühne“ für Sie schon aktuell?

Marlene Meier:
Das Jahr 2028 motiviert ungemein. Denn für den Start bei Olympischen Spielen machen wir das ja. Paris 2024 habe ich noch knapp verpasst, jetzt motiviert Los Angeles. Es ist immer ein Antrieb, ohne dass dieser ständig präsent ist. Natürlich gibt es bis dahin mit der EM in diesem Jahr und der WM 2027 weitere Ziele, die aufeinander aufbauen.

⁠Wie sehen Ihre kommenden Wochen aus, bevor es in die Saisonvorbereitung für den Sommer geht?

Marlene Meier:
Was das Training angeht, habe ich jetzt erst einmal zwei Wochen Pause. Da kann ich mich endlich mal wieder in Ruhe mit Freunden treffen und ein wenig genießen. Kann einmal „nur“ Studentin sein und mit dem Hund in den Wald gehen, wenn ich Lust dazu habe.

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