| Neue Meisterin

Philina Schwartz – Eigener Weg führt sprunghaft an die Sprint-Spitze

© Theo Kiefner
Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund haben sieben Athletinnen und Athleten erstmals in der Aktivenklasse ganz oben gestanden. Die meisten von ihnen sind neue Gesichter, andere waren schon mehrfach nah an ihrem ersten nationalen Titel. Wir stellen die neuen Meisterinnen und Meister vor, heute Sprinterin Philina Schwartz (Berlin Athletics Capital Club).
Jan-Henner Reitze

Philina Schwartz
Berlin Athletics Capital Club

Bestleistungen:

60 Meter: 7,16 sec (Halle; 2026)
100 Meter: 11,24 sec (2025)

Erfolge:

8. U20-EM 2025 (100 m)
Deutsche Hallenmeisterin 2026

Schon in jungen Jahren, in denen wohl jeder viele Ratschläge von außen bekommt, hat Philina Schwartz auf ihr eigenes Gefühl vertraut. Einige sportliche Stationen hatte sie schon im Alter von 16 Jahren hinter sich. Dann hat die Sprinterin mit Max Schnicke den Trainer gefunden, bei dem sie sich bis heute wohlfühlt.

Damit begann für die Wahl-Berlinerin ein teilweise sprunghafter Aufstieg. Schon im vergangenen Sommer sprintete sie als U20-Athletin die 100 Meter in 11,24 Sekunden, konnte dieses Niveau aber noch nicht in jedem Rennen bestätigen. Im zurückliegenden Winter folgte der nächste Leistungssprung, der bis an die nationale Spitze der Frauenklasse führte. Fast schon selbst etwas verblüfft war die Achte der U20-EM, dass sie in jedem ihrer sieben Wettkämpfe der Hallensaison Zeiten um 7,20 Sekunden und sogar darunter abrief. Nicht nur als Deutsche Hallenmeisterin, sondern auch bei der Hallen-WM war die 19-Jährige plötzlich mitten unter den Athletinnen, die sie bisher nur in den sozialen Medien bewundert hatte.

Für die Zukunft setzt sich Philina Schwartz keine Grenzen und möchte bei weiteren internationalen Großereignissen dabei sein. Andererseits setzt sie sich auch keine engen Ziele für den bevorstehenden Sommer. Sie möchte sich treu bleiben und weiter ihren Weg gehen, der sie schon weiter gebracht hat, als so mancher einstiger Ratgeber gedacht hatte.

Von NRW nach Berlin

In ihrer Kindheit in Nordrhein-Westfalen probierte Philina Schwartz verschiedene Sportarten aus, ihre damals beste Freundin nahm die Grundschülerin schließlich auch mit zu einer Leichtathletik-Veranstaltung. „Das hat mir eigentlich gar nicht so gut gefallen, weil dort ein Ausdauerlauf gemacht wurde“, erinnert sich die Sprinterin. „Ich bin dennoch dabei geblieben.“ Beim Kindertraining beim KSV Kevelaer bei Inge Sestig wurde die Begeisterung für die Leichtathletik geweckt.

Springen, Laufen, Werfen: Erstmal standen wie üblich alle Disziplinen auf dem Programm. Der Sprint war aber von Anfang an die größte Stärke. Das Interesse an leistungsorientiertem Training wuchs und auf der Suche nach dem passenden Umfeld dafür probierte die junge Athletin verschiedene Trainingsgruppen aus und wechselte auch den Verein zum SV Sonsbeck. So richtig überzeugt, den richtigen Platz gefunden zu haben, war die damals 13-Jährige aber noch nicht.

Erste Erfolge auf Landesebene oder die Bestzeiten als U14-Athletin über 75 Meter von 10,35 Sekunden oder 8,12 Sekunden über 60 Meter in der W14 sollten noch nicht das Ende der Entwicklung sein. „Ich hatte damals schon den Traum, einmal mindestens bei einer Europameisterschaft dabei zu sein.“ Und da auch ihre Familie einem Umzug offen gegenüberstand, wurde die Sportschule in Berlin eine Option. „Auch meine Eltern wollten gern in eine größere Stadt und Berlin hat auch beruflich für meinen Vater gepasst. Da haben wir das durchgezogen.“

Aufstieg beginnt im zweiten U18-Jahr

Auch in Berlin fand die junge Sprinterin nicht gleich den Platz für sich, bei dem alles stimmte. „Ich war bei verschiedenen Vereinen, verschiedenen Trainern und noch auf der Suche, was das Richtige für mich ist.“ Sie startete in den Jahren 2021, 2024 und 2025 für den SC Berlin, dazwischen für den LAC Berlin und mittlerweile für Berlin Athletics. Auch wenn noch Kontinuität fehlte, gelang in der U18-Zeit die Steigerung der 100-Meter-Bestzeit von 12,90 Sekunden bis auf 12,22 Sekunden. Bei ihren ersten Deutschen Jugendmeisterschaften reichte es aber noch nicht fürs Finale. 

