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Maximilian Thorwirth: Der etwas andere Weg nach Rom und Paris

© Gladys Chai von der Laage
Ohne Höhentraining, aber mit viel Engagement für alle, die laufen, will sich Maximilian Thorwirth für Olympia und EM qualifizieren. Und organisiert auch ein wegweisendes Lauf-Event in Düsseldorf.
Christian Ermert

Maximilian Thorwirth ist ein außergewöhnlicher Läufer. Nicht unbedingt, weil er so viel schneller wäre als alle anderen. Mit seinen Bestzeiten und Erfolgen zählt der 29-Jährige zwar zu den Besten in Deutschland, war schon zweimal Deutscher Meister über 3.000 Meter in der Halle und gewann 2020, 2021 und 2023 jeweils Silber über 5.000 Meter bei nationalen Titelkämpfen im Freien, aber andererseits waren in der Leichtathletik-Geschichte auch schon 14 Deutsche schneller über 5.000 Meter als der gebürtige Düsseldorfer.

Zum deutschen Rekord von Dieter Baumann (12:54,70 min) fehlen ihm mit seiner Bestzeit von 13:18,35 Minuten mehr als 20 Sekunden. Auf der ganz großen internationalen Bühne des Laufsports hatte er bislang zwei Auftritte: 2022 bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Eugene (USA) im Vorlauf über 5.000 Meter und als Achter der Hallen-Europameisterschaften im serbischen Belgrad.

Läufer, Podcaster, Athletensprecher

Was ihn abhebt von den anderen Top-Läufern, ist seine Einstellung zum Spitzensport. Die Definition von Profitum beruht ja bei den meisten Läufern darauf, dass sie erstens vom Sport leben können und zweitens alle anderen Lebensbereiche der eigenen Leistung unterordnen. Bei Maximilian Thorwirth klingt das anders: „Ich möchte dem Sport schon während meiner aktiven Karriere etwas zurückgeben und andere zum Laufen motivieren“, sagt er.

Deshalb hat er sich in den vergangenen Jahren auch als stellvertretender Athletensprecher um die Belange der besten deutschen Leichtathleten und Leichtathletinnen im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gekümmert. Deshalb informiert und unterhält er zusammen mit dem ehemaligen Hindernisläufer Felix Hentschel und der Mittel-/Langstrecklerin Hanna Klein im Podcast Auslaufen Woche für Woche über die neuesten Entwicklungen im Spitzenlaufsport.

Herzensprojekt Kö-Meile

Sein Herzensprojekt neben der eigenen Laufkarriere ist aber die New Balance Kö-Meile in Düsseldorf. Dabei bringt er gemeinsam mit einem Team, zu dem auch sein Vater Frank, sein Bruder Benjamin, sein guter Freund Simon Sassin und sein langjähriger Trainer Bernd Zahlten gehören, Spitzen- und Hobbylaufsport zusammen. Und hat ganz nebenbei auch ein Leuchtturmprojekt fürs Laufen in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt geschaffen, nachdem dort mit dem Düsseldorf-Marathon und dem Kö-Lauf zwei Traditionsveranstaltungen untergegangen sind.

Bei der Kö-Meile wird im September das Laufen in all seine Facetten auf Düsseldorfs Prachteinkaufsstraße erlebbar. Die Schnellsten ballern genau 1.609 Meter in weniger als vier Minuten auf den Asphalt. Wer auch mal erleben will, wie es sich anfühlt, die klassische Mittelstreckendistanz im individuellen Höchsttempo zu rennen, ist herzlich eingeladen. 2023 nahmen mehr als 150 Läuferinnen und Läufer die Einladung an und sorgten für Top-Stimmung unter den Zuschauern.

Laufbegeisterung transportieren

Weitaus mehr bevorzugten aber das Erlebnis, einfach fünf Kilometer in deutlich ruhigerem Tempo in der Düsseldorfer City zu laufen. 2023 waren mehr als tausend über fünf Kilometer am Start. Hinzu kommen seit der ersten Auflage 2022 Kinder- und Schülerrennen sowie ein inklusiver Lauf, der gemeinsam mit der Düsseldorfer „Werkstatt für angepasste Arbeit“ veranstaltet wird. Insgesamt verzeichnete der Lauf im vergangenen Jahr mehr als 2.000 Teilnehmende.

„Wir wollten von Anfang an in unserer Heimatstadt ein Event kreieren, mit dem das Laufen so gefeiert wird, dass die Begeisterung von den Kindern bis zu den Älteren alle ansteckt“, sagt Maximilian Thorwirth, „mit Konfetti, mit Stimmung und mit Rennen, die Breiten- und Spitzensport verbinden.“ Jetzt findet er es „cool, mit der Straßenmeile zu zeigen, dass es beim Laufen nicht nur ums Immer-länger-und-weiter geht, sondern dass kürzer und schneller auch Spaß macht.“ Wer sich selbst überzeugen will, sollte am 1. September 2024 nach Düsseldorf kommen, wenn die dritte New Balance Kö-Meile gestartet wird.

Aber auch bei seinem Training geht Maximilian Thorwirth eigene Wege, die ihn schon zu drei Silbermedaillen bei Deutschen Meisterschaften über 5.000 Meter führten. Zuletzt musste er sich 2023 in Kassel ganz knapp Florian Bremm geschlagen geben. Während die meisten Coaches, Athletinnen und Athleten Höhentraining als unabdingbar für den Erfolg beim langen Laufen betrachten, verzichtet Thorwirth auf die Reisen nach Kenia, Äthiopien, in die USA oder in die Alpen, wo die über 2000 Meter hoch gelegenen Trainingszentren liegen.

