| Disziplin-Check 2020

HÜRDENSPRINT MÄNNER | Die Rückkehr der Routiniers

Abgebrochene Trainingslager, phasenweise sportlicher Stillstand, die Olympia-Absage, eine zaghafte Rückkehr ins Training, erste Wettkämpfe und dann doch noch eine Late Season mit einigen bemerkenswerten Leistungen: Die Saison 2020 im Jahr der Corona-Pandemie war eine ganz besondere, die allen Beteiligten viel abverlangt hat. Wir blicken mit den Disziplinverantwortlichen im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zurück auf die vergangenen Monate, ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick auf die Olympia-Saison 2021. Heute: der Hürdensprint der Männer
Silke Bernhart

Fazit des Bundestrainers:

Alexander John, wie haben Sie persönlich das Corona-Jahr 2020 erlebt  – als Bundestrainer und als Heimtrainer?

Alexander John:

Es war mein erstes Jahr als Bundestrainer. Nachdem 2019 nicht so verlaufen war, wie wir uns das vorgestellt hatten, mit der verletzungsbedingten WM-Absage von Gregor Traber, haben wir große Hoffnungen in das Olympia-Jahr 2020 gesetzt. Die Hallensaison begann vielversprechend, mit dem Meistertitel von Gregor, auch die U23-Athleten Stefan Volzer und Tim Eikermann haben sich nach einem holprigen Start gut präsentiert. Dann kam die Corona-Bombe, mit der Absage der Hallen-WM, dem Lockdown und der Olympia- und EM-Absage.

Die Athleten hatten an ihren Stützpunkten unterschiedliche Rahmenbedingungen. Die U23er in Leverkusen und Stuttgart waren benachteiligter als wir in Leipzig. Ein zielorientiertes, disziplinspezifisches Training war für sie über vier bis sechs Wochen nicht möglich. In Leipzig konnten wir unter Berücksichtigung der Hygiene-Regeln relativ schnell wieder durchgängig gut trainieren.

Mit Ronald Stein habe ich in Leipzig einen erfahrenen Trainer an meiner Seite. Uns war relativ schnell klar: Wir müssen trotz der Ungewissheit lösungsorientiert arbeiten und brauchen Wettkämpfe, um den Athleten die Ungewissheit zu nehmen und Kontinuität reinzubringen

Was waren die größten Herausforderungen für Sie und die deutschen Hürdensprinter?

Alexander John:

Am Anfang war das besonders die Ungewissheit. Machen wir dieses Jahr überhaupt noch Rennen? Im Hürdensprint braucht man viele Wiederholungen. Bei den Flachsprintern ist das einfacher, die können sich auch über Wettkämpfe in Form laufen. Wenn Hürdensprinter vorher kein disziplinspezifisches Training haben, dann wird es schwierig.

Die Situation war für die etwas älteren Athleten wie Erik Balnuweit und Gregor Traber schwieriger, sie sind mit dem Wegfall der Olympischen Spiele erstmal in ein mentales Loch gefallen. Gregor hatte schon in der Hallensaison leichte Knieprobleme, wir haben uns dann dazu entschieden, die Saison dazu zu nutzen, das komplett auszukurieren, und eine Athroskopie vornehmen lassen. Die ist sehr gut verlaufen, Gregor ist wieder planmäßig im Training. Bei Erik haben wir das Motivationsproblem über kleine Zwischenziele wie Grundschnelligkeit oder Hürdenüberquerung auch recht schnell lösen können.

Bei den Jüngeren war es in dieser Hinsicht einfacher. Da ging es darum, die Motivation dafür zu vermitteln, dass auch auf dem Waldboden oder auf Parkplätzen Anbahnungsübungen möglich sind. Und nachdem klar war, dass es eine Late Season gibt, waren sie sowieso wieder Feuer und Flamme.

Welche Athleten haben sich 2020 trotz der veränderten Rahmenbedingungen am positivsten entwickelt?

Alexander John:

Zunächst muss ich allen ein riesen Kompliment machen. Die Situation und die unterschiedlichen Rahmenbedingungen waren für alle extrem schwierig. Im Hürdensprint ist es da ähnlich wie im Stabhochsprung: Wenn du nicht disziplinspezifisch trainieren kannst, kommst du nicht richtig voran.

Matthias Bühler, der eigentlich nach 2018 schon seine Karriere beendet hatte, konnte sich wieder als Deutscher Meister präsentieren, das hat er hervorragend gemacht, er hat sich in Stuttgart vorbereitet und musste dort unter strengen Hygienerichtlinien trainieren. Erik Balnuweit konnte sich über die Wettkämpfe kontinuierlich steigern und hat sich auch noch sehr, sehr ordentlich präsentiert. In der Jugend hat Gregory Minou gerade unter den beschriebenen Voraussetzungen eine herausragende Leistung gezeigt.

Wie wollen und können Sie die Kader-Arbeit in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in den kommenden Monaten gestalten?

