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Vanessa Baldé – Viel probiert und endlich angekommen

Vanessa Baldé überquert eine Hürde © Stefan Mayer
Mit Silber über 400 Meter Hürden bei der U23-EM verabschiedete sich Vanessa Baldé im vergangenen Jahr erfolgreich aus dem Nachwuchsbereich. Zugleich sammelte sie genug Selbstvertrauen, um nun bei den Aktiven vorn anzugreifen. Ein erstes Ausrufezeichen setzte sie bereits mit einem starken Rennen zum Saison-Auftakt in den USA.
Jane Sichting

Endlich angekommen – das ist Vanessa Baldé nicht nur in der erweiterte deutschen Spitze über 400 Meter Hürden, sondern auch auf einer Strecke, mit der sie sich rundum wohlfühlt. Wenn sie die Stadionrunde mit den insgesamt zehn Hürden passiert, dann fühlt sie sich nicht eingegrenzt und hat einfach Spaß daran. Dabei wäre die Langhürde für sie selbst noch vor zwei Jahren nie denkbar gewesen. Um dort zu landen, brauchte es erst den entscheidenden Anstoß ihres Trainers, der schon länger zu ihr gesagt hat, es einfach mal zu machen.

Genau das scheint ohnehin der Wegweiser der 22-Jährigen zu sein, wenn es um die sportliche Karriere geht. Nach dem Abitur noch etwas orientierungslos, was genau sie studieren wolle, hatte sie bereits darüber nachgedacht, mit der Leichtathletik aufzuhören. Zu groß war die Befürchtung, eine Doppelbelastung aus Leistungssport und Vollzeitstudium könnte zu viel sein.

Gap-Year erweist sich als Glücksgriff

Als dann eine ihrer Trainingskolleginnen zum Studium in die USA ging, hörte sich diese Option auch für Baldé interessant an. „Ich dachte mir, dass ich das einfach mal probieren und als Gap-Year nutzen kann“, sagt sie und beginnt zu lachen: „Aus einem Jahr sind inzwischen über drei Jahre geworden.“ Zunächst an einer kleineren Universität eingeschrieben, wechselte sie aufgrund ihrer guten Entwicklung vor knapp anderthalb Jahren nach Texas, wo sie seither in einer international deutlich leistungsstärkeren Gruppe unter „Coach Rob“, Calvin Robinson, trainiert.

„Das Gute ist nicht nur, dass wir uns innerhalb des Teams gegenseitig pushen können, sondern auch, dass unser Trainer Rücksicht darauf nimmt, dass wir auch abseits des College-Systems noch Wettkämpfe bestreiten. Er macht uns nicht so kaputt in der College-Saison, so dass wir dann zu kontinentalen Höhepunkten wie Europameisterschaften noch fit sind“, sagt Vanessa Baldé. Entsprechend führt sie auch ihren Erfolg im vergangenen Sommer auf diese Trainings- und Belastungssteuerung zurück.

Später Wechsel auf 400 Meter Hürden

„Meine Saison in den USA lief zwar okay, aber nicht besonders“, erinnert sie sich. Dennoch prophezeite ihr Coach, dass sie im Laufe der Sommersaison die 400 Meter Hürden noch mit einer Zeit um die 55 Sekunden schaffen würde. „Bis dahin stand meine Bestzeit bei 57 Sekunden. Mich um zwei Sekunden zu verbessern, hielt ich für unmöglich, auch wenn ich mich im Training gut gefühlt hatte“, sagt sie. Hinzu kamen gleich zwei Rennen, in denen sie zu Sturz kam. „Ausgerechnet bei dem Wettkampf, bei dem ich mich hätte für die US-Meisterschaften qualifizieren können, bin ich nach der siebten Hürde hingefallen.“ Dennoch erreichte sie das Ziel noch mit einer Zeit von knapp über einer Minute – ein Aspekt, der die Argumentation ihres Coaches bestärkte, wohin es für Baldé mit einem sauberen Lauf gehen kann.

Hinzu kommt, dass die Athletin des Hamburger SV die 400 Meter Hürden noch ohne Raceplan lief. „Das heißt, dass ich an jeder Hürde flexibel sein musste, mit welchem Bein ich sie nehme“, erklärt sie. Schließlich war es ihre erste Sommersaison über diese Strecke. „Als ich mit der Leichtathletik angefangen habe, war ich vor allem im Weitsprung und Sprint aktiv, später lag der Fokus dann auf den 200 Metern.“

Auf dieser Distanz gab sie auch ihr Debüt im Nationaltrikot und war 2022 bei der U20-WM am Start. Danach konzentrierte sie sich auf die 400 Meter flach und die 100 Meter Hürden. „Da war ich vor dem Start immer extrem aufgeregt und dachte, dass das normal sei. Erst seit ich vor gut einem Jahr auf die 400 Meter Hürden gewechselt bin, ist das anders und ich habe vor jedem Rennen einfach extrem Lust darauf und gehe mit viel Spaß in den Wettkampf“, erzählt Baldé.

Überraschendes EM-Silber motiviert noch heute

Mit dieser positiven Einstellung fuhr die Hamburgerin auch Anfang Juli 2025 zur U23-DM nach Ulm, bei der sie sich nicht nur auf 56,51 Sekunden steigerte, sondern auch Silber gewann und zur U23-EM nach Bergen (Norwegen) reisen durfte. „Und das, obwohl ich erst zehn Tage zuvor in Deutschland gelandet bin“, sagt sie.