Im April 2023 begann schließlich die Zusammenarbeit mit ihrem heutigen Trainer Max Schnicke. In ihrem sportlichen Umfeld waren erst einmal nicht alle davon überzeugt. „In seiner Gruppe waren keine Sprinter“, erzählt Philina Schwartz, die sich dennoch wohl fühlte. „Ich wurde noch einmal auf Null gestellt, habe viele Trainingsinhalte neu gelernt und verstanden, um was es geht. Irgendwann hat es klick gemacht.“

Mit dem Aufstieg in die Altersklasse U20 stellte die Berlinerin den Anschluss an die nationale Nachwuchsspitze her. Bei der Jugend-Hallen-DM 2024 sprintete sie als Dritte (7,46 sec) erstmals aufs Podest einer nationalen Meisterschaft. In der folgenden Freiluftsaison folgten erneut Bronze bei der Jugend-DM über 100 Meter (11,76 sec), die Staffelnominierung für die U20-WM in Lima (Peru) und die Steigerung der Bestzeit bis auf 11,68 Sekunden. Im vergangenen Jahr ging es mit der PB runter bis auf 11,24 Sekunden. Bei der Jugend-DM holte die Athletin von Berlin Athletics den Titel (11,37 sec) und belegte Rang acht bei der U20-EM in Tampere (Finnland; 11,84 sec). „Die Ziele aus meinen Anfängen habe ich damit schon erreicht. Aber ich habe mittlerweile Lust auf mehr.“

Hallensaison bringt nächsten Schub, Verarbeitung läuft noch

Neben kontinuierlichem, verletzungsfreien Training in den vergangenen Jahren erklärt Philina Schwartz ihre Fortschritte des Winters auch damit, dass sie im Dezember ihr Fachabitur beendet hat und sich seitdem voll auf den Sport konzentrieren konnte. „Im Herbst möchte ich ein Studium beginnen. In welchem Fach, weiß ich aber noch nicht. Es ist sehr schwierig, etwas Passendes zu finden, das sich mit dem Leistungssport verbinden lässt.“

Die Resultate der Hallensaison zeichnen den nächsten Aufstieg nach. Los ging es mit der überraschend starken Bestzeit (7,22 sec) beim traditionellen Winterauftakt für viele Berliner Athletinnen und Athleten beim Gerhard-Schlegel-Gedenksportfest Anfang Januar, nach weiteren Steigerungen bei den Landes- und Norddeutschen Meisterschaften konnte die Sprinterin ihr neues Niveau dann auch gleich mit einem Sieg beim internationalen Meeting in Erfurt bestätigen. Es folgten Titel und Bestzeit im Halbfinale (7,16 sec) bei der Hallen-DM, Rang vier beim ISTAF Indoor und zwei starke Rennen (7,18 sec; 7,20 sec) in Vorlauf und Halbfinale bei der Hallen-WM in Torun (Polen).

„Das waren wirklich starke Leistungen und ich bin noch dabei, das alles zu verarbeiten“, erzählt die Deutsche Hallenmeisterin. „Neben meinem Trainer hilft mir dabei auch meine beste Freundin. Sie ist auch Leistungssportlerin, aber im Badminton, und hat immer ein offenes Ohr für mich.“ Dass sie plötzlich Athletinnen wie Olympiasiegerin Julien Alfred (St. Lucia) im Aufwärmbereich begegnet, ist noch etwas surreal, aber auch ein Grund, stolz und selbstbewusst zu sein.

Am Konzept festhalten und schauen, was rauskommt

Mit Blick auf die bevorstehende Sommersaison soll der eingeschlagene Weg weiterverfolgt werden. „Wir werden nichts ändern, denn es hat ja alles gut funktioniert.“ Und es gilt, die Fortschritte über 60 Meter auch auf der 100-Meter-Strecke umzusetzen. Die Direkt-Norm (11,18 sec) für die EM in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August) ist nur sechs Hundertstel von der Bestzeit aus dem vergangenen Jahr entfernt. Diese spezielle Zeit spielt für die Aufsteigerin aber keine große Rolle.

„Ich setze mir generell keine genauen Ziele. Natürlich möchte ich an meine PB ranlaufen und sie verbessern. Aber ich lasse das auf mich zukommen, will so gut wie möglich weiter an mir arbeiten, bestmögliche Rennen abliefern und dann schauen, was rauskommt.“

Video: Youngster Philina Schwartz stürmt zum 60-Meter-Titel 
Video-Interview: Philina Schwartz: "Ich habe gelernt, mit dem Druck umzugehen"

Das sagt Sprint-Bundestrainer Alexander John:

Wir beobachten Philina schon über die vergangenen zwei, drei Jahre. Sie ist ein großes Talent. Das hat sie im vergangenen Jahr schon mit ihren 11,24 Sekunden über 100 Meter gezeigt und mit ihrer Hallensaison noch einmal unterstrichen. Sie hat mit ihrem Trainer Max Schnicke einen sehr guten Weg eingeschlagen. 7,16 Sekunden und das konstante Niveau ihrer Rennen stehen sowohl für ihre physische wie auch mentale Stärke. 

Philina ist eine fokussierte Athletin. Sie ist eine homogene Sprinterin, die von Beschleunigung bis Topspeed ein ausgeglichenes Level hat und ihre Rennen entsprechend gestaltet. Das spricht dafür, dass sie auch draußen über die 100 Meter von ihrer Entwicklung in der Hallensaison profitieren kann. Ohne großen Druck aufbauen zu wollen, halte ich ein Niveau von 11,15 bis 11,20 Sekunden für absolut erreichbar. Auch langfristig ist Philina eine absolute Hoffnungsträgerin für den deutschen Sprint.

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