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Michael Adolf – Hin- und hergerissen zwischen Ambitionen und Rückschlägen

Ein Jahr mit vielen Leichtathletik-Höhepunkten neigt sich seinem Ende entgegen. Auf nationaler Ebene waren die Deutschen Meisterschaften in Berlin das Highlight des Sommers, bei denen acht Athletinnen und Athleten erstmals in ihrer Karriere ganz oben standen. Wir stellen sie vor. Heute: 400-Meter-Hürden-Läufer Michael Adolf (TSV Gräfelfing).
Jan-Henner Reitze

Michael Adolf
TSV Gräfelfing

Bestleistung:

400 Meter Hürden: 50,69 sec (2017)

Erfolge:

Deutscher Meister 2022

Ein technisches Detail, die Renntaktik oder komplett Abschalten. Damit beschäftigen sich die meisten Athletinnen und Athleten in den Stunden, bevor sie in ein Finale bei Deutschen Meisterschaften gehen. Ganz andere Gedanken gingen Michael Adolf im Juni in Berlin vor seinem Endlauf über 400 Meter Hürden durch den Kopf. Er stellte sich die Frage: „Wenn ich Deutscher Meister werde, höre ich dann auf? Kann danach überhaupt noch etwas Besseres kommen?“

Hintergrund dieser Überlegung: Seit Jahren versucht der 25-Jährige, den Anschluss in Richtung internationaler Spitze herzustellen. Nach einem unbeschwerten Aufstieg und ersten Erfolgen in der Jugend steht die Bestzeit (50,69 sec) mittlerweile seit fünf Jahren. Der Spaß am Sport ging zwischenzeitlich verloren, auch der Glaube an das eigene Potenzial litt, dazu kamen immer wieder verletzungsbedingte Rückschläge.

Im DM-Finale von Berlin lief der Athlet des TSV Gräfelfing dann mit der zweitschnellsten Zeit seiner Karriere (51,25 sec) tatsächlich zum Titel. Und beantwortete in den Tagen danach für sich die Frage nach seiner sportlichen Zukunft: „Ich habe wieder Spaß, der mich zu diesem Titel geführt hat, ich möchte weiter für meinen Verein angreifen und auch meine großen Ziele wie eine Zeit unter 50 Sekunden sind noch nicht abgehakt. Ich mache weiter.“

Behutsamer Einstieg in den Leistungssport

In seiner Kindheit ging Michael Adolf zuerst zum Judo-Training. Weil diese Sportart nicht so richtig zu ihm passte, versuchte er es dann beim DJK Ingolstadt mit der Leichtathletik, die ihm besser gefiel. „Der große Überflieger war ich nicht, es gab in der Region immer ein, zwei Jungs in meiner Altersklasse, die zum Beispiel im Dreikampf besser waren. Mit meiner Gruppe und meinen zwei Trainerinnen habe ich das Training dann Schritt für Schritt gesteigert und die Leistungen verbessert.“

So war der damalige Schüler auf Landesebene bald einer der Besten in seinem Jahrgang, und der damalige Landestrainer Andreas Knauer brachte die Idee auf, es doch mal über die Langhürden zu versuchen. Mit dem bayerischen Meistertitel über 300 Meter Hürden (40,79 sec) in der Altersklasse M15 klappte das im Jahr 2011 auf Anhieb gut. Ein Jahr später stand der U18-Athlet dann schon auf nationaler Ebene im Finale der Jugend-DM in Mönchengladbach über 400 Meter Hürden und wurde dort Fünfter (55,06 sec).

Schon im Jahr darauf ließ der damals 16-Jährige bei der Jugend-DM in Rostock in 52,88 Sekunden die gesamte nationale U18-Konkurrenz hinter sich. Zwei Jahre später gelang durch die Bestzeit von 51,77 Sekunden sogar die Qualifikation für die U20-EM in Eskilstuna (Schweden). Nach und nach war die Leichtathletik mehr als ein Hobby geworden, was sich auch im Status als Bundeskaderathlet ausdrückte. „Ich bin da ganz unbeschwert hineingewachsen.“

Beim Debüt im Nationaltrikot zeigte die Langhürden-Strecke aber auch ihre Tücken. „Im Halbfinale bin ich an der neunten Hürde gestürzt“, erzählt Michael Adolf. „Ich war technisch und von der Renneinteilung her einfach noch nicht stabil.“ Auch mit Verletzungen musste der Athlet schon in jungen Jahren fertig werden, Ermüdungsbrüche in den Wadenbeinen machten die Saison 2014 zunichte, 2016 ein Bänderriss im Sprunggelenk. Dennoch blieb der Alltag auch nach dem Schulabschluss auf den Leistungssport ausgerichtet.

Anschluss an internationale Spitze bleibt aus, Spaß geht verloren

Um in der Nähe seiner Heimat zu bleiben und weil dort mit dem Maschinenbau-Studium an der Hochschule München und der Gruppe von Andreas Knauer gute Trainingsmöglichkeiten geboten waren, fiel die Entscheidung für den Umzug in die bayerische Landeshauptstadt. „Dort wurde mir auch mit dem Olympiastützpunkt ein tolles Paket geboten.“

Seine Bestzeit als DM-Vierter 2017 in Erfurt (50,69 sec) lief der Langhürdler noch im Trikot seines langjährigen Vereins, des DJK Ingolstadt, 2018 erfolgte der Wechsel zur LG Stadtwerke München. Der internationale Durchbruch glückte aber auch im abschließenden U23-Jahr nicht. Die erneute Qualifikation für den Bundeskader blieb aus. Das Gefühl kam auf, abgeschrieben worden zu sein. Der damals 22-Jährige bemerkte, dass ihm der Spaß am Sport abhandengekommen war.

