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Alina Ammann – Schlummerndes Talent freigesetzt

In Kassel haben im vergangenen Sommer zehn Athletinnen und Athleten erstmals bei Deutschen Meisterschaften ganz oben gestanden. Dazu zählen viele junge, neue Gesichter in der DLV-Spitze. Wir stellen sie vor. Heute: 800-Meter-Läuferin Alina Ammann (TuS Esingen).
Jan-Henner Reitze

Alina Ammann
TuS Esingen

Bestleistungen: 

800 Meter: 2:01,42 min (2023)

Erfolge:

Deutsche Meisterin 2023

Dass sie außergewöhnlich gut 800 Meter laufen kann, hat Alina Ammann früh bewiesen. Schon als 16-Jährige qualifizierte sie sich für die U20-WM im US-Leichtathletik-Zentrum Eugene. Mit 18 Jahren lief sie 2:03,57 Minuten und wurde DM-Vierte in der Frauenklasse. Das war im Jahr 2016.

Seitdem durchkreuzten immer wieder Krankheiten und Verletzungen eine kontinuierliche Leistungsentwicklung. Die Psychologie-Studentin behielt dennoch ihre Leidenschaft für den Sport und den Glauben an ihre Fähigkeiten. In diesem Jahr konnte die 25-Jährige erstmals wieder über einen längeren Zeitraum durchtrainieren.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel wusste sie, dass endlich wieder eine Bestleistung in ihr steckt. „Ich freue mich immer auf meine Rennen, aber an dem Morgen des Finals war die Vorfreude besonders groß.“ Als die Athletin vom TuS Esingen auf der Zielgeraden Christina Hering (LG Stadtwerke München) und Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) immer noch auf den Fersen war, ergriff sie ihre Chance und ging in einem packenden Finish an den beiden Favoritinnen vorbei (2:01,42 min). Um gut zwei Sekunden war die sieben Jahre alte Bestzeit unterboten, gekrönt mit dem unverhofften ersten nationalen Titel. Der hat noch einmal einen Motivationsschub gebracht, weiterhin noch größere Ziele zu verfolgen.

Vater Michael war beim Joggen zu langsam

Alina Ammann kommt aus einer Leichtathletik-Familie. Ihr Vater Michael war beispielsweise als Mittelstreckler aktiv. Trotzdem ging seine Tochter in ihrer Kindheit in Tornesch bei Hamburg erst einmal in einen Turnverein. „Wenn mein Vater am Wochenende Laufen war, bin ich mit dem Fahrrad mitgefahren“, erzählt die heutige Leistungssportlerin. „Bis ich einmal selbst mitlaufen wollte. Dabei habe ich meinen Papa gefragt, ob wir nicht schneller laufen wollen, mir war es zu langsam.“

Daraufhin war klar, dass Leichtathletik auch eine passende Sportart sein könnte. Nach einem Sieg bei einem Volkslauf begann die damals Neunjährige beim TuS Esingen mit dem Training bei Achim Borstelmann, der dort bis heute in der Kinderleichtathletik engagiert ist. Nicht nur der Spaß war sofort geweckt, es zeigte sich auch schnell Talent, vor allem für alle Disziplinen, die auf der Bahn stattfinden.

Schon bei der ersten Teilnahme bei nationalen Titelkämpfen kam gleich eine Medaille heraus: Silber im Blockmehrkampf Lauf (2.644 Punkte) in Wesel im Jahr 2012. Schon damals waren die 800 Meter ihre beste Disziplin, mit 2:14,11 Minuten führte die damalige W14-Athletin die DLV-Bestenliste ihrer Altersklasse am Jahresende an. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich damit begonnen, von der Teilnahme an einer internationalen Meisterschaft zu träumen.“

Vater Michael Ammann wechselte mehr und mehr von der Athleten- in die Trainer-Rolle. Er betreut bis heute eine Gruppe beim TuS Esingen und auch seine Tochter. „Er hat die Erfahrung seines eigenen Trainings als Mittelstreckler und bildet sich immer weiter“, erzählt Alina Ammann.

