| Berlin 2008 – Berlin 2018

Unsere Zeitreise mit... Carolin Schäfer: Ganz großes Mehrkampf-Herz

Steigen Sie ein und schnallen Sie sich an. Wir nehmen Sie mit auf eine Zeitreise. Eine Reise, die im Sommer 2008 bei den Deutschen Jugend-Meisterschaften im Berliner Olympiastadion beginnt. Eine Reise, die im Sommer 2018 bei den Europameisterschaften im Berliner Olympiastadion ihren Höhepunkt finden soll. Berlin 2008 – Berlin 2018. Gestern und Heute. Now and then. In dieser Woche ist Ihre Reiseleiterin: Siebenkampf-Vize-Weltmeisterin Carolin Schäfer.
Pamela Ruprecht

Ein Stern geht auf: Drei internationale Medaillen in der Jugend

Die Erfolgsgeschichte von Carolin Schäfer (LG Eintracht Frankfurt) beginnt eigentlich schon 2007, „ihrem Kinderjahr“, wie sie selbst rückblickend sagt. Als Küken gewinnt die damals 15-Jährige bei den U18-Weltmeisterschaften in Ostrava (Tschechien) im ersten Jugend-Jahr die Silbermedaille. Eine große Überraschung…

„Es war schon bei der Qualifikation in Bernhausen überraschend für mich, dass ich sogar auch die Norm für die U20-EM geschafft habe. Für mich war es natürlich ein Highlight, nach Ostrava zu fahren und mit 15 meine erste internationale Meisterschaft erleben zu dürfen. Ich habe mich damals schon als Mehrkämpferin verstanden, ich habe ein absolutes Mehrkampf-Herz. Die Frage der Spezialisierung hat sich für mich nie gestellt, ich habe schon immer diese Abwechslung im Training gebraucht. Ich konnte auch nichts wirklich richtig, sondern alles eben gut (lacht). Ich hatte bis zur U18-WM parallel Handball gespielt und daher eine breite motorische Ausbildung: Ausdauer, Schnelligkeit und Kraft. Mein damaliger Leichtathletik-Trainer Jörg Graf war sehr konsequent im Training und meine Einstellung war in der Jugend schon sehr zielstrebig. Ich wusste, wo ich hin will und habe dafür gearbeitet.“

Bei den U20-Weltmeisterschaften im Jahr darauf in Bydgoszcz (Polen) stand Carolin Schäfer als U18-Athletin ganz oben. Den Qualifikations-Wettkampf bestritt sie aus „jugendlichem Leichtsinn heraus“, denn eigentlich hieß es erstmal Reinschnuppern in der nächsthöheren Jugend-Klasse, der sie genau genommen noch gar nicht angehörte. Die Konkurrenz war im Schnitt zwei, drei Jahre älter, das war in dem Fall ein Vorteil…

„Ich bin unter diesen Voraussetzungen ganz entspannt in den Wettkampf gegangen. Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet und mein Leistungspotenzial abgerufen. Dass ich als Jüngste so auftrumpfe, hat die Älteren erstmal in Schockstarre versetzt. Ich galt nicht als Favoritin und bin die zwei Tage durchmarschiert. Das war für mich der bis dahin größte Erfolg in meiner Jugend. Es war für mich einer der leichtesten Wettkämpfe, weil ich mir gar keine Gedanken gemacht habe."

