| „Jugend-Leichtathletin des Jahres“

Jana Becker – Wenn alles zusammenkommt

Jana Becker posiert nach der Siegerehrung mit einer Gold- und einer Silbermedaille im Mund. © Jan Papenfuß
2025 war das Erfolgsjahr der Jana Becker. Hallen-DM-Titel nicht nur in der Jugend, sondern auch bei den Frauen. 800-Meter-Gold und 4x400-Meter-Silber bei der U20-EM. Und die erste Zeit unter zwei Minuten. Das i-Tüpfelchen: Die 19-Jährige wurde von den Leichtathletik-Fans und einer Fachjury zu Deutschlands „Jugend-Leichtathletin des Jahres 2025“ gekürt.
Svenja Sapper

„Das ist der perfekte Abschluss für das Jahr 2025“, freut sich Jana Becker (Königsteiner LV), als sie von ihrer Wahl zur „Jugend-Leichtathletin des Jahres“ erfährt. Zu verdanken hat die 19-Jährige die Auszeichnung unter anderem einem denkwürdigen Abend in Tampere (Finnland). Am 10. August 2025 holte sie bei der U20-EM erst Gold über 800 Meter in 2:01,67 Minuten. 70 Minuten später brachte sie den Staffelstab über 4x400 Meter nach 3:34,35 Minuten ins Ziel und sicherte damit Silber für das deutsche Quartett.

Ein unerwarteter Doppel-Erfolg. Denn während Jana Becker über 800 Meter zu den Favoritinnen gezählt hatte, war ein Einsatz in der Staffel ursprünglich aufgrund des Zeitplans nicht vorgesehen. Doch der kurzfristige Ausfall der U20-EM-Zweiten Johanna Martin (1. LAV Rostock) führte dazu, dass das Trainerteam umplanen musste und sich für Jana Becker die Option auf einen Staffel-Start ergab.

70 Minuten auf Wolke sieben

„Es war von Anfang an mein Traum, über 800 Meter und mit der Staffel eine Medaille zu holen“, erinnert sie sich. „Als ich den Zeitplan zum ersten Mal gesehen habe, war ich schon etwas enttäuscht, dass die 800 Meter und die 4x400 Meter so dicht beieinander liegen. Auch die Staffel-Trainer haben sich etwas geärgert.“ Als am Wettkampftag dann doch die Anfrage kam, ob sie sich einen Staffel-Einsatz vorstellen könne, war sie sofort Feuer und Flamme. „Für mich war aber klar, dass der Fokus auf den 800 Metern liegt. Und wenn da alles glatt geht, freue ich mich, den Mädels in der Staffel weiterhelfen zu können.“

Und es lief glatt im 800-Meter-Finale. In der letzten Kurve setzte Jana Becker, die zu diesem Zeitpunkt nicht auf einem Medaillenrang lag, zum Schlussspurt an. Auf der Zielgeraden stürmte sie nach vorn und schnappte sich mit einem furiosen Finish den Titel. „Etwa bei 550 Metern, 600 Metern dachte ich kurz: Jetzt verlier den Anschluss nicht! Von außen war es für alle ein kleiner Schockmoment, weil eine kleine Lücke aufgegangen war. Aber ich habe in dem Moment einfach auf meinen Instinkt vertraut und wurde belohnt.“ Wenig später stand sie schon das zweite Mal auf der Bahn. „Das waren 70 Minuten auf Wolke sieben.“

Eingerahmt wurde der Doppel-Triumph bei der U20-EM von zwei weiteren bemerkenswerten Erfolgen. Das erste Ausrufezeichen setzte die 800-Meter-Spezialistin bereits in der Hallensaison: Die damals noch 18-Jährige lief in Dortmund taktisch klug zu ihrem ersten Hallen-DM-Titel in der Erwachsenenklasse. Die Krönung des Erfolgsjahres folgte beim Saison-Abschluss. Ende August brachte Jana Becker beim Abendsportfest in Pfungstadt 1:59,59 Minuten auf die Bahn – seit Birte Bruhns (SC Empor Rostock) 1988 war keine deutsche U20-Athletin mehr unter zwei Minuten geblieben.

Ein Jahr, in dem alles aufgeht

„Es war ein Jahr, in dem alles aufging“, blickt Jana Becker zurück. Keine Selbstverständlichkeit. Denn die Geschichte der jungen Läuferin ist bereits jetzt eine, die auch von Rückschlägen erzählt. Vom viel zitierten „Hinfallen und wieder Aufstehen“. „Einzigartig, herausfordernd und unvergesslich“ nennt die 19-Jährige selbst ihre U18- und U20-Jahre. Herausfordernd – das waren besonders die Jahre 2023 und 2024.

Zwar entwickelte sie sich stetig weiter – ihre 800-Meter-Bestzeit verbesserte sie von 2:04,95 Minuten (2022) über 2:02,91 Minuten (2023) auf 2:01,90 Minuten (2024) –, doch ausgerechnet die Saison-Höhepunkte verliefen nicht nach Wunsch. Nach einer für sie überraschenden Silbermedaille bei der U18-EM 2022 in Jerusalem (Israel) schied sie 2023, damals noch als U18-Athletin, bei der U20-EM trotz starker Meldeleistung im Vorlauf aus.

