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Ein Tag mit... Nadine Hildebrand

Bundeswehr, Studium, Halbtagsjob oder Profi-Sport - das Leben der Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ist unterschiedlich. leichtathletik.de darf einen Blick in ihren Alltag werfen und einen Tag hautnah dabei sein. Zuletzt haben wir Nadine Hildebrand (VfL Sindelfingen) einen Tag lang begleitet. Sie sorgt nicht nur über die kurze Hürdendistanz für Furore, sondern seit September vergangenen Jahres in einer Stuttgarter Kanzlei außerdem für Recht und Ordnung.
Lea Saur

Wer sich einen Eindruck von Nadine Hildebrands Alltagsleben verschaffen möchte, dem genügt im Grunde genommen ein Blick in ihr Zimmer. Denn dort steht nicht nur ein Möbelstück für ihre Kleidung, die sind in vier Kategorien aufteilt: „Büro-Kleidung, normale Alltagskleidung, Sportsachen und die Kleidung der Nationalmannschaft“, sagt die Hürdensprinterin.

Es ist ein tägliches Verwandlungsspiel, das Nadine Hildebrand betreibt. Normalerweise beginnt ein Tag mit ihr im Hosenanzug.

Nachteil und Vorteil Leistungssport

In einem stattlichen Haus auf der Stuttgarter Karlshöhe befindet sich der Arbeitsplatz der Juristin. Vor einem Jahr hat sie ihr Staatsexamen abgelegt und danach 30 Bewerbungen abgeschickt. Es hagelte Absagen und nur durch einen Glücksfall stieß Nadine Hildebrand auf ihren aktuellen Arbeitgeber, der ihr als einziger ein Bewerbungsgespräch angeboten hatte.

„Ich denke, die meisten Kanzleien haben meine Bewerbung einfach weggeschmissen. Die konnten nichts damit anfangen, dass ich Leistungssport betreibe, und deshalb nicht Vollzeit arbeiten kann und will“, sagt die Hürdensprinterin.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Eigenschaften wie Ehrgeiz, Motivation, Fleiß und Zuverlässigkeit, die uns Leistungssportler doch in außergewöhnlichem Maße auszeichnen, für die meisten nicht so viel zählen wie gute Noten. Mein Chef jetzt war der Erste und Einzige, der meinen Sport nicht als Nachteil, sondern als Vorteil gewertet hat.“

Sportliche Kanzlei

Seit September 2013 steigt sie nun fast täglich um 8:30 Uhr die roten Treppen in den zweiten Stock hinauf. Eine Kollegin ist schon da, der Rest kommt später. Dass Sport hier als mehr gilt, als ein Zeitfresser, spürt man. Der Umgang untereinander wirkt locker und ehrlich, die Türen stehen offen und die Arbeitsatmosphäre ist sehr konzentriert.

„Ich bin sehr froh, hier gelandet zu sein“, bestätigt Nadine Hildebrand den Eindruck. Damit sie genug Zeit für ihr Training hat, hat ihr Chef ihr angeboten, in Gleitzeit zu arbeiten „Bald wollen wir eine zweite Einheit am Tag machen, dann komme ich nur vier Tage in der Woche und bleibe an den anderen dafür etwas länger.“ So kann sie sich auch Zeit für Trainingslager und Wettkämpfe frei schaufeln.

Nicht nur ihr Chef unterstützt sie darin, auch ihre Kollegen haben Verständnis. „Hier sind alle sportlich, viele laufen Marathon.“ Als sie im Winter 7,91 Sekunden über 60 Meter Hürden sprintete, stand beispielsweise ein riesiger Blumenstrauß in ihrem Büro. Was auch eine angenehme Arbeitsatmosphäre schafft: Die philosophische Sprüche, die auf jedem Stockwerk im Treppenhaus hängen.

„Ich kann, weil ich will, was ich muss“

Die Entscheidung, Sport und Beruf parallel zu betreiben, war für Nadine Hildebrand eine einfache. „Ich brauche meinen Beruf zum Ausgleich“, sagt sie. „Ich könnte mich nicht den ganzen Tag nur mit Training beschäftigen, ich muss auch was für meinen Kopf tun.“

So wälzt sie vormittags Gesetze, diktiert Klagen, hält Vorträge, vertritt Mandanten. Einige ihrer Klienten erkennen die Hallen-WM-Achte. „Das passiert aber vor allem deshalb, weil mein Chef mich gerne so vorstellt“, sagt Nadine Hildebrand.