Frühe internationale Einsätze

Im Nachwuchsbereich wurde der Traum vom Start im Nationaltrikot unerwartet schnell Realität. Als 16-Jährige unterbot Alina Ammann die Norm für die U20-WM (2:06,00 min), die in Eugene (USA) ausgetragen wurde. „Meine Eltern haben überlegt, ob sie mich in dem Alter auf eine so weite Reise schicken. Sie haben mir die Entscheidung überlassen“, erinnert sich die heutige Deutsche Meisterin. „Es war eine tolle Erfahrung, auch für die weiteren internationalen Meisterschaften.“

Die führten die Nachwuchsathletin 2015 zur U18-WM nach Cali (Kolumbien) und 2016 erneut zur U20-WM nach Bydgoszcz (Polen). Bei Deutschen Jugend-Meisterschaften gewann sie dreimal Silber. In ihrem ersten U20-Jahr steigerte sich die damals 18-Jährige in Dessau auf 2:03,57 Minuten und belegte Rang vier bei der DM der Aktiven in Kassel (2:04,26 min). Bis zur zurückliegenden Sommersaison sollten diese beiden Rennen ihre bisher schnellsten bleiben.

Denn schon damals verhinderten gesundheitliche Probleme noch größere Erfolge. „Bei der U18-WM und meiner zweiten U20-WM bin ich nicht topfit an den Start gegangen.“ 2017 war die Saison dann verletzungsbedingt schon Ende Mai zu Ende, obwohl die Norm (2:06,50 min) für die U20-EM in Grosseto (Italien) vorher schon gefallen war.

Krankheiten und Verletzungen verhindern Durchbruch

In den folgenden Jahren waren es immer wieder Infekte, Krankheiten oder Verletzungen, die einen langfristigen Trainingsaufbau verhinderten. Zu den langwierigen Baustellen zählten Pfeiffersches Drüsenfieber und Schienbein-Probleme. „Ich habe immer wieder mit dem Training begonnen, als ich dachte, die Schienbeine lassen es wieder zu. Dann kamen die Schmerzen zurück“, so Alina Ammann, die inzwischen ins nahegelegene Hamburg umgezogen war und dort ein Bachelorstudium in Psychologie aufgenommen hatte.

Trotz eines sich anbahnenden Ermüdungsbruchs holte sie bei der Hallen-DM in 2019 in Leipzig mit Bronze (2:05,71 min) ihre erste DM-Medaille im Erwachsenenbereich. Über Jahre gelang es immer wieder, sich in Richtung der einstigen Leistungsfähigkeit zurückzuarbeiten. Dann folgte wieder ein Rückschlag. „Trotzdem ist der Spaß am Laufen immer geblieben und die Überzeugung, dass mehr in mir steckt, als ich bisher auf die Bahn gebracht habe. Das hat mich motiviert, auch viele Einheiten Alternativ-Training durchzuziehen.“

Endlich kontinuierliches Training über mehrere Monate möglich

Im vergangenen Jahr ging es mal wieder aufwärts. Trotz Rückenbeschwerden gelangen Bestzeiten über 400 Meter (55,30 sec) und 1.500 Meter (4:16,74 min). Grundlage für den Saisonaufbau für 2023. Und den konnte die 25-Jährige so kontinuierlich durchziehen wie noch nie. Zwar blieb sie im Winter nicht völlig von Infekten verschont, ab März verlief aber alles nach Plan.

 „Ein Schlüssel-Faktor war, dass mir meine Physiotherapeutin ein auf mich zugeschnittenes Krafttraining ausgearbeitet hat“, berichtet Alina Ammann. Anders als in vielen Jahren davor trainierte sie außerdem in einer Gruppe, die sich in ihrem Hamburger Umfeld als ihre Leichtathletik-Familie herausgebildet hat. „Wir kommen aus verschiedenen Vereinen und machen unterschiedliche Disziplinen. Ab und zu macht einer von den Jungs für mich Tempo. Häufig macht aber auch jeder seine Läufe für sich. Trotzdem ist es einfach schön, sich zusammen aufzuwärmen oder im Kraftraum als Gruppe zusammen zu sein.“

Das Training zeigte Wirkung. Zwei Wochen vor den Deutschen Meisterschaften in Kassel holte sich die Psychologie-Studentin in Lübeck in 2:04,17 Minuten den norddeutschen Meistertitel. Es war ihre schnellste Zeit seit 2016. Die Trainingsleistungen deuteten noch mehr an. Und das, obwohl neben dem Sport ein Vollzeit-Praktikum lief, das für den Bachelor-Abschluss noch fehlte.