2024 verpasste sie krankheitsbedingt die Einzel-Qualifikation für die U20-WM in Lima (Peru) und wurde stattdessen in der 4x400-Meter-Staffel eingesetzt. Trotz der Rückschläge war Aufgeben für Jana Becker nie eine Option. „Gerade wenn man schon sehr früh Erfolge feiert, gehört es dazu, dass man auch mal schwierige Phasen durchstehen muss. Ich habe nie den Glauben daran verloren, dass mehr in mir steckt und ich noch Größeres leisten kann“, betont sie.

Aus Rückschlägen lernt man

So galt es, aus Niederlagen zu lernen und das Training weiter zu optimieren. Nach dem Einstieg in die Hallensaison 2025 fing die Mittelstrecklerin an, sich intensiv mit Mentaltraining auseinanderzusetzen. Mit dem sportpsychologischen Team von „mentaltastic“, Partner des Landessportbundes Hessen, fand sie in unmittelbarer Nähe ihres Trainingsortes die gewünschte Unterstützung.

„Mit meinem Mentalcoach habe ich mich intensiv auf die EM vorbereitet, weil ich wusste: Es ist mein letztes U20-Jahr und ich will in Tampere auf jeden Fall was reißen“, erzählt sie. Ziel war es auch, ihre mentale Stärke zurückzugewinnen. „Früher konnte ich das schon extrem gut. Dieses Selbstbewusstsein hat mir 2023 und 2024 aber etwas gefehlt. Beim Mentaltraining habe ich daran gearbeitet, das Selbstvertrauen wiederzufinden und in den richtigen Momenten richtig zu agieren. Das konnte ich dann 2025 zum Glück wieder zeigen.“

Dazu beigetragen haben auch für sie neue Methoden. „Wir haben viel mit Visualisierung gearbeitet. Ich habe dieses Finale bei der U20-EM so oft visualisiert, um dieses Ziel von Anfang an klar vor Augen zu haben und mich auf alle Situationen im Rennverlauf einstellen zu können. Wie werde ich das Finale laufen, wie wird es sich anfühlen, was will ich erreichen? Das hat mich enorm weitergebracht.“

Wachsen an Herausforderungen

Die mentale Stärke der jungen Läuferin zeigt sich auch daran, dass sie reflektiert und aus Fehlern lernt – um es im zweiten Anlauf umso besser zu machen. Aus Rückschlägen erwuchs neue Stärke. In ihrem ersten Hallen-DM-Finale 2024 hatte sie nicht wie erhofft in den Kampf um die Medaillen eingreifen können. Ein Jahr später in Dortmund präsentierte sie sich hellwach und taktisch auf den Punkt – und gewann den Titel. Und auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Vorlauf-Aus bei der U20-EM 2023 demonstrierte sie im Vorlauf von Tampere eindrucksvoll ihre Stärke, bevor sie zwei Tage später ihre erste EM-Goldmedaille eroberte.

Bei allem Selbstvertrauen und dem Ehrgeiz, der sie antreibt, verspürt Jana Becker zugleich große Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die ihr der Stützpunkt Frankfurt und das Sportinternat bieten. Das System ist perfekt abgestimmt, die kurzen Wege zwischen Trainingsstätten, Physiotherapie und Schule sparen im Alltag viel Zeit. In der Läufergruppe von Benjamin Stalf, der im Herbst als Deutschlands „Nachwuchstrainer des Jahres“ geehrt wurde, hat sie ihr perfektes sportliches Umfeld gefunden, das sie auch nach ihrem Abitur beibehalten will.

Im April stehen die Abi-Prüfungen in den Fächern Sport, Biologie und Geschichte an, im Juni folgen die mündlichen Prüfungen in Deutsch und Mathematik. Anschließend will sie dem Sport weiter oberste Priorität einräumen. Daher kann sich Jana Becker vorstellen, der Sportfördergruppe der Bundeswehr beizutreten. Auch ein Fernstudium ist eine Option.

Neuer Lebensabschnitt sportlich wie privat

Sportlich beginnt mit dem Übergang in die Erwachsenenklasse ein neuer Abschnitt ihrer Karriere. Den Grundstein dafür hat die 19-Jährige schon in Pfungstadt gelegt: Mit ihrer Bestzeit ist die EM-Norm für Birmingham (Großbritannien) bereits abgehakt, die sie in diesem Jahr noch bestätigen muss. „Erst einmal möchte ich mich in diesem Bereich unter zwei Minuten etablieren und zeigen, dass das kein ‚Once in a lifetime‘-Moment war. Ich würde mich freuen, wenn ich in Birmingham in guter Form antreten und vielleicht schon die Vorrunde überstehen kann.“

Jana Becker ist gespannt auf das Kräftemessen mit der nationalen Konkurrenz um die WM-Starterinnen Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) und Smilla Kolbe (Eintracht Frankfurt). Und ebenso auf ein neues, prominentes Gesicht auf der internationalen 800-Meter-Bühne: Über die Ankündigung von 400-Meter-Hürden-Europarekordlerin Femke Bol (Niederlande), künftig auf die 800 Meter zu setzen, hat sie sich gefreut.

„Ich glaube, dass sie mit den Britinnen den Mittelstreckenlauf auf ein neues Niveau heben kann, wovon wir Europäerinnen profitieren können. Ich habe richtig Lust darauf, mal neben ihr an der Startlinie zu stehen.“ Ein Wunsch, der schon in diesem Sommer in Erfüllung gehen könnte. Beste Voraussetzungen also für weitere Erfolgsjahre von Jana Becker.

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