Neuanfang beim TSV Gräfelfing

Gleichzeitig schuf der TSV Gräfelfing ein Team von nationalen Top-Athleten, die auch als Vorbilder für den eigenen Nachwuchs fungierten sollten. Zu ihnen gehörten etwa der mehrfache Deutsche 400-Meter-Meister Johannes Trefz oder der EM-Teilnehmer über 400 Meter Hürden von 2012 und 2016 Tobias Giehl sowie auch Michael Adolf. Das Training übernahm federführend Peter Rabenseifner, auch mit Blick auf eine starke Staffel.

Für Michael Adolf war dieser Wechsel auch ein bisschen eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, die er aus Ingolstadt kannte. Die Leichtathletik-Abteilung in Gräfelfing war deutlich kleiner als die der LG Stadtwerke München, die Atmosphäre entsprechend familiär. Der Leistungssportler begann, sich auch als Trainer in der Kinderleichtathletik seines Vereins zu engagieren. So kam auch der Spaß am Sport zurück. „Hier fühle ich mich heimisch.“

Sportlich folgte allerdings erneut ein Rückschlag. Nachdem die Saison 2019 mit Bestzeiten über 100 Meter (10,47 sec), 200 Meter (21,23 sec) und 400 Meter (47,86 sec) so gut anlief wie nie zuvor, riss an der zweiten Hürde im DM-Finale in Berlin eine Sehne in der Hüfte. Das bedeutete wieder einmal ein halbes Jahr Verletzungspause. Danach machte es die Corona-Pandemie nicht einfacher, seine Stärke wiederzufinden.

DM-Titel weckt neue Motivation

Die Deutschen Meisterschaften in Berlin in diesem Jahr boten die Chance auf ein Erfolgserlebnis, da mit Constantin Preis (VfL Sindelfingen) oder Luke Campbell die Titelträger der vergangenen Jahre nicht am Start waren und auch der spätere EM-Fünfte Joshua Abuaku (beide Eintracht Frankfurt) fehlte. Michael Adolf ergriff diese Chance und kam bei seinem DM-Gold seiner Bestzeit so nah wie seit fünf Jahren nicht mehr, auch mental ein wichtiger Erfolg. „Ich bin mit Spaß gelaufen, das gibt zusätzlich ein gutes Gefühl. Endlich habe ich mal wieder etwas erreicht, was mir gut tut.“

Es bleibt aber auch die Überzeugung, der anspruchsvollen 400-Meter-Hürden-Strecke noch nicht die bestmögliche Leistung abgetrotzt zu haben. „Die grundsätzliche Frage bei meinen Rennen ist: Wie bekomme ich meine Schnelligkeit über die Distanz von 400 Meter Hürden?“, so der Deutsche Meister, dem für seinen Master in Fahrzeugtechnik nur noch die Abschlussarbeitet fehlt. „Ich muss schnell angehen, weiß aber gleichzeitig, dass es dann hinten raus ganz schwer wird. Das ist vor allem eine Aufgabe für den Kopf, an der ich auch mit einem Mentaltrainer arbeite.“

Seine Überlegungen über ein mögliches Karriereende haben also letzten Endes zu dem Schluss geführt, dass nach dem deutschen Meistertitel noch etwas Besseres kommen kann. Dazu zählt nicht nur eine Zeit unter 50 Sekunden, sondern auch die Möglichkeit, bei der EM 2024 in Rom (Italien) wieder ins National-Trikot schlüpfen zu dürfen. Im nächsten Jahr sind erst einmal die Deutschen Meisterschaften in Kassel das große Ziel. Und der Ausblick darauf macht deutlich, dass der Sieg in Berlin neue Motivation und Zuversicht freigesetzt hat. „Als Titelverteidiger werde ich in Kassel niemanden so einfach vorbeiziehen lassen.“

Video: Michael Adolf erfüllt sich Traum vom DM-Titel
Video-Interview: Michael Adolf: "Nochmal doppelt geil hier den Meistertitel zu holen"

Das sagt Bundestrainer Volker Beck:

Michael hat die Chance genutzt und sich verdient in Berlin den Meistertitel geholt. Sein Ziel war auch ein Start bei der EM in seiner Heimat München. Das hat leider nicht funktioniert.

Schon als Deutscher U18-Meister in Rostock hat Michael auf sich aufmerksam gemacht. Mit seinen Bestzeiten über 100 Meter und 200 Meter bringt er sehr gute Zubringerleistungen auf der Unterdistanz mit. Leider ist es nicht gelungen, die Tempohärte und die Hürdenspezifik auszubauen, um diese Schnelligkeit auch über die 400 Meter Hürden zu bringen. So kam es zu keiner Weiterentwicklung auf dieser Strecke.

Ich habe Michael als intelligenten, zuverlässigen und ehrlichen Athleten kennen gelernt. Er ist unserer Disziplin treu geblieben. Um noch einmal einen Schritt nach vorne zu machen, müsste er in seinem Trainingssystem Veränderungen vornehmen.

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