Mit seiner Rekord-Show im Hürdensprint hat Marc Leonard Hildebrand bei den Deutschen U20-Meisterschaften für Staunen gesorgt. In 13,22 Sekunden stürmte der Athlet des Dresdner SC 1898 am Sonntag nicht nur zu Gold, sondern auch in Richtung U20-WM in Eugene. Dabei war seine Demonstration der Stärke keineswegs ein Selbstläufer. Denn nicht nur verlief seine Saison eher holprig als geradlinig, auch musste er bereits in der Vergangenheit lernen, mit Rückschlägen umzugehen.
Obwohl er für einen der Höhepunkte bei den Deutschen U20-Meisterschaften gesorgt hat, mag es Marc Leonard Hildebrand lieber bodenständig. Statt großer Show und überheblichem Verhalten gegenüber der Konkurrenz weiß er diese ernst zu nehmen und schaltet zugleich in einen Modus, in dem er ganz auf sich und sein Rennen fokussiert ist. Diesen vor dem DM-Finale am Sonntag zu finden, war allerdings gar nicht so leicht. Nachdem der 18-Jährige bereits im Vorlauf 13,39 Sekunden locker ins Ziel gebracht hatte, drückte er im Halbfinale schon etwas mehr aufs Gas. Das Ergebnis: 13,29 Sekunden. Neuer Deutscher U20-Rekord!
Stolze 15 Jahre ist es her, dass dieser von Grogor Traber (13,31 sec) aufgestellt wurde und seither wie in Stein gemeißelt zu sein schien. Nach diesem unerwarteten Erfolg wusste Marc Leonard Hildebrand auf Anhieb gar nicht wohin mit seinen Gefühlen. „Unterbewusst hat mich das schon etwas gestresst“, sagt er und beschreibt den Moment wie das Aufeinandertreffen von zwei Fronten. Einerseits: die überwältigende Freude über diesen sensationellen Erfolg. Sein großes Ziel hatte er damit aber noch nicht erreicht. Schließlich ging es erst im Finale um den Titel und die Tickets für die U20-WM in Eugene (USA; 5. bis 9. August).
So war die kurze Zeit zwischen Halbfinale und Finale sehr emotional. „Doch dann habe ich kurz mit meinem Trainer gesprochen, mir im Warm-up-Bereich meine Schuhe wieder angezogen und meinen typischen Rhythmus gemacht. Genau den gleichen Ablauf zwischen meinen Läufen zu haben, das hat mir am Ende auch geholfen, die Aufregung nach dem Halbfinale nicht zu nah an mich heranzulassen,“ sagt er. Grundsätzlich setzt er am Wettkampftag auf etablierte Routinen und steht etwa früh auf oder lässt sich nicht davon verunsichern, dass er kaum etwas essen kann: „Meist sind das dann nur ein halbes Ei und ein halbes Brötchen, weil ich so aufgeregt bin“, sagt er lachend.
Holprige Saison nach MRT-Diagnose
Grund zur Freude gab es schließlich auch nach dem Finale – und das mehr als genug. Nicht nur drückte Marc Leonard Hildebrand in 13,22 Sekunden den nur eine Stunde zuvor verbesserten deutschen U20-Rekord über 110 Meter Hürden nochmals um sieben Hundertstelsekunden, sondern sicherte sich damit auch seinen insgesamt dritten deutschen Meistertitel. Bereits in der U18 hatte er 2024 Gold gewonnen, gleichermaßen wie bei der U20-Hallen-DM in diesem Jahr über 60 Meter Hürden. Dennoch war dieser überlegene Freiluft-Erfolg in Bochum-Wattescheid keineswegs absehbar.
„Ich hatte eine etwas holprige Saison. Schon seit dem Winter hatte ich auf der rechten Seite Probleme mit der Knochenhaut am Schienbein und musste im Training immer wieder kürzertreten. Vor meinem Saisoneinstieg im Mai hatte ich dann einen MRT-Termin, um Klarheit zu haben, was das ist und ob eine Saison überhaupt möglich ist. Zwar konnte ich schnell laufen, aber immer nur ein Mal. Danach hat sich mein Körper gemeldet und gesagt, dass da etwas ist. Letztlich hat die Diagnose ergeben, dass ich ein Knochenmarködem im Schienbein habe. Dadurch war ich immer wieder etwas verhindert im Training und das hat sich durch die ganze Sommersaison gezogen“, erzählt er.
Zuversicht gab ihm trotz der Diagnose das Pfingstsportfest in Zeven, bei dem er mit 13,40 Sekunden einen starken Auftakt abgeliefert hatte, sowie die gute Zusammenarbeit mit seinem Trainer Tom Burger und seinen zwei Physiotherapeuten. „Wir haben das Training immer so angepasst, wie es mein Körper zugelassen hat. Meist hatten wir dann zwei Laufbelastungen in der Woche und das Ganze über die Saison hinweg gut hinbekommen“, zeigt sich der Nachwuchs-Athlet dankbar gegenüber seinem Team.
