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Jan Felix Knobel - Neues Umfeld, neue Motivation

Um Zehnkämpfer Jan Felix Knobel ist es in letzter Zeit ruhig geworden, die Saison 2014 musste der 26-Jährige bereits im Mai abbrechen. Mit neuem Trainer und in neuem Trikot hat sich der U20-Weltmeister von 2008 komplett umorientiert und will sich so seinen olympischen Traum erfüllen.
Tammo Lotz

Aller (Neu-)Anfang ist schwer. Bei den Hessischen Hallenmeisterschaften produzierte Jan Felix Knobel (Königsteiner LV) am vergangenen Samstag im Stabhochsprung einen Salto Nullo. Geärgert hat er sich nach diesem Fauxpas zwar, frustriert war er aber nicht. „Das war nicht das, was ich kann“, fasste er sein Wettkampf-Comeback nach fast einem Jahr Pause zusammen. Technisch befinde er sich auf einem besseren Niveau als bei seinem Sprung über 4,80 Meter vor einem Jahr an gleicher Stelle.

Dass er dieses Mal an seiner Anfangshöhe von 4,60 Metern scheiterte, lag an einer Mischung aus fehlender Wettkampfpraxis und unglücklichen Umständen. Erst ging seine Anlaufmarke verloren. Dann fehlte die Zeit, um den Anlauf neu zu vermessen. Am Ende stand er knapp 30 Zentimeter zu weit vorne, ergab die Auswertung der Videobilder. Alles halb so schlimm, findet der Hesse. „Ich habe nichts verloren. Schlimmer wäre es gewesen, wenn mir das in Ratingen passiert wäre“, erklärte der WM-Achte von 2011.

Das Zehnkampf-Meeting in Ratingen (27./28. Juni), traditionell der letzte Nominierungs-Wettkampf der deutschen Mehrkämpfer für den anschließenden Saisonhöhepunkt, ist Knobels Fixpunkt. Dort will der Hesse topfit sein und um die Tickets für die WM in Peking (China; 22. bis 30. August) mitkämpfen. „Aber nicht um jeden Preis. Wichtiger ist Rio 2016. Ich will meine Körner nicht ein Jahr vorher verschießen.“

Übertriebener Ehrgeiz

Hinter dieser Aussage steckt die Einsicht, dass der Körper das Kapital eines Leistungssportlers ist. Mit diesem Kapital ist Knobel aus übertriebenem Ehrgeiz nicht immer sorgsam umgegangen. Im Winter 2013/14 entzündete sich das Gleitgewebe an beiden Achillessehnen. So schlimm, dass der Architekturstudent jeden Morgen zwei, drei Stunden brauchte, um schmerzfrei gehen zu können. „Das hat sich in der Psyche festgesetzt“, erzählt Knobel.

Ein Besuch bei dem Sportmediziner Karlheinz Graff führte zum Umdenken. Saisonabbruch. Dazu kamen Differenzen unterschiedlicher Art mit seinem langjährigen Trainer. „Jürgen Sammert hat mich in die Weltklasse gebracht. Aber es gab auch vieles, das hätte anders laufen müssen“, kommentierte Knobel.

Wechsel zu Philipp Schlesinger

Mit dem hessischen Mehrkampf-Landestrainer Philipp Schlesinger glaubt Knobel einen Trainer gefunden zu haben, der sehr gut auf seine Bedürfnisse eingehen kann. Knobel schätzt die akribische Arbeitsweise des gebürtigen Gießeners. „Herr Schlesinger kann seine Vorstellungen sehr überzeugend vermitteln. Trainer und Athlet sind ein Team. Wir suchen gemeinsam nach Lösungen.“

Die leistungssportliche Auszeit im Sommer nutzte Knobel, um sein Architekturstudium wieder aufzunehmen. Er absolvierte ein Praktikum im Bereich Projektentwicklung und -management. Mit Aquajogging, Athletiktraining und auf dem Ergometer hielt er sich fit. Erst im September ließen die Achillessehnen wieder ambitioniertes Training zu.

„Ich bin überrascht, dass ich schon wieder so weit bin“, zieht der Friedrichsdorfer ein positives Zwischenfazit. Gesundheit, Fitness und Form stimmen. „Alles ist darauf abgestimmt, dass die alten Probleme nicht wieder auftreten.“ Den ersten Härtetest haben die Füße in einem dreieinhalbwöchigen Aufbautrainingslager in Südafrika überstanden.

Feilen an der Sprinttechnik

Im Königsteiner LV weiß Knobel ein medizinisches und physiotherapeutisches Kompetenzteam um sich. Er lobt die „klasse Strukturen“ und kurzen Entscheidungs- und Kommunikationswege im Sinne des Athleten. Gelegentlich werde Knobel im Sommer in der Burgstadt trainieren und neue Luft schnuppern, die meiste Zeit aber weiterhin an der Frankfurter Hahnstraße laufen, werfen und springen.

Zurzeit wird intensiv an der Sprinttechnik gefeilt, um mehr Grundschnelligkeit aufzubauen. 100 Meter-Zeiten von konstant unter 11 Sekunden sind das Ziel. Bislang liegt Knobels Bestzeit bei zulässigem Wind noch bei 11,04 Sekunden. Von den Fortschritten sollen auch die Leistungen über 110 Meter Hürden, 400 Meter und in allen Sprungdisziplinen profitieren. Bisher liegen die Stärken von Knobel in den Wurfdisziplinen.

"Cool bleiben"

Der Trend geht dahin, dass sich die sprint- und sprungbegabten Zehnkämpfer international durchsetzen. Wie der Weltrekord-Inhaber Ashton Eaton (9.039 Punkte). Der US-Amerikaner verkörpert für Knobel „absolute Weltklasse“. Schwächen? Fehlanzeige. Dahinter kommen alle anderen Vielseitigkeitsathleten. Auch die Deutschen.

Diese haben zuletzt bei den Europameisterschaften in Zürich bewiesen, dass sie international ein Wort mitreden können. Arthur Abele (SSV Ulm 1846; 8.477) verpasste als Fünfter Bronze nur um 21 Punkte. Direkt dahinter folgten Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied; 8.458) und Rico Freimuth (SV Halle; 8.308). Für Arthur Abele, der sich nach sechs Jahren Unterbrechung wieder für ein internationales Großereignis qualifizierte, hat sich Knobel „riesig gefreut, gerade weil er eine so lange Durststrecke hat durchmachen müssen.“

Um bei den Weltmeisterschaften in Peking dabei zu sein, müsste Knobel die 8.396 Punkte von vor zwei Jahren in Ratingen mindestens bestätigen. 2014 wäre er damit drittbester deutscher Zehnkämpfer gewesen. Und drei Athleten kann der DLV maximal für die WM nominieren. Der gebürtige Bad Homburger gibt sich gelassen. „Ich werde cool bleiben und die Dinge auf mich zukommen lassen.“

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