Tübingen statt Kenia

Er bevorzugt das gewohnte Umfeld in Tübingen. Dort trainiert er seit ein paar Jahren bei Isabelle Baumann. Die Ehefrau und ehemalige Trainerin von Olympiasieger Dieter Baumann hat in der schwäbischen Universitätsstadt eine der stärksten Laufgruppen Deutschlands aufgebaut. Mit Maximilian Thorwirth trainiert dort auch seine Podcast-Partnerin Hanna Klein, die 2023 Hallen-Europameisterin über 3.000 Meter wurde.

„Wenn ich mein ganzes Umfeld mit Trainerin, Trainingspartnern, Physiotherapeuten und Freunden für ein paar Wochen in die Höhe mitnehmen könnte, würde ich wahrscheinlich auch in Kenia oder anderswo trainieren. Aber Isabelle arbeitet als Lehrerin, die kann nicht so lange weg sein“, sagt Maximilian Thorwirth. Für ihn überwiegen die Vorteile vor Ort in Tübingen den eventuellen physiologischen Nachteil des fehlenden Höhentrainings. Zumal er die leistungssteigernden Effekte des Trainings in der Höhe am eignen Körper noch nie ausgeprägt gespürt hat. „Ich habe ja auch Höhenerfahrung, aber es war nie so, dass ich mich danach super gefühlt hätte.“ Der Höhenboost sei bei ihm eher ausgeblieben. „Was aber natürlich nicht heißt, dass es ihn nicht gibt.“

Seine Trainerin unterstützt ihn da – auch wenn Isabelle Baumann bei anderen sehr auf Höhentraining setzt. „Ich schätze es sehr, dass sie beim Training auch die Meinung der Athleten gelten lässt“, sagt er über die 60-Jährige, die Anfang der 80er-Jahre zu den besten Mittelstrecklerinnen in Österreich zählte und danach Dieter Baumann und viele andere als Trainerin zu großen Erfolgen führte. Und was bedeutet es für ihn als 5.000-Meter-Läufer, im direkten Umfeld des einzigen deutschen Olympiasiegers in dieser Disziplin zu trainieren und zu leben? „Wir profitieren sicher alle von den Erfahrungswerten, die Isabelle im Training von Dieter gesammelt hat. Die beiden reden bestimmt auch mal über unser Training, aber uns gegenüber hält sich Dieter da raus.“

Reise um den Globus für Weltranglistenpunkte

Für Maximilian Thorwirth ist es auch mehr als 30 Jahre nach Baumanns Olympiasieg eine große Motivation, dort zu laufen, wo auch schon die großen Leistungen in den 90er-Jahren vorbereitet wurden. Und manchmal helfen auch ein paar aufmunternde Worte des Mannes, der seit 1997 der einzige Deutsche ist, der je 5.000 Meter unter 13 Minuten gelaufen ist. So wie diesen Winter, als Maximilian Thorwirth auf die Hallensaison in Deutschland verzichtet hat und stattdessen um die Welt gejettet ist, um bei hochkarätigen Meetings Punkte für die Weltrangliste zu sammeln, die ihm im Sommer bei der Qualifikation für Olympia in Paris (Frankreich) helfen sollen. In Boston und Melbourne wollte er schnell laufen. Ist erst in die USA und dann nach Australien geflogen. Auf eigene Kosten. „Das ermöglichen meine Sponsoren“, sagt er.

Doch so richtig aufgegangen ist der Plan nicht. Die 13:29,00 Minuten über 5.000 Meter in der Halle von Boston und die 7:43,15 Minuten über 3.000 Meter in der Halle seines Sponsors New Balance wenige Tage später waren noch ganz okay und brachten auch Punkte für die Weltrangliste. Auf dem langen Flug von der US-Ostküste über den Pazifik nach Australien wurde er dann krank. Mehr als 13:50,54 Minuten war nicht mehr drin.

Motivation von Dieter Baumann

Und so ist er seinem Ziel, Olympia in Paris, diesen Winter nur ein kleines Stück nähergekommen. Dieter Baumann hat ihm dann verraten, dass er früher auch einige Rennen gebraucht hätte, um richtig in Schwung zu kommen. „Das baut schon auf“, sagt Maximilian Thorwirth und verfolgt seinen Plan weiter, sich über die 5.000-Meter-Weltrangliste für Paris zu qualifizieren. Wohl wissend, dass die 13:05 Minuten, die vom Welt-Leichtathletikverband für die direkte Qualifikation verlangt werden, eher ein Traum denn ein Ziel sind. Nur drei Deutsche sind die 5000 Meter jemals so schnell gelaufen: Dieter Baumann und Stephane Franke (13:03,76 min) in den 90ern sowie der Dortmunder Mohamed Abdilaahi (13:03,18 min) vor zwei Jahren.

Und so wird Maximilian Thorwirth im Sommer alles daransetzen, unter die besten 42 der Weltrangliste zu laufen und die vom DLV für einen Olympiastart geforderten 13:20 Minuten zu unterbieten, um dann für Paris nominiert zu werden. Auf dem Weg dahin wartet mit den Europameisterschaften in Rom (Italien) vom 7. bis 12. Juni ein weiterer Höhepunkt, bei dem Maximilian Thorwirth zeigen kann, zu welchen Erfolgen sein ungewöhnlicher Laufweg führt.

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