Wenige Wochen nach der U20-WM fanden für die Nachwuchs-Athleten die Deutschen Jugend-Meisterschaften an einem besonderen Ort statt: Im Berliner Olympiastadion. Carolin Schäfer trat über die 200 Meter an, wurde im Vorlauf Zweite hinter Friederike Möhlenkamp und qualifizierte sich für das B-Finale. Auf eine Final-Teilnahme verzichtete die frisch gebackene U20-Weltmeisterin allerdings…

„Da die hygienischen Bedingungen bei der U20-WM in Bydgoszcz nicht so toll waren, haben sich einige Athleten Floh-Bisse eingefangen. Ich hatte meine Beine komplett voll mit sowas wie Mückenstichen. Zum Zeitpunkt der Jugend-DM habe ich noch Antibiotika genommen, wollte aber unbedingt in diesem historischen und imposanten Olympiastadion laufen. Deshalb bin ich nur über 200 Meter angetreten. Im Finale bin ich nicht mehr gestartet, weil ich körperlich so angeschlagen war und es einfach nicht mehr ging.“

Das nächste Jahr war für Carolin Schäfer eine neue Situation. Als U20-Weltmeisterin war sie für die anstehenden U20-Europameisterschaften in Novi Sad (Serbien) natürlich die große Favoritin und musste zum ersten Mal lernen, mit Druck umzugehen…

„Schon meine Vorbereitung stand unter keinem guten Stern. Ich hatte Verletzungsprobleme, war nicht in der gewünschten Form. Dazu kam der zusätzliche Druck als U20-Weltmeisterin anzureisen. Im Nachhinein war das ein unfassbar emotionaler Wettkampf für mich. Der erste Tag hat überhaupt nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, weil ich mich fragte, wie soll ich das noch schaffen. Es gab für mich damals nur Sieg oder Niederlage. Es war für mich schwierig, einzusehen, dass man nicht nur gewinnen, sondern auch verlieren kann. Die Hauptfavoritin hat sich im Weitsprung dann verletzt und ich war plötzlich wieder mittendrin im Medaillenkampf und habe doch noch Gold geholt. Das war für mich ein Lern-Wettkampf, der mir gezeigt hat, dass der Mehrkampf von Höhen und Tiefen geprägt ist.“

Radikale Veränderung bringt Aufschwung in der Frauen-Klasse

Bei den U23-Europameisterschaften 2011 in Ostrava hat Carolin Schäfer nach ihrem Verletzungsjahr 2010 den nächsten Schritt gemacht und sich als Fünfte der magischen 6.000-Punkte-Marke angenähert. Dies hatte sie der guten Zusammenarbeit mit ihrem neuen Coach Gyula Kovacs zu verdanken, bei dem sie von Ende 2010 bis 2011 trainierte. Ihr Trainer verstarb allerdings zwei Wochen vor der U23-EM plötzlich und unerwartet. Sie schloss sich darauffolgend im November 2011 der Frankfurter Trainingsgruppe von Jürgen Sammert an. Das Training brachte die erhofften Fortschritte: Mit dem ersten 6.000-Punkte-Siebenkampf 2012 in Ulm qualifizierte sie sich im Olympiajahr für die EM in Helsinki (Finnland) – ihrem ersten internationalen Wettkampf bei den Frauen…

„Für mich war das extrem schön, in Ulm an der Olympia-Norm zu schnuppern, auch wenn ich dieses Mal noch nicht mitgefahren bin. Die erste EM war für mich eine sehr besondere Erfahrung, weil es nicht mehr die Junioren-Klasse war. Ich war wie ein Fisch im Haifischbecken. Entscheidend ist, wie man bei den Erwachsenen abschneidet. Der zehnte Platz und ein weiterer Siebenkampf über 6.000 Punkte waren für mich ein guter Einstieg bei den Frauen.“

Nach dem anschließenden „Seuchenjahr“ 2013 beschloss Carolin Schäfer eine 180 Grad-Drehung. Sie achtete fortan auf ihre Ernährung, stellte das Trainingskonzept um und nahm sich einen Sportpsychologen an die Seite. Denn sie wusste: „Ich muss etwas ändern, um in der Weltspitze der Erwachsenen anzukommen. Ich habe so viele Jugend-Erfolge gefeiert, das kann es noch nicht gewesen sein.“ Die Veränderungen zahlten sich in der nächsten Saison aus: 2014 kam im Mehrkampf-Mekka Götzis (Österreich) die starke Steigerung auf 6.386 Punkte. Bei den Europameisterschaften in Zürich (Schweiz) gelang der Sprung bis auf Platz vier. Statt Wehmut über die verpasste Medaille überwog in dem Jahr die Freude…

