| Jugend-Leichtathlet des Jahres

Tim Nowak - Kraftakt, Krönung, Neuanfang

Das hat vor ihm noch kein Athlet geschafft: Zehnkämpfer Tim Nowak ist von den Fans im zweiten Jahr in Folge zu Deutschlands „Jugend-Leichtathlet des Jahres“ gewählt worden. Eine unerwartete Anerkennung für eine Saison, die nur von außen aussah wie die nahtlose Fortsetzung einer Reise auf der Erfolgsspur.
Silke Morrissey

„Neeeeee“, sagt Tim Nowak. „Nicht wirklich, oder?!“ Der Anruf, der ihm die Nachricht von seinem Wahl-Sieg übermittelt, bringt den sonst so souveränen Athleten dann doch ein wenig aus der Fassung. Nein, damit hat er nicht gerechnet. Umso mehr freut er sich darüber. „Das zeigt ja, wie groß die Unterstützung der Fans ist“, sagt er.

So groß sogar, dass sie den Athleten vom SSV Ulm 1846 zum zweiten Mal in Folge auf Platz eins wählten. 2013 hatte er 25 Prozent der Stimmen erhalten, 2014 waren es noch einmal drei Prozent mehr. Tim Nowak ist der erste Athlet, der seit Beginn der Publikumswahl 2010 seinen Titel als „Jugend-Leichtathlet des Jahres“ verteidigen konnte. Allein Frank Busemann erhielt zweimal in Folge die Vorgänger-Auszeichnung, den „Tischi-Martens-Preis“ – wie der Zufall es so will ein Zehnkämpfer mit Stärken im Hürdensprint, genau wie Nowak.

Punktlandung

7.950+ Punkte. Diese Zahl hatte Tim Nowak Anfang des Jahres 2014 gemeinsam mit seinem Trainer Christopher Hallmann auf einen Zettel geschrieben, als erklärtes Ziel für die U20-WM-Saison. 7.980 Punkte leuchteten am  23. Juli 2014 auf der Anzeigetafel im Hayward Field von Eugene (USA) auf – gleichbedeutend mit Bronze. Kein deutscher U20-Athlet hat in einem U20-Zehnkampf nach aktuellem Regelwerk mehr Punkte gesammelt.

Eine Saison nach Plan, könnte man meinen. Und doch war der Weg aufs Treppchen von Eugene für Tim Nowak ein harter Kampf – vor allem mental. Denn die Vorbereitung auf 2014 begann mit der ersten größeren Verletzung seiner Karriere, einem Muskelfaserriss. Und einer Erkenntnis, die andere Athleten oft früher und häufiger machen müssen: „Ich kann mich nicht zu 100 Prozent auf meinen Körper verlassen.“  Zudem sei ihm bewusst geworden, welches Potenzial in seinen Konkurrenten schlummert, wenn die – wie er zuvor – verletzungsfrei durch eine Saison kommen.

Zurück nach oben gekämpft

Die Leichtigkeit und die Selbstsicherheit, die Tim Nowak durch seine ersten Jahre in den Jugend-Altersklassen getragen hatten, waren verschwunden. Erstmals gab’s in der Hallensaison kein DM-Gold, weder im Mehrkampf noch im Hürdensprint („Das hat mich auf den Boden der Tatsachen geholt.“). In die Sommersaison startete Nowak mit Defiziten im Sprintbereich – und mit der Frage im Hinterkopf: Spielt der Körper mit?

Die Frage sollte schnell beantwortet sein: Beim Deichmeeting in Neuwied konnte der Zehnkämpfer Mitte Mai wieder Vollgas geben und erlebte dort sogar einen der schönsten Momente des Jahres: Im Hochsprung floppte er über 2,02 Meter. „Aus verkürztem Anlauf! Da habe ich gemerkt, dass ich mich auch noch in Disziplinen verbessern kann, in denen ich eigentlich schon verhältnismäßig gut bin.“ Nowak schob die Zweifel beiseite – von da an lief’s.

Topfit wenn’s drauf ankommt

Es ist eine der besonderen Qualitäten von Tim Nowak, dass er stets dann Topleistungen bringt, wenn es drauf ankommt. Das war schon 2012 so, als er höher gewettete nationale Konkurrenz im Kampf um die U20-WM-Startplätze übertrumpfte. Und 2013, als er sich mit Bestleistung für die U20-EM qualifizierte und mit Bestleistung U20-EM-Bronze holte. Dass er 2014 seinen Hausrekord von 7.778 Punkte noch zwei weitere Male überbieten konnte, ist ein starkes Stück. Auch wenn er vorher hadert und zweifelt: Sobald er im Startblock, im Ring, am Anlauf steht, ist Tim Nowak voll da.

Dafür, dass letztlich doch der Spaß am Sport überwiegt, sorgen sein Trainer und seine Ulmer Trainingspartner, der EM-Fünfte Arthur Abele, der U20-Vize-Europameister von 2011 Mathias Brugger und der deutsche U18-Rekordler Manuel Eitel. „Für den Zehnkampf braucht man eine gute Trainingsgruppe“, lautet eines der Erfolgsrezepte von Coach Christopher Hallmann – und Tim Nowak bestätigt das: „Meine Trainingsgruppe hat einen großen Anteil daran, dass ich motiviert ins Training gehe“, sagt er. Gejammert wird da nicht – oder man läuft Gefahr, einen Spruch zu kassieren.

Professionelles Umfeld

In Ulm hat sich Tim Nowak für den Schritt in die Männerklasse das perfekte Umfeld geschaffen, mit einer eigenen Wohnung, kurzen Wegen zu Trainingsstätten, Physiotherapie und Kraftraum. Ein weiteres Puzzleteil zum Erfolg soll die neue Zusammenarbeit mit Sportpsychologe Walter Wölfle sein. „Ich stehe total auf sowas!“ sagt Tim Nowak, „ich hatte sogar mal überlegt, selbst Psychologie zu studieren.“

Schon jetzt merke er, wie er von den Gesprächen mit Wölfle profitiert. Und auch der Körper spielt mit: „Im Training läuft es gerade extrem gut“, sagt Tim Nowak. Wie gut die Form ist, das kann er Anfang Februar beim Mehrkampf-Meeting in Tallinn (Estland; 6./7. Februar) unter Beweis stellen – dann zum ersten Mal in der Männerkonkurrenz. Ein Gedanke, der Tim Nowak keine Sorgen bereitet: „Ich freue mich sehr darauf!“ Als Jugend-Athlet hat er sein Soll mehr als erfüllt, in die U23-Altersklasse kann er ohne große Erwartungen starten. „Das ist fast wie ein Neuanfang.“

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