Private Rückschläge lassen ihn schneller reifen
Zugleich ist es nicht der erste gesundheitliche Rückschlag für den Sportgymnasiasten. Bereits im Vorjahr hatte er nach dem Winter ein Knochenmarködem im Kahnbein des linken Fußes und musste auf die Sommersaison verzichten. „Im Fuß ist das noch einmal problematischer, weil es länger dauert, bis das wieder weggeht. Dennoch habe ich die Zeit gut überwunden und mir während der Verletzung als Ziel gesetzt, dass ich stärker zurückkommen werde. Und das hat sich jetzt bewahrheitet“, sagt er. Zugleich profitiere er auch von einer mentalen Stärke, die er nach zwei gesundheitlich prägenden Einschnitten innerhalb der Familie entwickelt hat. Nachdem 2021 ein enger Verwandter betroffen war, erhielt Marc Leonard Hildebrand im Folgejahr selbst eine schwerwiegende Diagnose, die ihn für ein Jahr aus den gewohnten Abläufen zog.
Inzwischen ist alles überwunden und er spricht selbst von einem kleinen Wunder, dass sich alles zum Positiven gewendet hat. „Ich denke, dass mich diese Zeit ein Stück weit dazu gezwungen hat, schneller zu reifen und schon sehr jung ein Stück weit mehr Selbstständigkeit zu zeigen. Das hilft mir heute dabei, besser mit Druck oder Rückschlägen umzugehen“, sagt er. Und führt fort: „Im Wettkampf sage ich mir dann immer, dass ich genau das mache, was ich liebe und Spaß dabei haben soll. Natürlich ist da auch Druck und Aufregung. Aber mit der Erinnerung daran, dass das, was ich dort machen darf, ein Segen ist – ich sage immer 'Blessing', weil es schöner klingt – bin ich einfach sehr dankbar dafür, dass ich auf der Bahn stehen darf, im besten Fall noch gesund.“
Zudem ist es ihm wichtig, sich nicht allein über den Sport zu definieren und etwa am Wochenende gemeinsam mit Freunden bewusst Abstand zum Sport zu suchen. „Auch die Schule hilft einem dabei, weil es dann etwas gibt, worauf du dich fokussieren kannst, ohne die ganze Zeit an den Sport denken zu müssen.“
Exzellente Hürdentechnik und viel Leidenschaft für seine Disziplin
Nachdem er bereits im Grundschulalter den Weg in die Leichtathletik gefunden hatte, kristallisierte sich schon bald der Hürdenlauf als seine Lieblingsdisziplin heraus. „Schon meine Mama war früher 400-Meter-Hürdenläuferin. Und auch ich bin in der U16 recht gut die 300 Meter Hürden gelaufen. Darum hatte auch Claudia Marx Interesse daran, dass ich in ihre Trainingsgruppe komme. Aber ich liebe den Hürdensprint mehr – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als die 110 Meter Hürden zu laufen“, schwärmt er über seine Paradestrecke.
Seine Stärke sieht er vor allem in der zweiten Rennhälfte und sagt: „Wenn ich einmal ins Rollen komme, dann läuft es meistens und je schneller ich werde, desto mehr bin ich im Flow.“ Ausbaufähig ist noch der Start, wenngleich auch die vordere Rennhälfte nach der Umstellung auf sieben Anlaufschritte zur ersten Hürde besser geworden ist. „Am liebsten ist es mir, wenn ich nach zwei Hürden weg bin und die Konkurrenz nicht mehr neben mir habe. Dann kann ich mich auch nicht mehr davon beeinflussen lassen, was sie macht“, ergänzt er lachend.
Neben seiner Schnelligkeit ist es vor allem seine saubere Hürdentechnik, die den Dresdner auszeichnen. Konkrete Vorbilder zur Orientierung hat er allerdings nicht und sagt: „Das ist eher ein Aufschauen, was ich auch mal erreichen will. Früher hat mich zum Beispiel Grant Holloway beeindruckt, heute sind es Athleten wie der neue Weltrekordhalter Ja’Kobe Tharp.“
Finale als Ziel bei der U20-WM
Im Training laufe es eher so ab, dass sein Trainer eine Idealvorstellung davon hat, wie sein Athlet über die Hürden sprinten soll und Marc Leonard Hildebrand dies dann bestmöglich versucht umzusetzen. „Wichtig ist dabei, dass du ein gutes Gefühl für die Hürden hast. Und du darfst keine Angst vor den Hürden haben, auch wenn diese in der Männerklasse dann noch einmal höher werden“, sagt er. Worauf er sich freut, ist der Zuwachs in seiner aktuell noch neunköpfigen Trainingsgruppe: „Nach den Ferien kommt [der Deutsche U20-Meister; Anm. d. Red.] Luca Koch aus Chemnitz zu uns. Einen solch starken Konkurrenten in der Gruppe zu haben, ist ein großer Vorteil weil man sich gegenseitig pushen kann.“
Für ihn selbst fallen die Ferien eher kurz aus. Umso mehr freut er sich darauf, nach der U20-WM noch eine gemeinsame Woche mit seinen Eltern in den USA zu verbringen und einige der Nationalparks sowie Seattle zu besuchen. Bevor es allerdings so weit ist, steht zunächst der Sport im Vordergrund. Der 18-Jährige, der bei der U18-EM 2024 internationale Erfahrung gesammelt hat, steht in den Top Ten der Meldeliste. Große Töne spucken will er allerdings nicht und sagt: „Ich freue mich einfach riesig darauf, auf dieser Bühne zu stehen und zu wissen, dass ich dahin gehöre und mir das hart erarbeitet habe. Letztlich sitzen wir alle im selben Boot und müssen liefern. Für mich gilt es jetzt, frei zu sein und schnell zu laufen. Und das möglichst in den Endlauf. Ich habe schon Großes vor.“
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