72 DLV-Talente erleben in dieser Woche ein großes Abenteuer: Am Donnerstag beginnen die U18-Europameisterschaften in Rieti. Für die meisten Nachwuchs-Athletinnen und -Athleten ist es der erste Einsatz auf internationalem Parkett.
Das Zentrum der europäischen Nachwuchs-Leichtathletik ist in dieser Woche Rieti. Die 45.000-Einwohner-Stadt am Rande des Apennins empfängt bei den U18-Europameisterschaften 1.104 Athletinnen und Athleten aus 48 Nationen – und das in einem Stadion, das schon Schauplatz mehrerer Kapitel Sportgeschichte war. Zwischen 1982 und 2010 wurden beim „Rieti Meeting“ im Raul-Guidobaldi-Stadion insgesamt acht Weltrekorde aufgestellt. 2007 sprintete Asafa Powell (Jamaika) dort die 100 Meter in 9,74 Sekunden. Es war der letzte 100-Meter-Weltrekord vor der Ära Bolt.
Nun sind es Europas beste U18-Athletinnen und -Athleten, die im Raul-Guidobaldi-Stadion um Medaillen, Bestleistungen und persönliche Erfolge kämpfen. Die größte Mannschaft stellen mit 75 Athletinnen und Athleten die Gastgeber aus Italien, die mit Kelly Ann Douala auch eine der 100-Meter-Favoritinnen ins Rennen schicken. Die immer noch erst 16-Jährige krönte sich vergangenes Jahr bereits zur U20-Europameisterin. Auch Hürdensprinterin Alessia Succo, die in diesem Jahr bereits die europäische U18-Bestzeit von 12,86 Sekunden einstellte, zählt zu den Sieg-Anwärterinnen.
Mit 72 Athletinnen und Athleten hat auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ein schlagkräftiges Team nominiert – das größte deutsche Aufgebot in der zehnjährigen Geschichte der U18-EM. Beim ersten internationalen Einsatz wird es für die meisten von ihnen darum gehen, die Aufregung in den Griff zu bekommen, die Abläufe bei internationalen Meisterschaften kennenzulernen und Erfahrung zu sammeln. Acht von ihnen finden sich in der Meldeliste auf einem Top-Drei-Platz wieder.
Svea Funck startet an ihrem Geburtstag in den Siebenkampf
Allen voran Svea Funck (TV Jahn Walsrode). Die Siebenkämpferin, die am Donnerstag 17 Jahre alt wird, zählt zu den ganz wenigen deutschen Athletinnen und Athleten, die schon bei einer internationalen Meisterschaft dabei waren – und das höchst erfolgreich: Beim Europäischen Olympischen Jugendfestival (EYOF) 2025 in Skopje (Nordmazedonien) gewann sie die Goldmedaille. Mit ihrer Bestleistung von 5.837 Punkten vom Qualifikationswettkampf in Bernhausen liegt sie in der Meldeliste auf Platz zwei hinter der Finnin Alisa Launonen, die schon die 6.000-Punkte-Marke geknackt hat.
Ebenfalls für Furore gesorgt hat in diesem Jahr Delisha Benelisa Domingos (TuS Lichterfelde). Die Hürdensprinterin schraubte die deutsche U18-Bestzeit Ende Mai in Zeven auf 13,09 Sekunden und untermauerte ihre Konstanz bei der U18-DM in Wattenscheid mit 13,15 Sekunden. Nur Alessia Succo und die Französin Anna Peeters (13,07 sec) waren in dieser Saison bislang schneller.
Junge Talente vor der Feuertaufe
Weit vorne in den Meldelisten finden sich auch die Namen zweier talentierter DLV-Athletinnen, die noch dem jüngeren Jahrgang 2010 angehören. Diskuswerferin Emmy Pfouga (ASC Darmstadt), die erst im September 16 Jahre alt wird, beförderte ihre Scheibe in den letzten drei Wettkämpfen vor der U18-EM auf Weiten jenseits der 51 Meter und ist damit auf dem Papier die Nummer zwei. Jedoch lauert gleich eine Handvoll Athletinnen mit Bestweiten um die 50 Meter auf die Top-Platzierungen.
Stabhochspringerin Eva Marie Weisbrodt (MTG Mannheim) hat in der Hallensaison mit 4,20 Metern ein Ausrufezeichen gesetzt und in der Freiluftsaison mit 4,05 Metern ebenfalls einen guten Eindruck hinterlassen. Gute Voraussetzungen, um in einem engen Feld mit zwei überragenden Französinnen und nur sieben Vier-Meter-Springerinnen vorn mitzumischen.
Hochspringerin Lea Völcker (Munich Athletics) präsentierte sich pünktlich zur U18-DM wieder in Topform: Mit 1,80 Metern blieb sie in Wattenscheid nur einen Zentimeter unterhalb ihrer Bestleistung aus der Hallensaison. 1,80 Meter und mehr haben bislang nur vier Springerinnen im Feld überwunden, fast alle Teilnehmerinnen sind mit Resultaten zwischen 1,74 und 1,81 Metern gemeldet. So kann es schon im Kampf um die Finalplätze spannend werden.
Werfer und Stabhochspringer vorne dabei
In der männlichen U18 rechnen sich vor allem die Werfer gute Chancen aus. Im Kugelstoßen hat sich Clesio de Carvalho (LG Steinlach-Zollern) einiges vorgenommen. „Ich rechne mit einer Medaille und will den Sieg anpeilen“, sagte der 16-Jährige, der als Dritter gemeldet ist, nach seinem U18-DM-Sieg selbstbewusst. Werferkollege Lance Listner (LAC Erdgas Chemnitz) rangiert mit dem Diskus an Position zwei der Meldeliste, auch John-Christian Schochardt (SC Neubrandenburg) gehört zum Kreis der fünf 60-Meter-Werfer im Diskus-Feld.
Stabhochspringer Jonathan Hummel (LG Leinfelden-Echterdingen) hat mit 5,10 Metern in Gräfelfing ebenfalls schon sein Potenzial unter Beweis gestellt. Es war sein einziger Fünf-Meter-Wettkampf in diesem Sommer. Wenn ihm der zweite in Rieti gelingt, kann das in einem Feld ohne einen Überflieger zu einer starken Platzierung reichen. Bei Weitspringer Phil Janitz (Düsseldorf Athletics) zeigte die Formkurve zuletzt stark nach oben, er brillierte bei der U18-DM mit 7,50 Metern.
Aus dem Läuferlager rechnen sich 800-Meter-Läufer Ole Steinbach (Dresdner SC 1898) und 3.000-Meter-Läufer Maximilian Rath (LG Stadtwerke München) Finalchancen aus. Auch die weiteren DLV-Talente wollen ihre Chance nutzen und die bestmögliche Leistung zeigen. Vor zwei Jahren in Banskà Bystrica überzeugte das DLV-Team mit Platz zwei in der Nationenwertung. An diese starke Leistung wollen die Nachwuchs-Asse von 2026 sicher gern anknüpfen und auf dem Weg dorthin unvergessliche Erinnerungen schaffen.
Foto: Von Wattenscheid nach Rieti – Clesio de Carvalho will auch bei der U18-EM überzeugen.