Mit vier WM-Tickets, einer Medaille und einem Deutschen Rekord über 4x100 Meter haben die deutschen Staffeln über 4x100 und 4x400 Meter Anfang Mai bei den World Relays überzeugt. Der frühere Deutsche 100-Meter-Rekordler Julian Reus war als Leitender Bundestrainer Sprint vor Ort für die Betreuung des Teams verantwortlich. Im Interview spricht der 38-Jährige, der seine aktive Karriere vor fünf Jahren beendet hat, über die Entwicklung der deutschen Staffeln und vergleicht das Format World Relays aus Trainer- und Athletensicht.
Julian Reus, auf Fotos und Videos aus Botswana konnte man erahnen: Die Atmosphäre im Stadion von Gaborone war etwas Besonderes. Wie haben Sie die World Relays Anfang Mai erlebt?
Julian Reus:
Es war wirklich ein sehr schöner Wettkampf, sehr freundliche Leute, sehr aufgeschlossenes Land. Auch was die Stimmung im Stadion angeht, finde ich, dass man die World Relays gerne wieder dorthin vergeben darf. Sie haben das vor Ort sehr gut gemacht, auch was die Organisation angeht. Und die Bedingungen, zum einen mit der Höhe, zum anderen von den Temperaturen her, waren natürlich auch sehr gut.
Sportlich konnten die deutschen Teams diese Bedingungen gut nutzen: Vier der sechs Staffeln haben sich für die WM qualifiziert, hinzu kamen ein Deutscher Rekord und eine Bronzemedaille für die 4x100-Meter-Staffel der Männer. Ein erstes Fazit haben Sie bereits unmittelbar nach den Wettkämpfen gezogen. Mit ein wenig Abstand: Welche sportlichen Erkenntnisse nehmen Sie aus Botswana mit?
Julian Reus:
Der Samstag, an dem wir gleich vier direkte Tickets gelöst haben, war rückblickend schon genial. Die Mannschaftsaufstellung ist immer in gewisser Weise ein Schachspiel, insbesondere weil man nur zwei Athleten pro Staffel austauschen kann. Gerade im Langsprint ist das eine sehr große Herausforderung. Obwohl es die 4x400-Meter-Staffel der Männer und die 4x400-Meter-Mixed-Staffel leider nicht geschafft haben, bleibt die Erkenntnis, dass wir zum ersten Mal bei den World Relays die Fähigkeit hatten, alle Staffeln durchzubringen. Umso ärgerlicher ist es, dass das nicht ganz geklappt hat, da dadurch die Athleten und die Trainer um ihren verdienten Lohn gebracht wurden. Nichtsdestotrotz gehen wir motiviert raus, man hat gesehen, was möglich ist. Zwei Staffeln qualifizieren sich noch über eine schnelle Zeit für die WM – das ist jetzt das Projekt für unsere beiden verbliebenen Staffeln.
Sie haben es eben schon angesprochen: Aufgrund von kurzen, kompakten Sessions, in denen ein Rennen das nächste jagt, und einer begrenzten Anzahl Athletinnen und Athleten, die eingesetzt werden können, gleicht die Mannschaftsaufstellung einem Schachspiel. Wie hat sich das vor Ort gestaltet – nach welchen Kriterien wurde festgelegt, welche Sprinterinnen und Sprinter in welchem Rennen zum Einsatz kommen?
Julian Reus:
Wir haben uns relativ früh in der Vorbereitung dazu entschieden, wer die 4x100-Meter-Mixed-Staffel und wer die klassische Staffel läuft, einfach um im Training auch schon die Wechsel zu üben. Die 4x100-Meter-Mixed-Staffel ist ja ein neues Format, an das man sich auch erst herantasten musste. Bei den 4x400 Metern war es so, dass wir uns über die Trainingseindrücke vor Ort in Südafrika, beziehungsweise auch über den Leistungsnachweis in Stellenbosch, entschieden haben, dass wir in den ersten beiden Tagen die 4x400-Meter-Staffel der Frauen und der Männer stark machen wollten, um sie durchzubekommen. Das ist uns bei den Frauen auch gelungen. Die Männer sind am ersten Tag auch sehr, sehr schnell gelaufen. Und dann wollten wir am zweiten Tag die Mixed-Staffel noch mal stark machen und haben mit Skadi Schier und Jana Lakner die beiden stärksten Läuferinnen aus der 4x400-Meter-Staffel der Frauen in der Mixed-Staffel eingesetzt, die es dann leider um eine Zehntelsekunde nicht geschafft hat.
