| Interview Masters-WM

Barbara Gähling: „Der Glaube kann Berge versetzen"

So ganz glauben konnte die neue Weltrekordlerin und Weltmeisterin im Siebenkampf der W55, Barbara Gähling (LT DSHS Köln), ihr Husarenstück wohl selbst nicht. Mit einer nicht für möglich gehaltenen Zeit von 2:34,42 Minuten im abschließenden 800-Meter-Lauf katapultierte sich die Kölner Lehrerin noch an ihrer hartnäckigsten Konkurrentin aus Frankreich, Petra Bajeat, vorbei auf den Titelthron. Mit ihrer Punktzahl von 6748 Zählern verbesserte die gebürtige Westfälin die alte Bestleistung der Australierin Marie Kay aus dem Jahre 2015 um satte 66 Punkte.
Jörg Valentin

Barbara Gähling, herzlichen Glückwunsch zum Titel und dem fantastischen neuen Weltrekord. Beschreiben Sie doch einmal ihre Gefühle, als Sie bei den 800 Metern realisiert haben: Ich kann es noch packen und etwas ganz Großes erreichen".

Barbara Gähling:

Die Geschichte mit dem Glauben begann kurz vor dem entscheidenden 800-Meter-Rennen, als man mich über meinen Punkterückstand informierte. Die letzte Disziplin im Siebenkampf ist für Jede und Jeden hart und da kam der Glaube an die eigene Stärke zurück. Nachdem ich Petra Bajeat nach 50 Metern schon überholt hatte, habe ich alles auf eine Karte gesetzt und habe mein Ding gemacht. Dass am Ende sogar der Weltrekord dabei herausspringt, ist das Sahnehäubchen. Der Glaube kann eben doch dann und wann Berge versetzen.

Dabei hatte der zweite Tag mit dem Weitsprung und nur 4,21 Metern an für sich sehr schlecht begonnen und die knappe Führung des ersten Tages war auf einen Schlag futsch. Haben Sie da nicht  alle gehegten Titelträume insgeheim schon beerdigt?

Barbara Gähling:

Ganz so schlecht, wie es sich möglicherweise anhört, ist das gar nicht für mich. Weitsprung ist nun mal nicht meins. Dort muss ich mich unbedingt verbessern. Aber die Französin hat richtig einen rausgehauen. Das hatte ich so nicht erwartet. Das erklärt meinen Punkterückstand. Zu diesem Zeitpunkt sah es wirklich nicht gut aus.

Wie kann man am Ende von zwei harten Wettkampf-Tagen bei schwül-warmem Wetter noch so einen Knaller über 800 Meter auf die Bahn legen? Was macht Sie so stark, dass der Glaube an die eigenen Stärken praktisch Berge versetzen kann?

Barbara Gähling:

Kämpfen kann ich. Spätestens als ich wusste, dass ich nur sechs Sekunden zwischen Petra Bajeat und mich bringen musste, hat sich bei mir alles auf das abschließende Rennen fokussiert. Genau wusste ich zwar nicht, wie groß mein Vorsprung wirklich war, aber ich war mir unterwegs schon ziemlich sicher, dass es reichen könnte.

Haben Sie auf dem Weg zum Titel niemals gezweifelt, ob es die richtige Entscheidung war, den Siebenkampf den 300 Meter Hürden vorzuziehen, bei denen Sie als Weltrekordlerin als haushohe Favoritin gehandelt worden wären?

Barbara Gähling:

Nein. Zum einen ließ mir der Zeitplan keine Wahl. In zwei Stadien gleichzeitig am Start zu sein, geht nun einmal nicht. Und zudem liebe ich den sportlichen Wettkampf mit der Konkurrenz. Im 300-Meter-Hürdenlauf wäre ich höchstwahrscheinlich weit vorneweg gelaufen. Da zählen für mich der Titel und der Weltrekord im Siebenkampf mehr.

Beim Mehrkampf versteht man sich unter den Athletinnen zumeist sehr gut. Sie sind mit einer Ihrer Konkurrentin Belinda Foo aus Singapur im Anschluss an die Siegerehrung Essen gegangen. Haben Sie dabei mit ihr noch einmal die beiden Wettkampftage Revue passieren lassen?

Barbara Gähling:

Mehrkämpferinnen sind eine große Familie. Und man sieht sich halt bei internationalen Meisterschaften doch sehr selten. Belinda Foo kenne und schätze ich seit 2015 und für uns war es nach fast sieben Jahren unser erstes Zusammentreffen. Sie war es auch, die mir mit ihrer Information zum Punktestand neuen Mut gegeben hat. Das wollten wir gebührend feiern.

Sind mit dem Weltrekord und dem Weltmeistertitel im Siebenkampf die Weltmeisterschaften der Masters für Sie beendet oder was steht jetzt noch an?

Barbara Gähling:

Noch nicht ganz. Ich habe mich noch beim Diskuswurf angemeldet. Aber das nehme ich nur so mit. Ambitionen habe ich in dieser Disziplin nicht, vielleicht springt eine persönliche Bestleistung heraus. Ansonsten schaue ich mir die Stadt Tampere und die nähere Umgebung an. Gerne würde ich auch noch in einem finnischen See baden. Aber das lasse ich alles auf mich zukommen.

Mehr:

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