„Es war als Kind schon immer mein Traum gewesen, eines Tages beim weltgrößten Mehrkampf-Meeting in Götzis zu starten. Dieses Gefühl konnte ich dann beim Saisoneinstieg 2014 live miterleben. Als ich dann bei der EM in Zürich über die Ziellinie gelaufen bin, hat es sich angefühlt, als hätte ich eine Medaille gewonnen. Ich war die glücklichste Vierte dieser EM, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Gerade wegen des Weges, den ich gegangen bin, um an die Spitze anzuknüpfen, war der Platz mehr wert als alles andere. Rückblickend war es für meinen sportlichen Werdegang genau richtig, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Medaille gewonnen habe. Das hätte sonst viel verändert. So ist der Reiz geblieben, mir das erst Stück für Stück zu erarbeiten.“

2015 sollte es für Carolin Schäfer sportlich weiter bergauf gehen. Doch das Jahr begann mit einem persönlichen Schicksalsschlag, dem Verlust ihres damaligen Freundes. Trotz der schweren Gefühlslage nahm sie wenige Wochen später an der Hallen-EM in Prag teil, brach den Wettkampf ab, und stellte sich auch der WM in Peking…

„Für mich war der Verlust meines Freundes ein Moment, in dem die Welt still stand. Das zu verarbeiten ist ein Prozess, den man durchlebt. Es war sicher die schlimmste Zeit in meinem Leben. Aus diesem Loch wieder herauszukommen, hat extrem viel Kraft gekostet. Der Sport war in dieser Zeit ein wichtiger, struktureller Ablauf innerhalb meines Alltags. Für mich war es wichtig, trotzdem nach Prag zu fahren – allein schon wegen der Zeit, die ich in die Vorbereitung investiert hatte und dadurch meinen damaligen Freund nicht sehen konnte. Es war für mich die absolut richtige Entscheidung, die ich nicht bereue. Nach der WM-Qualifikation in Götzis habe ich mich ehrlicherweise ausgebrannt gefühlt. Die WM in Peking war nach dem Unfall die Möglichkeit, mich wieder der Öffentlichkeit zu stellen. Im Nachhinein war es extrem wichtig, diese schwere Erfahrung in Peking zu machen und nicht erst ein Jahr später bei den Olympischen Spielen, wenn ich die WM ausgelassen hätte.“

2017 erfüllen sich alle Träume: WM-Medaille und sensationalle Punktzahl

Im anschließenden Olympia-Jahr stieg Carolin Schäfer stärker denn je in die Saison ein. Beim Mehrkampf-Meeting in Götzis sammelte sie stolze 6.557 Punkte. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (Brasilien) sollte sie mit Platz fünf ein Highlight erleben....

„Nach Peking habe ich versucht, mein Leben komplett neu auszurichten. Ich habe innerlich den Drang verspürt, weiter Sport zu machen. Ich hatte einfach das Gefühl, ich bin noch nicht fertig, ich möchte noch viel mehr erreichen. Und ich wusste, dass noch viel mehr in mir steckt. Mit dieser Motivation bin ich in die Vorbereitung auf 2016 gegangen. Mir war schon innerhalb der Saison klar, dass Rio womöglich der bis dahin größte Erfolg meiner Karriere werden könnte. Man spürt das als Athlet vorher. Ich wollte nach meinen starken Siebenkämpfen in Götzis und Ratingen nicht nur dabei sein, sondern die zwei Tage so gestalten, dass ich sagen kann, ich habe alles gegeben und ich mit einer guten Platzierung nach Hause fahre.“