Beim internationalen Höhepunkt in Norwegen Mitte Juli kam dann schließlich die Ansage ihres Trainers, das Rennen einmal mit Plan anzugehen. „Anstatt wie bisher einfach nur zu laufen, sollte ich die ersten fünf Hürden mit 15 Schritten absolvieren und danach auf 16 Schritte umstellen“, sagt Baldé. Nach einem erfolgreichen Zwischenlauf ging sie in Vorbereitung auf das Halbfinale auch mit den Bundestrainern jede Hürde Schritt für Schritt durch und konnte die Laufgestaltung perfekt umsetzten. In neuer Bestzeit von 55,96 Sekunden erreichte sie überraschend das Finale.

Gepusht von der eigenen Leistungsfähigkeit sowie hinzugewonnenem Selbstbewusstsein krönte die Hamburgerin ihr letztes U23-Jahr mit EM-Silber und einer Bestzeit von 55,36 Sekunden. Damit bestätigte sich nicht nur die Prophezeiung ihres Trainers, sondern auch das enorme Potenzial, dass die junge Athletin für diese Strecke mitbringt. „So richtig kann ich es bis heute nicht glauben. Ich habe mir nach der EM eine Woche lang immer wieder die Videos von meinem Wettkampf angeguckt“, erzählt sie lachend. Auch die Medaille ist so in ihrem Zimmer platziert, dass sie das Erste ist, was Vanessa Baldé beim Aufwachen in den Blick kommt. „Damit kann ich mich nicht nur jeden Tag daran erinnern, was ich schon erreicht habe, sondern auch, was ich alles noch erreichen kann. Das gibt mir jeden Tag neue Motivation.“

Mutig an Träumen arbeiten

Denn das Highlight bei der U23-EM soll erst der Anfang sein. Hatte sie sich früher nie getraut, ihre Ziele laut auszusprechen, formuliert sie diese nun in voller Deutlichkeit. „So sind sie in der Welt und meine Aufgabe besteht darin, sie zur Realität zu machen“, erklärt sie den Sinneswandel. Für die bevorstehende Sommersaison hat sie zum einen den Titel bei den Deutschen Meisterschaften im Blick und zum anderen einen Start bei den Europameisterschaften in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August 2026), bei denen sie sich sowohl einen Start über 400 Meter Hürden als auch in der Staffel vorstellen kann.

„Bei den Deutschen Meisterschaften in Dresden letztes Jahr war ich nach einer langen Saison körperlich schon etwas zu k.o., um noch einmal eine Top-Zeit zu rennen. Hinzu kam, dass ich noch im Rausch der U23-EM war – damit hatte ich bereits mehr erreicht, als ich wollte. Dieses Jahr will ich auf jeden Fall um die Medaillen mitlaufen“ gibt sie die Marschrichtung vor.

Trotz der starken Konkurrenz über 400 Meter Hürden hat Vanessa Baldé gelernt, sich nicht selbst zu unterschätzen und mutig zu sein. „Wenn du daran glaubst, dann ist alles möglich. Ich weiß, dass es hart wird, aber ich bin bereit, viel dafür zu tun“, sagt sie. Als Vorbild dient ihr dabei die Olympiasiegerin und Weltrekordhalterin Sydney McLaughlin-Levrone. „Sydney ist nicht nur richtig gut, sondern auch sehr positiv und bodenständig. Trotz ihrer Erfolge verliert sie nicht ihre Persönlichkeit – das finde ich sehr beeindruckend“, sagt Baldé.

„Nach der Erschwernis kommt die Erleichterung“

Auch sie selbst ist zwar ehrgeizig und stolz auf die bisherigen Erfolge, weiß aber nur zu gut, wie schnell sich das Blatt auch wenden kann. Bezogen auf die zurückliegende Saison sagt die sie über sich selbst, dass sie ihr Motto zu 100 Prozent gelebt hat. Dieses ist ein Vers aus dem Koran: „Nach der Erschwernis kommt die Erleichterung“.

„Als Muslimin glaube ich daran, dass dir Gott keine Challenge gibt, wenn er nicht weiß, dass du sie schaffen kannst“, sagt sie. „Mit den beiden Stürzen hatte ich zunächst eine Erschwernis – auch mental. Doch dann kam mit EM-Silber die Erleichterung. Das war ein Ziel, dass ich vorher nicht einmal konkret im Kopf hatte. Und für mich sogar mehr als eine Erleichterung. Zugleich hilft mir der Vers zum Beispiel auch im Training bei Tempoläufen, wenn es schwer wird. Weil ich weiß, dass es sich dann lohnt, durchzuziehen und im Wettkampf davon zu profitieren.“

Vielversprechender Saisonstart

Wie gut das bereits schon wieder funktioniert, zeigt der starke Saisoneinstieg Ende März. Beim "Masked Rider Open" in Lubbock (Texas; USA) lief Baldé über 400 Meter Hürden mit 55,71 Sekunden die bislang zweitschnellste Zeit ihrer Karriere. „Mit dem Rennen bin ich sehr zufrieden, vor allem weil ich richtig gut lernen konnte. Das Wintertraining lief sehr gut – war aber natürlich auch etwas härter als das Jahr zuvor, weil sich die Anforderungen von meinem Trainer erhöht haben“, erzählt sie und lacht. „Trotzdem war es eine gute Aufbauphase und ich freue mich schon auf die nächsten Wettkämpfe“.

Dass sie dabei nach einem Gebet zur Vorbereitung und im Callroom gern mit sich selbst redet und einen Psalm mit ihrem Namen singt, da steht sie inzwischen drüber. „Das hilft mir einfach dabei, mir selbst zu sagen, dass ich es schaffen kann. Dass ich stark und mutig bin.“

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