| Interview

Marcel Meyer: „Ich habe mir ein neues Niveau erarbeitet“

Der deutsche Zehnkämpfer Marcel Meyer steht jubelnd auf einer Stabhochsprungmatte. © Kai Peters
Beim Stadtwerke Mehrkampf-Meeting am Wochenende in Ratingen hat Marcel Meyer (Hannover 96) ein starkes Comeback hingelegt. Mit 8.261 Punkten steigerte der 25-Jährige seine Bestleistung um 71 Zähler und überzeugte speziell im Hochsprung und Stabhochsprung. Im Interview der Woche spricht Marcel Meyer über den Hitze-Zehnkampf, seine Ziele für die Zukunft und zitternde Hände vor dem Comeback.
Martin Neumann

Marcel Meyer, herzlichen Glückwunsch zur neuen Zehnkampf-Bestleistung von 8.261 Punkten in Ratingen.

Marcel Meyer:
Vielen Dank.

Wie fühlen Sie sich einen Tag nach Ihrem Zehnkampf-Comeback?

Marcel Meyer:
Sehr erschöpft und ausgelaugt. Die zwei Tage in der extremen Hitze hat sehr viele Körner gekostet. Das hat man speziell am Ende der Tage auf den 400 und 1.500 Metern gespürt.

Bis zu den 1.500 Metern schien für Sie sogar die EM-Norm von 8.300 Punkten in Reichweite. Die haben Sie am Ende knapp verpasst. Ärgert Sie das?

Marcel Meyer:
Ja klar, als Sportler will man natürlich das Maximum herausholen, das gehört dazu. Die EM-Norm war für mich nicht unmöglich, das habe ich gezeigt. In ein, zwei Tagen werden da zwei lachende Augen sein und die Freude überwiegen. Im Großen und Ganzen bin ich sehr happy, dass es so gut geklappt hat. Auf diese Leistung kann ich aufbauen.

Nehmen Sie uns doch mal mit in die beiden Zehnkampftage. Wie haben Sie Ihren „Comeback-Zehnkampf“ erlebt?

Marcel Meyer:
Die Stimmung war supercool in Ratingen, von der ersten Minute an. Ich war vor dem Wettkampf schon etwas aufgeregt. Am Freitagabend habe ich kaum meine Startnummer ans Trikot bekommen, so sehr habe ich gezittert. Nach dem ersten Startschuss war es dann aber mit der Nervosität vorbei. Klar wäre ich die 100 Meter gern schneller gelaufen, aber danach war ich drin im Flow und habe von Disziplin zu Disziplin gedacht. Das hat auch super funktioniert, nur die Zielgerade über 400 Meter war richtig hart (lacht). Wichtig war an beiden Tagen, dass man sich runterkühlt. Ich habe viel getrunken und stand häufig unter der kalten Dusche.

Für Sie war es nach einer Adduktorenverletzung im Frühjahr 2025 der erste Zehnkampf seit fast zwei Jahren. Mit welchen Zielen sind Sie in die zwei Ratingen-Tage gegangen?

Marcel Meyer:
Das wichtigste Ziel war, einen kompletten Zehnkampf zu machen und gesund zu bleiben. Das zweite Ziel war eine neue Bestleistung, denn im Training habe ich schon gespürt, dass ich ein neues Niveau erreicht habe. Aber gute Trainingseinheiten sind natürlich kein kompletter Zehnkampf. Irgendwo im Hinterkopf spukte auch noch die EM-Norm herum, aber die war eher zweitrangig. Wichtig war, wieder in den Wettkampfrhythmus zu kommen.

Sie wurden in Ratingen von Ihrem Fanklub unterstützt, auch Ihre Lebensgefährtin Kira Wittmann war live dabei. Hat die Unterstützung gepusht?

Marcel Meyer:
Auf jeden Fall. Auch meine Eltern und meine Schwester waren da, außerdem aktuelle Trainingskollegen und ehemalige. Der Support hat ordentlich beflügelt.

Wer zählt aktuell zu Ihrer Trainingsgruppe in Hannover?

Marcel Meyer:
Wir sind einige Mehrkämpfer, unter anderem Felix Wolter und Malik Diakité, der nach seinem Achillessehnenriss schon wieder gut trainiert. Aber auch jüngere Mehrkämpfer wie Maximilian Karsten.

Am ersten Tag haben Sie im Hochsprung erstmals 2,00 Meter geschafft, am zweiten Tag haben Sie Ihre Stabhochsprung-Bestleistung um 20 Zentimeter auf 5,20 Meter gesteigert. Haben sich diese Leistungen im Training angedeutet?

Marcel Meyer:
Im Hochsprung auf keinen Fall (lacht). Da bin ich mit den wenigsten Erwartungen reingegangen und bin deshalb auch schon bei 1,79 Metern eingestiegen. Mit 1,91 Metern wäre ich happy gewesen, die 2,00 Meter waren unfassbar. Hätte mir jemand vorher erzählt, dass ich das schaffe, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Der Sprung über 2,00 Meter war mein 14. Versuch im Wettkampf, das hat schon Körner gekostet. So viele Sprünge hatte ich in der Vorbereitung nicht insgesamt. Stabhochsprung lief im Training schon super, wir haben viel an der Technik gefeilt. Mit 5,10 Metern wäre ich schon happy gewesen. Dann sind es sogar 5,20 Meter geworden. Das ist wirklich besonders.

Weltmeister Leo Neugebauer hat in Ratingen mit 8.573 Punkten gewonnen. Was können Sie noch von Athleten wie ihm lernen?

Marcel Meyer:
Seine Leistungen sind einfach supergut. Und dabei bewahrt er immer seine Lockerheit, das ist beeindruckend.

In keinem anderen Land Europas ist die nationale Konkurrenz im Zehnkampf so groß wie in Deutschland. Motiviert Sie diese Situation?

Marcel Meyer:
Absolut. Der Zehnkampf war in Deutschland schon immer superstark. Wir pushen uns gegenseitig, können uns nicht ausruhen. Man muss sich ständig verbessern, das treibt dich an.
Ihre alte Bestleistung von 8.190 Punkten war fast drei Jahre alt. Nun haben Sie in Ratingen 71 Punkte draufgepackt. 

Wie sehen Ihre Ziele für die kommenden Jahre aus?

Marcel Meyer:
Das große Ziel ist natürlich der Olympiastart 2028 in Los Angeles. Bis dahin muss ich in den Bereich zwischen 8.500 und 8.600 Punkte kommen. Gern würde ich den nächsten Schritt dorthin noch in diesem Jahr mit einem 8.300-Punkte-Zehnkampf machen. Das ist auch wichtig für das World Ranking, da die WM-Direktnorm für 2027 ja auf 8.620 Punkte gesteigert wurde.

Mehr:
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