| Interview

Mohamed Abdilaahi: „Meine besten Jahre kommen erst noch“

© Jan Papenfuß
Seit dem zurückliegenden Wochenende ist der 29 Jahre alte Deutsche 10.000-Meter-Rekord von Dieter Baumann Geschichte. Mohamed Abdilaahi (Cologne Athletics) blieb beim Meeting in San Juan Capistrano (USA) mit 26:56,58 Minuten als erster Deutscher unter der 27-Minuten-Marke. Im Interview spricht der 27-Jährige über die Rekordjagd und verrät auch, warum Schnee im Trainingslager den Verzicht auf die Hallensaison zur Folge hatte. Außerdem beantwortet er die schwierige Frage, welche Strecke ihm eigentlich am besten liegt.
Svenja Sapper

Mohamed Abdilaahi, herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Rekord über 10.000 Meter! Das Rennen in San Juan Capistrano war für Sie der erste Wettkampf seit dem 11. Januar. Mit welcher Erwartungshaltung haben Sie sich an die Startlinie gestellt?

Mohamed Abdilaahi:
Ich hatte auf jeden Fall mit einer sehr schnellen Zeit geliebäugelt. Angepeilt hatte ich ein Ergebnis zwischen 26:50 und 27:05 Minuten. Ich wusste, dass das Rennen genau darauf ausgelegt ist. Bei dem Meeting treffen sich die besten Läufer der Welt. Ich bin sehr happy, dass das jetzt so geklappt hat.

Sie haben die guten Bedingungen mit starker Konkurrenz und Tempomachern eben schon angesprochen. Welche Absprachen gab es im Vorfeld?

Mohamed Abdilaahi:
Schon im Trainingslager in Flagstaff haben mich einige Athleten gefragt, ob ich versuchen will, die 27-Minuten-Marke zu unterbieten. Ich habe aber relativ früh kommuniziert, dass ich erst mal gucken will, wie es für mich läuft. Das letzte Mal zuvor, dass ich 10.000 Meter gelaufen bin, war 2022. Deshalb wollte ich nicht zu viel versprechen. Ich habe gesagt, wenn ich mich gut fühle, beteilige ich mich an der Tempoarbeit – was ich schlussendlich auch gemacht habe.

Wie haben Sie sich im Rennen gefühlt?

Mohamed Abdilaahi:
Es hat sich sehr gut angefühlt. Ich wusste, dass ich in einer sehr guten Shape bin, das hat das Trainingslager vorher gezeigt. Mein Papa, der mich ja auch coacht, hat mir gesagt, dass ich an mich glauben soll und dass dann so eine schnelle Zeit rausspringen kann.

Sie haben nicht nur den Deutschen Rekord geknackt, der zwei Jahre vor Ihrer Geburt aufgestellt wurde. Sie sind auch unter der Marke von 27 Minuten geblieben, nur zehn Sekunden fehlen zum Europarekord von Mo Farah. Wie viel bedeutet Ihnen das?

Mohamed Abdilaahi:
Es bedeutet mir sehr, sehr viel, das als erster Deutscher geschafft zu haben. Auch dass ich so nah am Europarekord war, zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Der Europarekord ist schließlich von keinem Geringeren als Mo Farah, der sportlich gesehen mein Vorbild ist. Es ist unglaublich, was er alles erreicht und wie viele Goldmedaillen er gewonnen hat. Ich wäre schon froh, wenn ich nur eine internationale Goldmedaille holen würde. Mal sehen, ob das in den nächsten Jahren möglich ist.

Sie haben es eben selbst schon gesagt: Ihr letztes 10.000-Meter-Rennen auf der Bahn war vor dem Meeting in San Juan Capistrano fast vier Jahre her. Das Resultat kommt aber vermutlich dennoch nicht ganz unerwartet, wenn man bedenkt, dass Sie im Januar auf den Straßen von Valencia mit 27:22 Minuten Deutschen 10-Kilometer-Rekord gelaufen sind…

Mohamed Abdilaahi:
Stimmt, das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Vor allem deshalb, weil ich auf der Bahn besser bin. Ich bin einfach der klassische Bahnläufer. Für mich war klar: Wenn ich auf der Straße eine so starke Zeit laufe, bin ich auf der Bahn noch schneller.

Seit Sie vor fast genau vier Jahren mit 28:13,83 Minuten in Stanford zuletzt über 10.000 Meter auf der Bahn standen, hat sich einiges getan, es folgten Jahre mit Höhen und Tiefen. Wie beurteilen Sie selbst Ihre Entwicklung seit damals?

Mohamed Abdilaahi:
In dem Jahr, 2022, bin ich über 5.000 Meter zum ersten Mal nah an die 13 Minuten herangelaufen und habe mich mit Direktnorm für meine erste WM qualifiziert. Dort hat es dann nicht so gut funktioniert, wie ich mir erhofft habe. Das gilt eigentlich für viele internationale Meisterschaften seither. Aber viele vergessen auch, dass ich für einen Langstreckenläufer noch ziemlich jung bin und ziemlich früh schon performt habe, aber nicht konstant gute Leistungen abrufen konnte.