Apropos Mixed-Staffel: In der neuen 4x100-Meter-Mixed-Staffel wurden erstmals auch WM-Startplätze vergeben. Im vergangenen Jahr feierte das Format bei den World Relays Premiere, damals noch in der Reihenfolge Frau – Frau – Mann – Mann. Mittlerweile ist die Reihenfolge Mann – Frau – Mann – Frau vorgeschrieben, was eine neue Herausforderung mit sich bringt: Die Staffelstab-Übergabe von einem Mann auf eine Frau, die im Kurzsprint bislang nicht durchgeführt wurde. Wie schwierig war die Umstellung?
Julian Reus:
Tatsächlich gar nicht so schwierig, wie wir zunächst dachten. Schon im Trainingslager haben die Wechsel wirklich gut geklappt. Klar muss man am Anfang gucken, wie groß der Abstand beim Ablauf ist, weil es dann doch schon noch mal deutlich mehr beziehungsweise deutlich weniger ist, als würde ein Mann auf einen Mann beziehungsweise eine Frau auf eine Frau wechseln. Das hat aber sehr gut funktioniert.
Wie gefällt Ihnen das neue Format generell?
Julian Reus:
Bei den World Relays hat sich das Format sehr attraktiv präsentiert. Wir waren da natürlich auch erfolgreich. Daher ist der Eindruck erst mal positiv. Nichtsdestotrotz ist es wieder eine zusätzliche Disziplin, was natürlich auch die Herausforderung mit sich bringt, das Belastungsmanagement zu steuern. Das gilt zum einen für die Vorbereitung auf eine Meisterschaft, was die Wechsel betrifft. Die Athleten können ja nicht zwei oder drei Wechseleinheiten zusätzlich machen. Das heißt, wir müssen die Belastung und die Einsatzzeiten auch ein bisschen verteilen.Gleiches gilt, wenn man zu einer Meisterschaft fährt. Wir haben jetzt im Kurzsprint die 100, die 200, die 4x100 und die 4x100 Meter Mixed. Das sind vier Disziplinen. Da muss man schon schauen, worauf man den Fokus legt. Das wird bei der EM in Birmingham in diesem Sommer eine weitere Herausforderung, wie man das strategisch am besten angeht.
Das Highlight der World Relays aus deutscher Sicht war zweifellos der Auftritt der 4x100-Meter-Staffel der Männer – mit Deutschem Rekord (37,67 sec) im Vorlauf und der nächsten pfeilschnellen Zeit (37,76 sec) und Bronze im Finale. Hatte sich diese Leistung im Vorfeld angedeutet?
Julian Reus:
Dass sie das Potenzial dazu haben, wussten wir natürlich, das hat man gesehen. Dennoch muss man sich das über die Jahre erarbeiten. Man muss es am Tag X zusammenbekommen. Und dann am zweiten Tag noch mal. Die Stabilität, die die Jungs jetzt gezeigt haben, haben sie sich in den vergangenen Jahren erarbeitet. Wenn wir auf diese Jahre zurückblicken: Sie haben eine Medaille gewonnen bei der EM in Rom. Dann sind sie unglücklich nicht ins Olympia-Finale gekommen. 2025 haben sie es auch schon sehr gut gemacht, standen im WM-Finale und haben sich von Meisterschaft zu Meisterschaft entwickelt. So haben sie es sich definitiv verdient, den Rekord gebrochen zu haben. Und was fast noch wichtiger ist: Am zweiten Tag in einem wirklich sehr, sehr stark besetzten Rennen mitten im Pulk den dritten Platz zu machen und noch eimal so eine Zeit auf die Bahn zu legen. Das war wirklich sehr, sehr stark.
Wie sieht jetzt der weitere Fahrplan für die deutschen Staffeln aus?