Eine Win-Win-Situation also für beide, sowohl Chef als auch Athletin. Und auch ihre Mutter profitiert teilweise von der Doppelbelastung der Hürdensprinterin.

Diätplan für die ganze Familie

Die Athletin wohnt in einer eigenen Wohnung im Haus ihrer Eltern. Gegessen wird gemeinsam. Doch was sagen ihre Eltern dazu, wenn wie jetzt in der Vorbereitung für die Saison strikte Diät angesagt ist?

„Mein Vater grummelt immer ein wenig, aber meine Mutter findet es gar nicht schlecht, dass sie meine Diätpläne mitmachen kann“, sagt Nadine Hildebrand. Praktisch für Nadine, dass ihre Mutter genau das kocht, was ihr Ernährungsberater vorgibt und sie so Zeit sparen kann. Denn schon bald schnappt Nadine Hildebrand ihre Sportklamotten und düst los zum Training.

Der Nase nach zum Kraftraum

Rasant biegt die Athletin um kurz nach fünf auf den Parkplatz des Sindelfinger Floschenstadions ein. Wer den Kraftraum sucht, kann im betagten Sportgebäude einfach seiner Nase folgen: Je näher wir der heutigen Krafteinheit kommen, desto mehr müffelt es.

Alles andere als mufflig ist die Stimmung im Geräteraum. Sabrina Lindenmayr, ebenfalls Sindelfinger Hürdensprinterin, wartet bereits auf ihre Trainingskollegin. Die beiden haben sich seit vier Wochen nicht gesehen, sie waren beide jeweils in Trainingslagern, und es gibt einiges zu erzählen!

Kommunikations- und Krafttraining

„Bei Helmut, unserem Kraftexperten, dürfen wir eher reden als bei den anderen Einheiten mit unserem Trainer Werner Späth“, sagt Nadine Hildebrand. Helmut Walentin kommt aus dem Gewichtheben, weiß also, wovon er spricht.

„Kraft – Energie – Ich kann“, so lautet sein Leitspruch fürs Krafttraining, den der Krafttrainer an die Wand gehängt hat. Nadine Hildebrand, setzt den eisernen Blick auf, den man von ihr im Hürdenrennen kennt. Auch wenn es in diesen Momenten nicht unbedingt danach aussieht: „Man muss grundsätzlich Spaß haben, sonst klappt das eben nicht“, sagt Nadine Hildebrand.

Trainergespann mit Herzblut

Damit es klappt mit ihrem erfolgreichen Start bei der EM in Zürich (Schweiz; 12. bis 18. August) stehen Helmut und ihr Trainer Werner Späth in engem Kontakt. Auch mit Bundestrainer Rüdiger Harksen hält das Trainer-Athletin-Gespann regelmäßig Rücksprache ab und bespricht die Trainingspläne. Die beiden kennen sich laut Nadine Hildebrand „seit gefühlt 140 Jahren“. Im Trainingslager in Clermont (USA) trainierte sie zusammen mit Carolin Nytra (MTG Mannheim) unter dem Bundestrainer. „Dann hat Werner auch mal Ruhe vor mir und kann mit seiner Frau in den Urlaub fahren“, sagt sie.

Denn ihr Trainer ist einer, der seine Freizeit in den Leichtathletik-Stätten dieser Welt verbringt und mit Herzblut bei der Sache ist. 1996 fuhr er mit Hürdensprinterin Birgit Hamann zu den Olympischen Spielen nach Atlanta  (USA), 2004 brachte er Stephanie Kampf über 400 Meter Hürden zu Olympia in Athen (Griechenland) – und er ist nicht weniger ehrgeizig geworden. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich das alles schaffen soll“, sagt Nadine Hildebrand. „Dann müssen Rüdiger oder seine Frau ihn bremsen.“


Eigentlich wollte Werner Späth gegen Ende seiner Trainerkarriere nur noch eine Athletin, Sabrina Lindenmayr, betreuen und seine Trainingsgruppe nicht erweitern. Doch als Nadine Hildebrand 2011 auf der Suche nach neuen Impulsen an seine Tür klopfte, zögerte er nicht lange. Bis heute erledigt er seine gesamte Arbeit für sie ehrenamtlich, ist weder bei Verband, noch beim Verein angestellt und nimmt nicht einmal eine Erstattung der Fahrtkosten in Anspruch.