Daran gilt es in den nächsten Jahren zu arbeiten, um auch bei Meisterschaften abliefern zu können. Ich glaube, ich habe das Zeug dazu. Ich komme jetzt erst in die besten Jahre. Deswegen habe ich mich von Niederlagen nie unterkriegen lassen. Einige Zwischenziele wie Normen, den Sieg bei der U23-EM oder deutsche Meistertitel habe ich schon erreicht. Langsam blicke ich auch auf die vorderen Plätze und hoffe, dass ich in den nächsten Jahren vorne mitlaufen kann.  

Vor vier Jahren habe ich Sie in einem Interview gefragt, auf welcher Strecke Sie sich am ehesten zuhause fühlen: 1.500, 5.000 oder 10.000 Meter. Wie fällt Ihre Antwort auf diese Frage heute aus?

Mohamed Abdilaahi:
Das ist eine schwierige Frage! Ich kann alles gut laufen. Welche Strecke mir am besten liegt, muss ich noch rausfinden. Mein Papa glaubt, dass ich ein geborener 10.000-Meter-Läufer bin. Ich bin der Meinung, dass ich eher ein 1.500-Meter- und 5.000-Meter-Läufer bin. Wer Recht behält, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Im vergangenen Sommer haben Sie bereits den Deutschen 5.000-Meter-Rekord von Dieter Baumann gebrochen. Jetzt haben Sie ihm die nächste Rekordmarke abgenommen. Einzig die Hallen- und Freiluftrekorde über 3.000 Meter haben noch Bestand. Wann fallen diese Marken?

Mohamed Abdilaahi:
Die 3.000 Meter sind zumindest im Freien eine Distanz, die selten gelaufen wird. Wenn es von der Saisonplanung her passt, versuche ich auf jeden Fall, auch diese Marken zu knacken. Aber letztendlich geht es nicht nur um die Zeiten, sondern auch darum, dass man sich weiterentwickelt, auch in taktischen Rennen. Ich möchte die Rekorde nicht erzwingen, sondern hoffe, dass sie irgendwann ganz befreit zum passenden Zeitpunkt zustande kommen.

Mit Ihrer Hallen-Bestzeit von 7:38,97 Minuten fehlt nicht mehr viel zum Deutschen Hallenrekord von Dieter Baumann, der bei 7:37,51 Minuten steht. In der Halle sind Sie in diesem Jahr allerdings nicht in Erscheinung getreten. Was waren die Hintergründe?

Mohamed Abdilaahi:
Tatsächlich hatte ich mit einem Start in Karlsruhe geplant. Aber ich war vor meinem Rennen in Valencia in der Sierra Nevada und da lag so hoher Schnee, dass ich sehr viele Trainingseinheiten auf dem Laufband absolvieren musste. Das war mein Körper nicht gewohnt. Nach Valencia hat mein hinterer linker Oberschenkel ein bisschen Probleme gemacht, weshalb wir die Hallensaison vorsichtshalber weggelassen haben. Die Probleme haben wir zum Glück schnell wieder in den Griff bekommen. Aber wir wollten mit den engen Kurven in der Halle nichts riskieren. Das war die richtige Entscheidung.

So konnten Sie sich ganz auf Ihr Trainingslager in Flagstaff und die Vorbereitung auf den ersten Freiluftwettkampf konzentrieren. Wie sahen die letzten Wochen vor dem Rekordrennen bei Ihnen aus?

Mohamed Abdilaahi:
Ich war in Flagstaff in der Höhe und habe mich den zwei Niederländern Mahadi Abdi Ali und Mike Foppen angeschlossen. Wir haben zusammengewohnt, gut trainiert und sind auch gemeinsam zum Wettkampf angereist. Es war wirklich ein cooles Camp mit den Jungs, das sind echt coole Typen. Wir haben viel Grundlagenausdauer trainiert und ein paar spezifische Einheiten. In San Juan Capistrano sind wir alle PB gelaufen, Mike Foppen hat auch den niederländischen Rekord verbessert. Das hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Wie geht es jetzt für Sie weiter, welche Ziele setzen Sie sich in diesem Jahr?

Mohamed Abdilaahi:
Die EM-Norm über 10.000 Meter habe ich ja abgehakt. Jetzt gilt es herauszufinden, über welche Strecken ich in Birmingham an den Start gehe und ob ich einen Doppelstart mache. Da gäbe es zwei Optionen: 1.500 und 5.000 Meter oder 5.000 und 10.000 Meter. Da müssen wir den Saisonverlauf noch abwarten. Ich habe jetzt erstmal die Zusage für die ersten beiden Diamond-League-Meetings in der Saison gegeben, in China. Da möchte ich gerne einsteigen. Danach sehen wir weiter.

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