Julian Reus:
Jetzt geht es erstmal darum, dass die Athleten sich wieder auf ihre Individualleistung konzentrieren können. Es ist immer ein Commitment, das man eingeht, wenn man sich anderthalb Jahre vor einer WM schon qualifizieren muss. Das haben die Athleten durch die Bank weg sehr, sehr ernst genommen. Wir werden sicher im Laufe der Saison noch mal Staffel laufen, da gibt es aber noch keine spruchreifen Pläne. In erster Linie geht es im Sommer darum, sich bei der EM in Birmingham bestmöglich zu platzieren. Die beiden Staffeln, die sich in Gaborone noch nicht qualifiziert haben, werden nächstes Jahr noch einen Angriff wagen. Die konkrete Planung werden wir im Herbst vornehmen und ein, zwei Szenarien entwickeln, wie die Saison nächstes Jahr aussehen kann. Da muss man jetzt dieses Jahr noch abwarten.
Die ersten World Relays fanden im Jahr 2014 auf den Bahamas statt, damals auch noch mit Wettbewerben wie 4x200, 4x800 oder 4x1.500 Meter. Sie waren bei der Premiere als Athlet mit dabei und sind mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel ins Finale gelaufen. Wie hat sich das Format aus Ihrer Sicht entwickelt?
Julian Reus:
Es ist mittlerweile ein hochattraktives, hochinteressantes Event und Format, das Athleten und Trainern vieles abverlangt. Ich bin da gerne, ich mache das gerne. Aus Athletensicht ist es eine Meisterschaft, bei der es nur um die Staffel geht und man keinen Einzelstart im Hinterkopf hat. Dieses Jahr wurden bei den World Relays 12 von 16 Startplätzen für die WM vergeben, vergangenes Jahr waren es sogar 14. Dadurch hat es World Athletics geschafft, das eigene Produkt extrem zu pushen. Denn wenn man eine sichere Saisonplanung haben möchte, muss man bei den World Relays starten. Zumal auch der Innenpool vergeben wird: Die Staffeln, die im Finale der World Relays waren, haben bei den letzten Meisterschaften im Vorlauf eine gute Bahn bekommen. Dadurch ist die Qualität enorm gestiegen.
Sie haben Ihre eigene Sprintkarriere vor fünf Jahren beendet. Mit einigen Athletinnen und Athleten, die bei den diesjährigen World Relays dabei waren, standen Sie noch gemeinsam auf der Bahn. Wie ist es für Sie, diese Sprinterinnen und Sprinter jetzt aus der Trainersicht zu erleben?
Julian Reus:
Das macht mir enorm viel Spaß. Vor allem ist es schön zu sehen, wie sich die Athleten in den zurückliegenden Jahren entwickelt haben. Ich habe damals schon als Athlet gesehen, dass da sehr viel Potenzial drinsteckt.
Wie hat sich Ihr Blick auf die Leichtathletik durch die Trainerrolle verändert – im Vergleich zu der Wahrnehmung, die Sie als Athlet hatten?
Julian Reus:
Ganz ehrlich: Ich hätte als Athlet niemals gedacht, dass man als Trainer so viel zu tun hat. Wie viel wirklich an Arbeit dahintersteckt, habe ich damals definitiv unterschätzt. Wenn ich jetzt noch einmal Athlet wäre, würde ich das anders sehen. Am Ende sind wir Trainer aber dazu da, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass die Athleten sich nur auf den Sport konzentrieren können. Eigentlich ist es ein gutes Zeichen, wenn man das als Athlet gar nicht so mitbekommen hat. Von daher ist das schon ganz gut so, wie es ist.
Hätten Sie sich bei Ihrem Karriereende vorstellen können, dass Sie die deutschen Sprinterinnen und Sprinter nur wenige Jahre später als Trainer begleiten würden?
Julian Reus:
Darüber habe ich mir damals gar nicht so viele Gedanken gemacht. Natürlich bin ich in diese Rolle auch „reingerutscht“ durch den Krankheitsausfall von Ronald Stein. Ich mache das mit viel Freude, aber auch mit viel Demut. Und ich bin sehr, sehr froh, dass ich ein Team um mich herum habe, das sehr eng und auch sehr vertrauensvoll zusammenarbeitet. Ohne das wäre das alles nicht möglich. Wir haben einen sehr guten, sehr intensiven und ehrlichen Austausch. Das macht die Arbeit am Ende auch angenehm, wenn man Kollegen hat, mit denen man gut, produktiv und zielführend arbeiten kann.
Mehr:
Tag 1 der World Relays | Deutscher Rekord, Europarekord und vier WM-Tickets
Tag 2 der World Relays | DLV-Sprinter glänzen mit Bronze