Aber das war noch lange nicht alles: 2017 legte Carolin Schäfer im österreichischen Mehrkampf-Mekka den Siebenkampf ihres Lebens hin. Sie sammelte 6.836 Punkte und stößt als fünftbeste deutsche Mehrkämpferin aller Zeiten in eine neue Dimension vor…


„Für mich lag diese Punktzahl außerhalb meiner Vorstellungskraft. Mein Kindheits- und Jugendtraum war schon immer, eine internationale Medaille zu gewinnen und 6.600 Punkte zu schaffen. Das lag daran, dass Jenny [Oeser] und Lilly [Schwarzkopf] für mich das Maß der Dinge in der deutschen Siebenkampf-Szene waren. Ihre Punktzahlen wollte ich auch gerne einmal erreichen. Dass ich in Götzis dann mehr als 6.800 Punkte mache, das war jenseits von Gut und Böse. Damit hatte ich nie gerechnet, mein Trainer schon, aber noch nicht zu diesem Zeitpunkt. Die Bedingungen waren hervorragend und wir Athletinnen haben uns gegenseitig gepusht. Wenn man dann in diesem Flow ist, geht eigentlich alles wie spielend von alleine. Ich glaube, diese Punktzahl ist das, was ich in meiner Karriere noch am wenigsten verarbeitet habe (lacht).“

Wenige Monate später erkämpfte sich Carolin Schäfer bei den Weltmeisterschaften in London (Großbritannien) die lang ersehnte, erste internationale Medaille…

„Als ich nach den 800 Metern über die Ziellinie gelaufen bin, sind gefühlt 50 Kilogramm von mir abgefallen, weil ich mir endlich diesen Traum der Medaille erfüllen konnte. Endlich hat sich dieser lange, zehrende Weg gelohnt und ausgezahlt. Ich bin dort angekommen, wofür ich immer gearbeitet habe. Die Medaille steht für mich für die vergangenen zehn Jahre. Es ist für mich ein extrem harter Weg gewesen. Mit Niederschlägen und Rückschlägen, die mich sehr viel Kraft gekostet haben. Aber es hat sich absolut gelohnt, für das zu kämpfen, was man gerne haben möchte. Man bekommt am Ende für das, was man investiert hat, etwas zurück. Das ist das Schöne, dass man sich das selbst erarbeiten kann.“

Die großen Erfolge brachten für das EM-Jahr 2018 eine neue Ausgangssituation, ähnlich wie 2009 sind die Erwartungen deutlich gestiegen. Der erste Siebenkampf in Götzis verlief für Carolin Schäfer mit drei ungültigen Versuchen im Kugelstoßen nicht nach Plan. Die Norm für die EM in Berlin (6. bis 12. August) will sie unter den geänderten Vorzeichen nun beim <link>Mehrkampf-Meeting in Ratingen (16./17. Juni) erbringen…

„Ich bin keine Jägerin mehr. Ich bin jetzt die Gejagte. Das ist eine neue Rolle, die mich ehrt und die ich mir erarbeitet habe. Die eigenen Erwartungen sind durch die Medaille natürlich enorm gestiegen, weil ich weiß, was ich kann. Wir haben die Umfänge und Intensitäten im Training nochmal nach oben geschraubt, weil ich die Chance sehe, in absehbarer Zeit den deutschen Rekord noch einmal angreifen zu können. Dieses Ziel ist für mich sehr wichtig. Es ist für mich gerade eine neue Herausforderung, mal nicht so glücklich in die Vorbereitungs-Wettkämpfe einzusteigen. Ich habe acht Monate darauf hingearbeitet, die Norm schon in Götzis abzuhaken. Aber wer weiß, für was das gut war. Es hat bei mir den Schalter umgelegt: Ich bin jetzt umso motivierter und hungriger, wieder das zu zeigen, was ich kann. Ich glaube, das ist keine schlechte Ausgangssituation für Ratingen. Das Ziel für Berlin ist eine Medaille. Mit dem Heimvorteil will ich mein bestes Leistungsvermögen abrufen.“

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