DM-Finale einschneidendes Erlebnis

Dann kam die DM. „Am Tag des Finals in Kassel bin ich aufgewacht und wusste sofort: Es geht was. Ich hatte richtig Bock, zu laufen“, erinnert sich Alina Ammann. „Ich hatte einfach diesen Biss und ausschließlich Vorfreude auf das Rennen. Eine 2:01 Minuten habe ich mir zugetraut und wollte um eine Medaille laufen.“

Im Rennen fand sie dann eine günstige Position hinter Majtie Kolberg und Christina Hering. Dass sie auf der Zielgeraden in 2:01,42 Minuten noch um vier beziehungsweise zehn Hundertstel an den beiden vorzog, konnte Alina Ammann aber dann im Ziel selbst kaum glauben. Das Überraschungs-Gold ist ein erster Lohn, über mehrere Jahre trotz wiederholter Rückschläge drangeblieben zu sein. „Ich war überwältigt vom Titel und der Freude, die mein ganzes Umfeld mit mir geteilt hat.“

Da traf es sich gut, dass die DM ohnehin als Saisonabschluss geplant war. Damit blieb Zeit, den Erfolg zu verarbeiten und Bewerbungen für einen Master-Studienplatz zu verschicken. Der soll im Oktober aufgenommen werden, allerdings mit der Option, den Sport im Alltag erst einmal an erste Stelle zu setzen. Denn den Kindheitstraum vom internationalen Start möchte sich die Deutsche Meisterin auch in der Frauenklasse noch erfüllen.

Schielen auf die Zwei-Minuten-Marke

Nachdem mit einem kontinuierlichen Saisonaufbau die gezeigte Steigerung möglich war, ist sich Alina Ammann sicher, dass es noch besser geht. Und sie ist zuversichtlich, dass sie langfristig gesund durchtrainieren kann. „Inzwischen haben mein Vater und ich einfach gelernt, was mir guttut. Wann braucht mein Körper Ruhe, wie kann ich meine Defizite ausgleichen?“ Belastungen auf der Rundbahn in der Halle sollen beispielsweise auf wettkampfspezifische Trainingseinheiten und Hallenwettkämpfe beschränkt bleiben.

„Wie jede 800-Meter-Läuferin möchte ich einmal unter zwei Minuten bleiben“, so die Mittelstrecklerin. Genau bei dieser Marke steht die Direkt-Norm für die EM im kommenden Jahr in Rom (Italien). Für die Olympischen Spiele in Paris (Frankreich) sind für die direkte Qualifikation 1:59,30 Minuten gefragt. Diese Zeit liegt um 2,12 Sekunden unter der aktuellen Bestzeit von Alina Ammann, die in diesem Jahr im bisherigen Rennen ihres Lebens eine Verbesserung von 2,15 Sekunden hingelegt hat.

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Das sagt Bundestrainer Andreas Knauer:

Alina hat in Kassel ein herausragendes Rennen gemacht. Sie hat sich um zwei Sekunden verbessert und zwei WM-Teilnehmerinnen hinter sich gelassen. Mit dieser Leistung hat Alina die Tür für eine internationale Karriere aufgemacht.

Ich habe sie immer als schlummerndes Talent gesehen. Sie war in den vergangenen Jahren häufig krank oder verletzt und das zu einem ungünstigen Zeitpunkt der Saison. Deshalb konnte sie ihre Leistungsfähigkeit nicht auf die Bahn bringen. In diesem Jahr konnte sie erstmals über Monate durchtrainieren.

Alina ist offen und sie möchte unbedingt rennen. Sie sucht die Auseinandersetzung mit der Konkurrenz, im positiven, sportlichen Sinne. Ich bin überzeugt, dass noch schnellere Zeiten möglich sind, auch in Richtung zwei Minuten und darunter. Wenn Alina weiter gesund bleibt, hat sie die Chance auf internationale Großereignisse in den kommenden Jahren bis hin zu Olympischen Spielen.

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