Alexander John:

Wir haben aus dem ersten Lockdown gelernt. Im Frühjahr haben wir gesehen, dass wir Kontinuität brauchen, dass wir mit den Athleten in Interaktion treten und Maßnahmen schaffen müssen, um wettkampfnah zu trainieren. Im Juni konnten wir eine Teamwoche in Kienbaum anbieten, ich glaube, davon haben alle Athleten extrem profitiert und Motivation geschöpft. Das wollen wir im November nochmal machen und hoffen, dass wir im Januar ähnliche Maßnahme durchführen können.

Darüber hinaus haben wir mehrere Jahrespläne entwickelt, wobei der Optimalplan zurzeit schwer vorstellbar ist. Plan B beinhaltet Maßnahmen innerhalb Europas, Plan C das Training in Deutschland. Wir sind vorbereitet und flexibel, wir wollen die Athleten mitnehmen und werden die bestmögliche Vorbereitung umsetzen.

Welche Präsenz und Leistung erhoffen Sie sich in Tokio von den deutschen Hürdensprintern?

Alexander John:

Ich denke, die Athleten können jetzt besser mit der Situation umgehen als noch im Frühjahr, sie werden besser trainieren und auch nicht in ein Motivationsloch fallen, trotz des nächsten Lockdowns. Daher hoffe ich, dass unsere Topathleten die gesteckten Ziele erreichen können. Für Gregor Traber lautet das: Olympische Spiele und der Einzug ins Finale. Mit Erik Balnuweit und Matthias Bühler haben wir zwei weitere Olympia-Kandidaten, die sich über das World Ranking qualifizieren können.

Für die Disziplinentwicklung schätze ich persönlich auch die U23-EM als sehr wichtig ein. Dort möchten wir im besten Fall mit drei Athleten vertreten sein. Das größte Potenzial würde ich hier Stefan Volzer und Tim Eikermann attestieren, aber auch Aleksandar Gacic ist in der Lage, dort eine Rolle zu spielen.

Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen blicken Sie aufs Leichtathletik-Jahr 2021

Alexander John:

Ich habe den Posten im vergangenen Jahr angenommen und meine einführenden Worte waren, dass wir uns als Hürdenteam präsentieren müssen. Ich hatte in der Vergangenheit das Gefühl, dass wir das noch nicht hundertprozentig geschafft haben. Und ich habe immer gesagt, dass wir mehr im Team arbeiten und all unsere Expertise in die Waagschale werfen müssen, um das Bestmögliche aus den Athleten herauszuholen. Weil wir auch in Deutschland genügend Potenzial haben, um in der europäischen und auch der Weltspitze mitzulaufen. Das hat sich über die Jahre gezeigt. Mein Wunsch wäre, dass wir enger und besser zusammenarbeiten, um wieder an erfolgreiche Zeiten anzuknüpfen.
 

Unser "Ass des Jahres"

Matthias Bühler (TV Haslach)

Deutscher Meister 110 Meter Hürden
Deutsche Jahresbestleistung in 13,60 Sekunden

Unser "Talent des Jahres"

Gregory Minou (TV Angermund)

Deutscher U20 Meister über 110 Meter Hürden (Freiluft) und 60 Meter Hürden (Halle)
Deutsche Jahresbestleistungen der U20 in 13,68 und 7,83 Sekunden
 

Die deutschen Top Ten 2020

Zeit Name Jahrgang Verein
13,60 sec Matthias Bühler 1986 TV Haslach
13,67 sec Erik Balnuweit 1988 TV Wattenscheid 01
13,86 sec Georg Fleischhauer 1988 LG Eintracht Frankfurt
14,06 sec Yannick Spissinger 1995 MTG Mannheim
14,14 sec Kai Kazmirek 1991 LG Rhein-Wied
14,16 sec Tim Eikermann 2000 TSV Bayer 04 Leverkusen
14,21 sec Stefan Volzer 2000 VfL Sindelfingen
14,28 sec Aleksandar Gacic 1999 VfL Sindelfingen
14,39 sec Albert Kreutzer 2001 LAV Bayer Uerdingen/Dormagen
14,45 sec Marius Lewald 1999 TV Wattenscheid 01


Statistik – Das sagen die Zahlen

Das deutsche Top-Niveau: 110 Meter Hürden

Jahr =/<13,48 sec* Schnitt Top 3 Schnitt Top 5 Schnitt Top 10
2005 1 13,51 13,56 13,66
2006 1 13,52 13,61 13,74
2007 1 13,51 13,59 13,71
2008 13,52 13,56 13,67
2009 3 13,37 13,42 13,52
2010 1 13,49 13,51 13,62
2011 2 13,47 13,51 13,66
2012 4 13,38 13,44 13,62
2013 2 13,46 13,53 13,69
2014 3 13,43 13,49 13,61
2015 3 13,37 13,48 13,67
2016 4 13,34 13,40 13,64
2017 2 13,47 13,53 13,68
2018 2 13,41 13,56 13,69
2019 1 13,58 13,72 13,97
2020 13,71 13,87 14,08