Die Furcht zu irren

Und so schaut er auch heute noch im Training vorbei, auch wenn vor allem Kraft auf der Agenda stand. „Achtung, er kommt“, meldet sich Werner Späth selbst mit einem breiten Grinsen an. Er schaut ganz genau hin, wenn seine Athletin trainiert. Und die vertraut ihm blind. Das Vertrauen ist so groß, dass Nadine Hildebrand im Voraus gar nicht genau weiß, was sie trainieren wird.


„Am Anfang habe ich immer auf den Plan geschaut und gesehen, was Werner aufgeschrieben hat. Wenn er mir zuschaut und sieht, dass ich mal keinen so guten Tag habe, greift er sofort ein und reduziert das Training. Ich mache mir dann aber Gedanken darüber, dass ich nicht genug gemacht habe“, berichtet die Athletin. „Inzwischen haben wir vereinbart, dass ich eben nicht genau weiß, was wir machen. Das funktioniert super!“


Athletin und Trainer haben ihren Weg gefunden. Werner Späth findet ebenso wie Nadine Hildebrand den mentalen Ausgleich zum Sport wichtig und befürwortet, dass sie neben ihrer Leistungssportkarriere fast täglich in der Kanzlei arbeitet. Sein Kommentar zur Doppelkarriere seiner Athletin? „Phänomenal!“

Sprünge auf der Bowlingbahn

Nach der Krafteinheit stehen noch Sprünge auf dem Programm. Die absolvieren die beiden Athletinnen gemeinsam sowohl draußen auf der Bahn, als auch drinnen auf der Bahn, dort allerdings auf keiner herkömmlichen. „Das Ding hier ist uralt und nicht mehr in Benutzung“, sagt Trainer Werner Späth über die Bowlingbahn, die von den Leichtathleten umfunktioniert wurde: „Wir machen unsere Sprünge darauf, weil der Belag weicher ist, als der harte Steinboden. Aber jetzt wird hier endlich renoviert, das wird höchste Zeit!“


Verwandlungsfähigkeit beweisen die Sindelfinger also auch bei der Nutzung ihrer Trainingsstätte. Nach Ende der Krafteinheit wird es Zeit für den letzten Outfit-Wechsel Nadine Hildebrands an diesem Tag. Um 20 Uhr, nach knapp drei Stunden Training auf dem Leichtathletikgelände des VfL, geht’s los nach New York.

Von Sindelfingen nach New York

New York? Na gut, nach etwa 20 Minuten Autofahrt landen wir nicht direkt in der US-amerikanischen Metropole, aber in einem Gebäude, das ihren Flair durchaus aufgreift. Die New York City Dance School in Stuttgart bietet verschiedene Tanzkurse an, die Nadine Hildebrand regelmäßig besucht. Eigentlich wollte sie hier mit dem Steppen beginnen, „das ist ja auch gut für die Koordination“. Doch als der Kurs schon voll war, ließ sie sich zum Jazz Dance überreden – und blieb dabei.


„Besonders montags nach dem Krafttraining ist das super, weil wir uns am Anfang dehnen“, erzählte Nadine Hildebrand auf der Fahrt von Sindelfingen nach Stuttgart bei einem Eiweißshake. „Zugegeben, die Stabilisationsübungen sind für mich nicht so fordernd, aber dennoch ein guter Ausgleich.“


Die Musik läuft, die Tänzerinnen formatieren sich und Nadine Hildebrand wird für die letzten zwei Stunden ihres Tagesprogramms zur Jazz-Tänzerin. Gegen 22 Uhr wird sie nach Hause kommen, und dann mehr oder weniger auf direktem Weg schlafen gehen, um fit zu sein für ihren nächsten Verwandlungstag.

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