Jahresbestleistungen im internationalen Vergleich: 110 Meter Hürden

Jahr Deutschland Europa Diff. Welt Diff.
2005 13,31 (Blaschek) 12,97 (Doucouré/FRA) 0,34 12,97 (Doucouré/FRA) 0,34
2006 13,33 (Blaschek) 13,15 (Olijars/LAT) 0,18 12,88 (Liu/CHN) 0,45
2007 13,33 (Blaschek) 13,22 (Demydyuk/UKR) 0,11 12,92 (Liu/CHN) 0,41
2008 13,49 (Blaschek) 13,22 (Doucouré/FRA) 0,27 12,87 (Robles/CUB) 0,44
2009 13,35 (John) 13,30 (Turner/GBR) 0,05 13,04 (Robles/CUB) 0,31
2010 13,47 (John) 13,27 (Svoboda/CZE) 0,20 12,89 (Oliver/USA) 0,58
2011 13,45 (John) 13,22 (Turner/GBR) 0,23 12,94 (Oliver/USA) 0,51
2012 13,34 (Bühler) 13,09 (Shubenkov/RUS) 0,25 12,80 (Merritt/USA) 0,54
2013 13,44 (Balnuweit) 13,12 (Martinot-Lagarde/FRA) 0,32 13,00 (Oliver/USA) 0,44
2014 13,39 (Bühler) 12,95 (Martinot-Lagarde/FRA) 0,44 12,94 (Parchment/JAM) 0,45
2015 13,31 (Traber) 12,98 (Shubenkov/RUS) 0,33 12,94 (Ortega/CUB) 0,37
2016 13,21 (Traber) 13,04 (Ortega/ESP) 0,17 12,98 (McLeod/JAM) 0,23
2017 13,41 (Traber) 13,01 (Shubenkov/ANA) 0,40 12,90 (McLeod/JAM) 0,51
2018 13,26 (Traber) 12,92 (Shubenkov/ANA) 0,34 12,92 (Shubenkov/ANA) 0,34
2019 13,37 (Traber) 13,05 (Ortega/ESP) 0,32 12,98 (Holloway/USA) 0,39
2020 13,60 (Bühler) 13,11 (Ortega/ESP) 0,49 13,11 (Ortega/ESP) 0,49


Das fällt auf:

  • Matthias Bühler ist wieder da! Nach den Jahren 2012 und 2014 führt er im Alter von nunmehr 34 Jahren erneut die deutschen Ranglisten an und hat sich bei der DM in Braunschweig in Abwesenheit des zuletzt dominierenden Gregor Traber (LAV Stadtwerke Tübingen) auch seinen achten deutschen Meistertitel geschnappt.
  • Mit Georg Fleischhauer hat sich ein weiterer Routinier zurückgemeldet, der eigentlich auf den 400 Meter Hürden zuhause war und sich schon zum Bob-Sport verabschiedet hatte. Als Deutscher Vizemeister stellte der 32-Jährige in Braunschweig eine neue Bestzeit auf.
  • Der Saison-Verzicht von Gregor Traber spiegelt sich nicht nur im überraschenden DM-Ergebnis wider, sondern auch in der deutschen Leistungsbilanz, denn zu seinem Niveau aufschließen konnte niemand: Die Top Drei-, Top Fünf- und Top Ten-Schnitte waren 2020 so hoch wie nie seit Beginn unserer Statistik.
  • In Deutschland klafft in der Generation der in den 1990er Jahre geborenen Hürdensprinter eine große Lücke: Die deutschen Top Drei des Jahres sind 32 Jahre und älter, die Top Fünf bis Top Zehn 20 Jahre und jünger.
  • Die U23-Athleten nehmen im kommenden Jahr die 14-Sekunden-Marke ins Visier. In der U20 rückt mit Gregory Minou ein Talent des Jahrgangs 2002 nach, er hat als Sieger der Hallen- und Freiluft-DM jeweils mit großen Leistungssprüngen gezeigt, dass er mit dem richtigen Fokus viel erreichen kann.
  • Erstmals seit 2002 ist die Weltjahresbestzeit wieder über 13 Sekunden gerutscht. Die Top-Zeiten des Jahres stammen fast alle aus demselben Rennen der Diamond League in Monaco.
  •  Weltweit hat sich im Corona-Jahr nicht viel bewegt auf dieser Strecke: 2020 reichten für einen Platz in den Top 20 der Welt 13,49 Sekunden, 2019 brauchte man dafür eine Zeit von 13,33 Sekunden.

leichtathletik.TV-Clips:

60 Meter Hürden   100/110 Meter Hürden

Die Disziplin-Analysen im Überblick:

Sprint Frauen
Sprint Männer
Langsprint Frauen
Langsprint Männer
Mittelstrecke Frauen
Mittelstrecke Männer
Langstrecke Frauen
Langstrecke Männer
Hürdensprint Frauen

* als Referenzwert dient die WM-Norm des Jahres 2017

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